Eklat am Hauptbahnhof - Bahnwache legt Hand an

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Bahnwache un Polizei tragen eine Person quer über den Bahnsteig - Aufnahme MaxBryan-DiaryCam vom 18.5.2013 - 21.33 Uhr
 
Klaus: "Bahnwache darf (allein) keine Hand anlegen" (Foto: MaxBryan.com)
 
Klaus ist Langzeitobdachlos und wurde schon oft vertrieben
 
"Mahnwache gegen Bahnwache" demonstriert jeden Donnerstag gegen die neue Verhaltensordnung der Bahn
+++ Wehrlose Person wird rüde abgeführt und quer über den Bahnsteig getragen +++

Hamburg Hauptbahnhof im Mai diesen Jahres. Eine wehrlose Person wird in Handschellen quer über den Bahnsteig getragen. Schreie sind zu hören. Was die örtliche Polizeidienststelle aus zunächst verfassungsrechtlichen Gründen nicht durchsetzen konnte, realisiert nun die Deutsche Bahn mit ihren Mitarbeitern der DB-Sicherheit. Im Interview erklärt Dr. Thomas Leske, wie die "schwarzen Sheriffs" im Fall von nicht erwünschten Personen vorgehen.

"Zunächst erfolgt eine Ansprache, zum Beispiel dass das Rauchen hier (auf ehemals öffentlichem Gelände, dass die Stadt nun der Bahn vermietet hat) nicht (mehr) erlaubt sei und man das Rauchen doch bitte einstellen soll. Stufe 2 ist ein Platzverweis, man solle doch an den "Rand der Überdachung" treten und wenn man dies verweigert, folgt Stufe 3. Dann ziehen sie demonstrativ ihre Handschuhe an und gehen physisch zur Tat über und schubsen die Menschen an den Rand der Glasüberdachung. Vor einiger Zeit ist uns jemand da zu Fall gekommen ...(...) , berichtet Thomas Leske, Leiter und Initiator der Initiative "Mahnwache gegen Bahnwache".

Luft macht sich auch Klaus, ein Langzeit-Obdachloser, der seit vielen Jahren am Hamburger Hauptbahnhof den Tag verbringt, meist um sich nur unterzustellen oder eine Kleinigkeit zu essen, von dem, was andere wegwerfen. Auch er wurde oft schon vertrieben und in letzter Zeit nimmt die Brutalität der "DB-Sicherheit" zu.

"Dürfen die Dich schubsen?", frage ich und Klaus meint nein, das dürfen die nicht. Das zeigt schon ihre Unqualifiziertheit. Klaus sagt: "Alle Randständigen haben ein Hausverbot, damit sie sich zielgerichtet verhalten und sie eine Maßregelung mit auf den Weg bekommen (...)" und er weiß auch warum."Weil Randständige aus dem Gesichtskreis der Zielgruppe herausgenommen werden sollen". Die Zielgruppe sind diejenigen, für die hier eine Dienstleistung unterhalten wird. Entweder sind das die Fahrgäste oder diejenigen, die konsumieren.

Klaus ist sich sicher: Armut soll versteckt werden, denn es sieht nicht schön aus, wenn er sich den Becher, aus dem er trinkt, aus dem Müll holt und ja, es irritiert, vor allem Menschen, die das nicht kennen. Muss Armut schön aussehen?

Klaus im Interview mit Max Bryan:

MB: Glaubst Du, dass er geschubst wurde? (Werner im Video "Mahnwache gegen Bahnwache" Folge 4)

Klaus: Ja. Du brauchst Dich nur verbal den Anweisungen wiedersetzen, d.h. wenn man sie zu einer Rechtfertigung bringt, darauf verstehen sie sich nicht, dann fühlen sie sich in die Enge getrieben. Das haben sie bei mir auch schon gemacht und sind dann noch einen Schritt weiter gegangen. Erst haben sie mich behandelt wie ein kleines Kind und haben das dann auch gemacht, sind handgreiflich geworden und dann habe ich sie darauf aufmerksam gemacht, dass mir das Schmerzen verursacht, haben das aber nicht weiter zur Kenntnis genommen und stattdessen meine Taschen mir hinterhergetragen, ganz kindisch und mir auch noch meinen Flaschenpfand vorenthalten. Sie haben die Taschen also so hingestellt, dass da Passanten dran vorbeigehen konnten und wollten wirklich ganz naiv so tun, als wollten in der Zeit, in der ich meine Kartons wegtrage, Passanten daran vergriffen haben, in Wahrheit aber haben die sich dran vergriffen. Die haben es nötig gehabt, sich an meinem Flaschenpfand zu vergreifen, weil sie mal selber arbeitslos gewesen sind, und jetzt wie ich ihnen das vorwerfe, sie haben einen Wohlstandsgewinnerjob und deshalb spielen sie sich so auf als Kontrolleure.

MB: Aber dürfen die dich hier vertreiben?

Klaus: Sie haben eine Formalität. Die sagen, sie haben Hausverbot, sie dürfen sich hier nicht aufhalten. Dann muss man in dem Moment eben sagen, ich habe eine Fahrabsicht, dann fragen sie danach, haben sie denn eine Fahrkarte? Oder aber, ich verhalte mich zielgerichtet, denn man muss nachweisen, dass man sich zielgerichtet verhält. Entweder man geht zur Bahnhofsmission oder aber ...

MB: Einfach so stehen hier geht nicht?

Klaus: Nein.

MB: Warum nicht? Wo steht das? Ist doch ein freies Land?

Klaus: Nein, weil Randständige aus dem Gesichtskreis der Zielgruppe herausgenommen werden sollen. Die Zielgruppe sind diejenigen, für die hier eine Dienstleistung unterhalten wird. Entweder sind das die Fahrgäste oder diejenigen, die konsumieren.

MB: Und warum sollen die aus dem Gesichtskreis herausgehalten werden?

Klaus: Weil Armut versteckt werden soll in einer reichen Stadt. Es sieht nicht schön aus, wenn ich den Becher, aus dem ich trinke aus dem Müll hole, weil er nur einmal benutzt worden ist, ich ihn recycle und sauber hinreiche bei der Bahnhofsmission. Die sagen es sieht nicht schön aus, ich sage Armut muss ja auch nicht schön aussehen, haben Sie ein ästethisches Problem? Nein, das haben sie nicht, weil ich den Müll der daneben liegt, anders als andere, ja wieder reinlege und wenn ich nicht sammeln darf, müsste ich klauen gehen und dann sagen die: "Ja, dann gehen sie eben klauen" und ich sage, ja, genau, das ist die Beschäftigungstherapie, sie leben jetzt von mir und wenn ich klauen gehe, leben wieder andere von mir und deshalb schaue ich mal nach meinen Angestellten, ob sie auch was tun, denn einen Teil ihres Jobs haben sie durch Menschen wie mich, die diesen Lebensstil leben und wenn ich wieder destruktiv werde, was sie mir ja auch wieder sagen, weil ich nur so überlebe durch sammeln, dass schon destruktiv sei, weil es optisch ja nicht schön aussieht, dann in dem Moment habe ich keine Fluchtmöglichkeit mehr, dann in dem Moment geben sie die Anweisung: "Machen Sie jetzt das, was wir sagen. Treten sie die Fahrt an, gehen sie zur Bahnhofsmission oder verlassen sie unsere heiligen Hallen".

MB: Hhm ...

Klaus: Selbst wenn ich Essen finde und das hier verzehre oder mir jemand etwas schenkt, weil es ihm nicht mehr genehm ist, es ihm zu heiß ist oder er mir sonst auch wohlgesonnen ist, selbst dann und obwohl es hier gekauft worden ist, darf ich das, wenn die kommen, hier nicht essen. Da verweigere ich mich aber. Ich sage dann: Ich esse das hier, weil es ist hier gekauft worden ich bin jetzt hier Konsument und sie können sich vergewissern, dass ich das sauber hinterlasse und wenn ich zu Ende gegessen habe, gehe ich meiner Wege.

MB: Und dürfen Hand anlegen, dürfen die Dich schubsen?

Klaus: Nein, dürfen sie nicht. Das ist nur, weil das selber Randständige sind, die noch unter dem Eindruck der Diskriminierung stehen und diese Diskriminierung nicht verarbeitet und nicht in ihr Leben integriert haben, sondern diese Macht, wie sie es verstehen, dass sie "ermächtigt" sind, lassen sie jetzt an Menschen aus, indem sie sich selber aufwerten und andere abwerten.

Ich sage denen dann immer ganz ausdrücklich: "Sie sollten beim Objektschutz arbeiten, sie sind auf Menschen nicht ausgebildet, (was sie verneinen), und sie machen das nur nicht, weil sie, wenn sie hier bei den Menschen arbeiten und genervt werden, bekommen sie für ihre Nerverei noch mehr Geld als wenn sie beim Objektschutz arbeiten, aber sie beherrschen das gar nicht, den Umgang mit den Menschen.

Klaus: Wenn sie doch wenigstens die Tageszeitung lesen würden, könnte man sich mit ihnen von Mensch zu Mensch unterhalten. Aber da sie die ganze öffentliche Diskussion nicht verfolgen, weil sie ja gar keine Zeit haben Zeitung zu lesen und auch nur Unterhaltung sehen können im Fernsehen, weil sie ja arbeiten, haben sie ja gar keine Zeit sich zu informieren, kann man mit ihnen nicht mal von Mensch zu Mensch reden.

MB: Glaubst Du denn, dass dies auch so ein bisschen Macho-Gehabe ist, wenn die da den starken Mann raushängen lassen?

Klaus: Nein, jemand der diskriminiert worden ist, der hat einen Schock, weil er die Perspektive wechseln muss. Früher hatte er eine Zugehörigkeit, das war seine Perspektive, mit der er sich identifiziert. Man kann sich aber nicht mit Obdachlosigkeit und mit Arbeitslosigkeit, nicht mit Armut identifizieren, deshalb ist es ein Schock, den sie nicht integriert haben in ihrem Leben, der hat bei ihnen keinen Platz und weil sie das verdrängen, nenne ich das Wohlstandsgewinner-Job, weil sie Partei ergreifen, für den, der sie beschäftigt und sie sich hierüber mit der Macht identifizieren, obwohl es Ä**** sind, die dürfen nur das tun, was ihnen gesagt wird, nicht mehr und nicht weniger, und das schubsen gehört nicht dazu, das ist schon ihre Unqualifiziertheit, dass sie nicht auf Menschen ausgebildet sind und auch keine Dialoge führen können und auch nicht dazu gebildet sind, weil sie ja nicht mal die Tageszeitung lesen , um die öffentliche Diskussion zu verfolgen, die geführt wird, sei es über Armut, Mieterhöhung oder Streiks, Null Ahnung haben die davon.

Vor dem Bahnhof Ausgang Kirchenallee steht Thomas Leske und ich frage ihm, warum er hier ist.

Thomas: Ja, das machen wir jeden Donnerstag, schon seit vielen Wochen, das ist jetzt glaube ich das 17. mal heute und wir haben eben herausgefunden, dass die Stadt einen großen Fehler gemacht hat. Die Wirtschaftsbehörde hat an die Bahn, diesen glasüberdachten Vorplatz vermietet bzw. zur Nutzung übergeben und hat gehofft, dass die Bahn mit Hilfe von Verhaltensanordnungen gegen Randständige vorgeht, was die örtliche Polizei hier zunächst aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht durchsetzen konnte.

Inzwischen zählt die Initiative "Mahnwache gegen Bahnwache" ihren 21. Bericht und darin heißt es:

„Der Vertrag mit der Bahn habe eine Konkurrenzsituation zwischen öffentlichem und privatem Recht erzeugt, was seines Wissens eine untypische Praxis darstelle.

Quelle: http://altopia.blogsport.de/2013/05/31/neues-aus-a...

Untypisch waren auch die Schreie, die ich kürzlich noch auf meinem all-abendlichen Weg zur Bahnhofsmission hörte und schnell zückte ich die Kamera.

Drei DB-Sicherheitsleute und zwei Polizisten tragen eine scheinbar wehrlose Person quer über den Bahnsteig und die Hände waren auf den Rücken mit Handschellen gefesselt. An Armen und Beinen schleifen sie die Person mitten durch die Menge und setzen ihn dann auf Höhe der Rolltreppe ab, wohl um zu verschnaufen.

Die gefesselte Person wirkte hilflos, gar wehrlos und schrie nur immer, wohl auch vor Schmerzen und die ganze Brachialität dieser neuen Verordnung - dem Vertrag zwischen Stadt und Bahn - fand einmal mehr ihren Höhepunkt und das auch in dieser menschenfeindlichen Szene, die ich rein zufällig im Vorbeigehen so miterlebte.

Die Aufnahme stammt vom 18. Mai 21.33 Uhr und vielleicht gibt es ja einen Tagebucheintrag zu dem Vorfall, wo dann auch drin steht, was die Behandlung dieser Person mit derart drastischen Mitteln rechtfertigte.

Video dazu hier: http://www.youtube.com/watch?v=lL3FXnuzSJA

Danke allen Lesern,
und Thomas weiterhin viel Erfolg mit der Aktion "Mahnwache gegen Bahnwache"
wünscht Max Bryan
23.6.2013
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