Hamburg: Geht es St. Georg dreckig?

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Ladenbesitzerin Isolde Werner mit den Unterschriftenlisten. Sie ist Wortführerin der Anwohnergruppe, aber auf dem Foto möchte sie nicht erkannt werden Fotos: Grell
 
Leere Pflanzstellen wurden zum Müllbehälter umfunktioniert
 
Tuncay Tükel (l.) und Marcus Schanz machen ihren Job gern, würden sich aber freuen, wenn der Stadtteil weniger verdreckt wäre Foto: Grell

Gegen Müll, Alkohol, Prostitution: Anwohner appellieren an Politik und Polizei

Hamburg. Müll, Alkoholismus, Prostitution - Anwohner der Baumeisterstraße und der Ellmenreichstraße in St. Georg schlagen jetzt Alarm. Mit einem Brandbrief kritisieren sie ein „Abgleiten in die Verwahrlosung“ des Quartier zwischen Hauptbahnhof, Langer Reihe und Hansaplatz.
Insgesamt 73 Mieter, Wohnungseigentümer und Geschäftsleute haben das Schreiben, das an Bürgermeister Olaf Scholz, Innensenator Michael Neumann, Bezirksamtschef Andy Grote sowie an die Polizeiführung gerichtet ist, unterschrieben. Die Bürger haben eine Reihe von Missständen präzise aufgelistet und Lösungen vorgeschlagen – darunter eine kontinuierliche Polizeipräsenz und Streetworking.

Terrain zurückgewinnen

„Wir möchten das Terrain für uns und unsere Familien zurückgewinnen“, sagt Isolde Werner, Inhaberin eines Käse-Geschäftes. Erst vor zwei Jahren sei im Quartier massiv saniert und umgebaut worden, alleine 2,8 Millionen Euro seien in den Hansaplatz geflossen, rechnet sie vor: „Wir, die hier wohnen und arbeiten, können also erwarten, dass der Hansaplatz und Drumherum ein Platz für uns ist, an dem Familien ihre Kinder und Jugendlichen bedenkenlos laufen und spielen lassen können. Wir uns alle entspannt, ohne Angst, aufhalten können und unsere Freunde, Kunden und Hamburg-Gäste nicht das Grauen bekommen.“ Stattdessen sei der Hansaplatz heute ein „tot sanierter Messi-Platz“, heißt es in dem Offenen Brief, der vielen Hamburger Medien zugeleitet wurde. Unter anderem kritisieren die Bewohner „campierende Trinker, afrikanische Dealergruppen, ungeniert kobernde Prostituierte, Belästigung der Anwohnerinnen durch Männer, Urin, Kot und Müll in Ecken und Bäumen und Diebesbanden als Familien mit Kindern getarnt.“ Die Schuldzuweisung geht eindeutig in Richtung der Landesregierung: In St. Georg erlebe man die „Renaissance altbekannter SPD-Zeiten“.
Die Unterzeichner erinnern an den Aufstieg der Schill-Partei, die mit Law-and-Order-Themen bei der Hamburg-Wahl 2001 mit 19,4 Prozent der Stimmen aus dem Stand drittstärkste politische Kraft wurde und mit der CDU den rot-grünen Senat unter Bürgermeister Ortwin Runde (SPD) ablöste. Es hätte eines Rechtspopulisten wie Schill bedurft, um den Hansaplatz „seinerzeit ansatzweise von den ,sichtbaren‘ Drogen zu befreien“.
Die CDU nahm den aktuellen Protestbrief umgehend auf. Gut fünf Monate vor der nächsten Hamburg-Wahl setzt die Partei das Thema auf die Tagesordnung der heutigen Bürgerschaftssitzung.

Aktuelle Stunde

„Die aktuellen Hilferufe zur Situation am Jungfernstieg und der Anwohner rund um den Hauptbahnhof nimmt die CDU zum Anlass, dieses Thema in der Aktuellen Stunde zu diskutieren“, sagt der Fraktionsvorsitzende Dietrich Wersich: „Es zeigt sich, dass die Abschaffung des Ordnungsdienstes durch die SPD mit Sicherheit genau die falsche Maßnahme war. Für die CDU ist klar: Alle Hamburger haben einen Anspruch auf ein sauberes und sicheres Wohnumfeld!“
Aus dem Bezirksamt Mitte war die Reaktion auf den Brief der Anwohner eher verhalten. „Das ist kein neues Problem“, sagt Bezirkssprecherin Sorina Weiland, „deshalb sind wir auch ständig mit den Bürgern vor Ort im Gespräch.“
Erst Anfang September habe es wieder einen Runden Tisch mit Grundeigentümern, Bezirksamt und Polizei gegeben. Weilands Fazit: „Bahnhofsviertel sind immer schwierig. Da schüttelt man keine Lösung mal so eben aus dem Ärmel.“ Im Kern bestätigte Weiland die im Offenen Brief aufgelisteten Kritikpunkte. Der Brief der Anwohner werde ernst genommen, so Weiland. Die Sprecherin konnte aber keine konkreten Handlungsperspektiven nennen. „Die Probleme vollständig zu beseitigen wird nie gelingen. Wir müssen weiter im gemeinsamen Gespräch bleiben.“ Immerhin: Mit einem Weihnachtsmarkt auf dem Hansaplatz solle die Stimmung vor Ort verbessert werden.

Isolde Werner: „Es muss Grenzen geben“

Für Isolde Werner, die mit 72 anderen Anwohnern und Geschäftsleuten den Protestbrief unterzeichnet hat, steht die Marschrichtung fest: „Es muss Grenzen geben. Auch in Sachen Toleranz kann ich nicht alles hier am Platz dulden. Es gibt eine öffentliche Toilette direkt auf dem Hansaplatz, da muss nicht in jede Ecke gepinkelt werden. Früher kannte ich die Menschen hier, auch die Obdachlosen und Trinker, heute sprechen die nicht mehr meine Sprache, da ist kaum noch eine Verständigung möglich. Gegenüber meinem Laden ist durch die neuen Container eine regelrechte Müllstraße entstanden. Der Platz muss eine neue Chance bekommen, durch mehr kulturelle Veranstaltungen und weniger Läden, die dem Image schaden, wie Wettbüros, Kioske und Kneipen.“

„Wird immer schlimmer“

Auch die Stadtreinigung kann ein Lied von den Zuständen rund um den Hansaplatz singen. Zersplitterte Flaschen, zerknülltes Papier, Reste von Fastfood Verpackungen und jede Menge Plastiktüten - seit langem gibt es Ärger um den vielen Dreck, der jeden Tag am Hansaplatz und im Steindamm liegt. „Wenn wir mit der Kehrmaschine am Platz waren, ist der eine Stunde später schon wieder total zugemüllt“, bedauern Marcus Schanz und Tuncay Tükel von der Hamburger Stadtreinigung die Lage im Viertel. Seit 16 und 24 Jahren sind beide im Job und „es wird immer schlimmer mit dem Abfall im Quartier“, sagen die beiden.

„Laub vergeht, Flaschen bleiben“

„Allein am Hansaplatz wird mehrmals täglich gereinigt“, erklärt Reinhard Fiedler, Sprecher der Stadtreinigung. Zwei Mal wöchentlich rollen zusätzlich die Sperrmüllfahrzeuge an und holen die illegal weggeworfenen Kleinmöbel ab. Da St. Georg auch ein Kümmerer-Gebiet ist, in dem ein Mitarbeiter täglich vor Ort nach dem Rechten sieht, bestehe allerdings ein besserer Überblick in Sachen Müllbeseitigung. „Wir haben die Intervalle der Einsätze hier im Stadtteil erhöht“, so Fiedler, denn St. Georg sei ein besonders schmutzintensiver Stadtteil, dem jetzt in Sachen Sauberkeit noch mehr geholfen werden solle. Neben der kontinuierlichen Neuverschmutzung seien illegal abgestellte Säcke mit Hausmüll das größte Problem, hinzu kämen Verpackungsmaterialien der Gewerbebetriebe und wilde Müllablagerungen in Hinterhöfen und Hauseingängen.
„Laub vergeht, aber Flaschen bleiben“, analysiert Marcus Schanz die Lage im Viertel. Während er nur im Herbst nach den ersten Stürmen extrem viele Blätter in Säcke füllen muss, hat er das ganze Jahr über mit weggeworfenen Flaschen zu tun.
Schon ab fünf Uhr sind die beiden Kollegen im Steindamm unterwegs, um die Straßen für den Morgen schön zu machen. Dank gibt es dafür selten. Statt dessen „passiert es aber schon Mal, dass Anwohner sich durch die kleine Kehrmaschine gestört fühlen und aus den offenen Fenstern Teller nach uns werfen“, sagt Tükel. Wenn es nach ihm ginge, gebe es mehr Gitterboxen, in denen der Müll in Containern entsorgt werden kann. „Die rosa Müllsäcke, die auf die Straße gelegt werden sollen, sind häufig aufgerissen und der Müll auf der Straße verteilt“, erklärt er die Situation vor Ort. (kg)
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