Hamburg: Hier kommt heraus, was hineinkommt

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Museumschef Christian Niemeyer führt die Besucher durch das Zusatzstoffmuseum und erklärt, welche Pulver und Flüssigkeiten wir jeden Tag verspeisenFotos: Hörmann
 
Das Zusatzstoffmuseum ist aufgebaut wie ein Supermarkt, die Schaukästen informieren über Zusatzstoffe im Essen

Zusatzstoff-Museum auf dem Großmarkt: Auf den Spuren der Lebensmittelindustrie

Von Stefanie Hörmann
Hamburg. Die Aromatisierung von 100 Kilogramm Himbeerjoghurt mit frischen Himbeeren kostet die Lebensmittelindustrie 31,50 Euro, mit künstlichem Aroma nur 6 Cent. Das hat das Deutsche Zusatzstoffmuseum errechnet – und es liegt auf der Hand, wofür die Hersteller sich in der Regel entscheiden. Damit der Verbraucher nicht merkt, dass sein Joghurt keine Himbeere enthält, auch wenn er so schmeckt und riecht, gibt es die erstaunlichsten Tricks: Auf dem Etikett steht Fruchtzubereitung? Dann sind die Früchte gern bereits ausgepresste Cranberries. Sie wurden zu Saft verarbeitet und der Abfall, der übrig bleibt, kommt in den Joghurt. Juristisch sind das schließlich immer noch Früchte. Dazu etwas Aroma und fertig ist der Kirsch- oder Himbeerjoghurt.
Dieses ist nur eines von vielen Beispielen von Verbrauchertäuschung in der Lebensmittelbranche, über die das Zusatzstoffmuseum auf dem Hamburger Großmarkt aufklärt. In der EU kann die Industrie Tausende von Zusätzen wie Aromastoffe, Enzyme, Farbstoffe und Geschmacksverstärker zur Herstellung von Lebensmitteln verwenden. Viele von ihnen müssen nicht einmal deklariert werden. Das Museum klärt auf, warum das so ist, zeigt, wo nicht deklarierte Zusätze enthalten sein können, wie sie verschleiert werden und welche Möglichkeiten bestehen, auf derartige Zusätze zu verzichten. Aufgebaut ist das kleine Museum wie ein Supermarkt – die Regale gefüllt mit den typischen Lebensmitteln auf Plakaten, nur, dass der Besucher die Zusatzstoffe auch gleich in übersichtlichen Schaukästen präsentiert bekommt.
Die Lebensmittelindustrie ist erfinderisch, bemüht sich um das „saubere Etikett“. Beispielsweise werden häufig „Hefeextrakte“ oder „Milcherzeugnisse“ verwendet. „Diese Oberbegriffe klingen harmlos, können aber genau so schädlich sein“, erklärt Museumschef Christian Niemeyer: „Der Begriff Milcherzeugnis besagt nur, dass der Stoff ursprünglich aus Milch hergestellt wurde. Aber wenn wir mit unserem Lebensmittel einen bestimmten Milchbestandteil in einer Menge aufnehmen, die sonst in 100 Litern Milch enthalten ist, dann kann das unerwünschte Wirkungen haben.“
Auf der anderen Seite ist die Industrie bei Fertigprodukten gezwungen, das Lebensmittel zu bearbeiten, sonst würde es nicht haltbar sein und nach der Zubereitung auch nicht mehr gut aussehen. Die Verbraucher wollen nicht mehr alles frisch kochen, haben oft nicht die Zeit. Die Industrie reagiert auf diese Bedürfnisse. Die sogenannten „E-Nummern“, registrierte Zusatzstoffe, die auf der Packung angegeben werden müssen, sind nützliche Helfer.
„Nur, weil etwas ein E hat, ist es nicht automatisch schlecht“, weiß Christian Niemeyer. „Ich versuche selbst, möglichste viel selbst zu kochen, dann weiß ich, was enthalten ist. Außerdem achte ich auf die Farbstoffe, das ist schließlich nur Kosmetik für das Lebensmittel. Einige können Allergien auslösen oder Kopfschmerzen verursachen. Zum Beispiel Annatto, E 160b (wird zum Färben von Käse oder Margarine verwendet, Anm. der Redaktion).“

Das Lebensmittelrecht ist Europasache

Die Lebensmittelindustrie entwickelt immer neue „kleine Helfer“, zum Beispiel um Lebensmittel zu strecken oder teure Zutaten zu ersetzen. Mit diesem Erfindungsreichtum kommt die EU kaum mit.
Seit 2008 werden jetzt noch einmal alle bekannten Zusatzstoffe untersucht – 2020 soll die Prüfung abgeschlossen sein. Bis dahin hilft nur, selbst kritisch hinzuschauen – und sich zu informieren. (sh)
Geöffnet Mi, Fr, Sa, So 11 - 17 Uhr, Do 14 - 20 Uhr. Besucher müssen am Tor Nord zum Großmarkt klingeln, Buslinien 3, 120, 124 und 34, Haltestelle Nagelsweg

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