Hamburger Winternotprogramm - Was nicht im Faltblatt steht

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Übernachtungsstelle in der Spaldingstrasse (Foto: MaxBryan.com)
 
Ksenija Bekeris (SPD) will sich einsetzen für die Obdachlosen (Foto: MaxBryan.com)
Wie jedes Jahr um die Zeit startet am 1. November das Hamburger Winternotprogramm und Schätzungen zu Folge werden auch in diesem Winter rund 1200 Menschen nach einem Schlafplatz im Warmen suchen. Sozialverbände sprechen gar von bis zu 5000 Menschen, die in Hamburg kein Dach über dem Kopf haben. Dem gegenüber steht das Angebot der Stadt mit zunächst offiziell genannten 343 Plätzen, die laut Infobroschüre aus 230 + 96 + 17 = 343 Schlafplätzen bestehen.

http://www.hamburg.de/contentblob/127998/data/falt...
(zuletzt eingesehen am 29.10.2013)

Wo ist der Rest?


Im Interview mit der stellvertretenen SPD-Fraktionsvorsitzenden Ksenija Bekeris (Anfang des Jahres) klang das ganz anders. Da war von 850 Plätzen die Rede und das Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot spricht gar von 925 Plätzen, die von der Stadt vergangenen Winter vorgehalten wurden. Zitat: "Im letzten Winter war die Situation dramatisch: 925 Plätze wurden zum Teil nur in überfüllten Mehrbettzimmern, Fluren und Aufenthaltsräumen der Einrichtungen vorgehalten. Trotzdem fanden nicht alle Schutz gegen die Kälte bzw. zogen es unter diesen Umständen vor, weiter im Freien zu schlafen. Die Situation wird sich nicht verbessern." - Zitat Ende.

Frage an die Stadt: Wo genau befinden sich die übrigen, rund 507 Schlafplätze und weshalb - wenn angeblich doch vorhanden - sind diese Schlafplätze in dem Faltblatt nicht ausgewiesen?

Man sollte meinen, dass die Stadt in diesem Winter schlauer ist und vorgesorgt hat und nicht erst dann wieder anfängt zu improvisieren, wenn der letzte der 343 Plätze belegt ist. Jedes Jahr nämlich werden weit mehr als 343 Plätze für wohnungslose Menschen in der Stadt benötigt, warum also werden die Voraussetzungen für eine zumutbare Unterbringung dann nicht von vornherein geschaffen und so auch publiziert? Hofft man, dass die Nachfrage sinkt, wenn das Angebot kaum oder nur lückenhaft publiziert ist?

Salami-Taktik: Erst sparen, dann aufstocken

Auf Nachfrage bei den Verantwortlichen der Sozialbehörde teilen diese schriftlich mit, Zitat:" Bei Redaktionsschluss des Flyers waren die Planungen zum Winternotprogramm noch nicht beendet, weshalb die beiden Schulen und die Aufstockung der Platzzahlen bei den Kirchengemeinden und beim Pik As leider nicht berücksichtigt werden konnten.", erklärt Marcel Schweitzer, Pressesprecher der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Demnach will die Stadt nun angeblich 700 Plätze zur Verfügung stellen, das sind zwar mehr als beim Start im Vorjahr, aber weniger als tatsächlich benötigt und trotzdem wolle man auch in diesem Jahr "erst nach Bedarf aufstocken", so die Stellungnahme der Stadt.

Bettina Reuter vom Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot kennt die Zahlen genau und befürchtet ähnliche Zustände wie im vergangenen Jahr, als die Stadt im Eilverfahren zusätzliche Plätze zur Unterbringung von Obdachlosen schaffen musste, "die Leute wären sonst erfroren", teilt sie im Interview mit.

Nachbarn können helfen

Indes machen Sozialverbände mobil und werben für alternative Unterbringungsmöglichkeiten. Unter dem Motto "Obdach ist machbar, Herr Nachbar!" versucht die Gruppe um Michael Joho vom Einwohnerverein St.Georg leerstehende Gebäude zur Unterbringung von Obdachlosen herzurichten. Gemeinsam mit der Kirchengemeinde St.Georg Borgfelde und dem Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot will man nun aktiv gegen den Leerstand vorgehen und hofft auf die Unterstützung der Eigentümer. Die nämlich müssen mitziehen und auch bereit sein, obdachlose Menschen bei sich aufzunehmen.

http://www.hamburg1.de/aktuell/Obdach_ist_machbar_...

Klasse statt Masse

Kleinere Einheiten sollen es sein - weg von den Massenunterkünften und jeder kann mithelfen. Ob Keller, Gartenhaus oder Gästezimmer, wer helfen will, kann Bedürftige bei sich unterbringen, ein Heim bieten, das Büro öffnen, so vieles ist möglich, wenn man nur will. Allein in Hamburg stehen 1 Millionen Quadratmeter Bürofläche leer, wissen auch die Kollegen von "Leerstandsmelder.de", die auf ihrer Webseite so ziemlich jede leerstehende Immobilie der Stadt auflisten

Den Eigentümern dieser leerstehenden Gebäude täte es kaum weh, wenn sie den Winter über die Türen für wohnungslose Menschen öffnen und ihnen wenigstens die Nacht über ein Heim bieten. Schon ein einfaches Dach über dem Kopf würde so viel Gutes tun. In Ruhe durchschlafen zu können ist viel Wert, wenn man sonst nicht viel hat. Es ist so traurig, dass eine so reiche Stadt so viel Tragik zulässt.

Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Obdachlosen liegt bei 45 Jahren und Schlafentzug ist ein entscheidender Faktor. Übergriffe auf Obdachlose des Nachts sind keine Seltenheit und auch ich habe diese Angst schon miterlebt, nicht zu wissen, wie es ausgeht, ob man davon kommt oder Opfer dieser Nacht wird.

Es ist erschreckend, was Leute ohne Wohnung aushalten müssen, wenn man keine Tür hat, die man hinter sich zuschließen kann, wenn man den Gewalten der Straße schutzlos ausgeliefert ist. Die Wenigsten können sich das vorstellen, viele versuchen es - schon das ist viel wert!

Rette ein Leben ...

"Rette ein Leben und du rettest die Welt!". So was Schönes steht im Talmud und ich kann nur an alle Menschen guten Herzens appellieren - nehmen Sie diesen Satz wörtlich. Wenn Sie es tun, werden andere folgen und niemand muss im Winter mehr draußen schlafen. Dann wird der Kummer der Betroffenen ein Ende haben. Für eine Nacht, für einen Winter, vielleicht für ein ganzes Leben.

Max Bryan
29.10.2013

Helft mit und zeigt Flagge! Solidarisiert Euch mit den Betroffenen!

Kommt alle am 31. Oktober um 17.00 Uhr zum Hamburger Hauptbahnhof. Dort bilden wir die größte Platte Hamburgs - mit Schlafsack und Isomatte zeigen und erklären wir, was es bedeutet, kein Obdach zu haben.


--> http://www.diakonie-hamburg.de/web/fachthemen/wohn...
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