„Hier bin ich am richtigen Ort“

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Gutes Essen zaubern die Ein-Euro-Beschäftigten, er ist eher für Seelennahrung zuständig: Pastor Uwe Heinrich. Foto: Haas

Der Pastor von der Rathauspassage

Von Waltraut Haas
City. Seine Pfarrstelle hat weder Altar noch Kirchturm. Seit drei Jahren ist Uwe Heinrich (56) als hauptamtlicher Pastor in der Rathauspassage tätig. Man trifft ihn bei der Kirchen-Info oder überall in der Ladenzeile unter dem Rathausmarkt. An zwei Info-Tresen erhalten Besucher Auskünfte, was gerade in Hamburg läuft oder in Hamburger Kirchen. Im Restaurant gibt es die Wahl zwischen vier leckeren Gerichten. Und bei Tee, Kaffee oder Saft lässt es sich gemütlich schmökern in den Büchern des Antiquariats. Ein Plätzchen findet sich immer, trotz des Zulaufs in der Mittagszeit. „Es ist wie ein großes Wohnzimmer, das Ruhe ausstrahlt mitten im Trubel der Innenstadt. Und ich bin hier am richtigen Ort.“ sagt der Pastor mit vielsagendem Lächeln. Hauptamlich sieht er sich als Seelsorger gefordert.
„Meistens geht es um das, was die Menschen bewegt, besonders dann, wenn sie das Gefühl haben, dass es ihnen nicht gut geht.“ Und bei besonderen Nöten weiß der sozial engagierte Pastor, seit seinem Theologiestudium Wahl-Hamburger, wer weiterhelfen kann. Aus sämtlichen Schichten der Bevölkerung kommen seine „Klienten“, die Beschäftigten in der Rathauspassage ebenso wie „eben alle, die hier so reingespült werden“. Für alle Besucher hat der Seelenhirte ein Wort zur Besinnung parat. So ist auf der Rückseite der wöchentlich wechselnden Speisekarte auch ein Bibelwort zu lesen – meist in Heinrichs lyrischer Übersetzung. Denn zur körperlichen Stärkung reicht er gerne „Nahrung für die Seele“. Natürlich hält er auch Gottesdienste, immer freitags um 14 Uhr im angrenzenden Konferenzraum. Uwe Heinrich, abgesandt vom Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Hamburg-Ost, war zuvor in der Jugendarbeit tätig und im sozialen Brennpunkt am Osdorfer Born. Schon als Jugendlicher engagierte er sich ehrenamtlich in einem „Eine-Welt-Laden“. Heute sagt er, man helfe wohl mehr, wenn damit auch Leute von hier Arbeit bekämen. Und begrüßt bei seiner Runde herzlich Media Banae und Rolf Hoffmann. Die beiden arbeiten gerne im ansprechend dekorierten „Fair und Flair Laden“, leider nur bis zum kommenden August: Dann endet ihr Ein-Euro-Job in der Rathauspassage ebenso, wie schon für 25 Kollegen im Januar, weswegen der Imbiss-Kiosk bereits schließen musste. Aussichten auf reguläre Stellen bislang: Fehlanzeige. Die Streichung der Ein-Euro-Jobs brachte auch hier empfindliche Einschnitte. Nur noch 25 Beschäftigte sowie 30 ehrenamtliche Mitarbeiter halten den Betrieb in der Rathauspassage aktuell am Laufen. „Die Ein-Euro-Jobs bedurften zwar dringender Reformen.“ erklärt Heinrich, aber die dürften nicht auf dem Rücken aller Beteiligten ausgetragen werden: Davon betroffen seien die Träger ebenso wie die Betreuer und – nicht zuletzt – die ihnen anvertrauten Teilnehmer. „Die Leute haben doch richtig Lust auf Arbeit!“ weiß der Vater von vier Kindern. Aber im ersten Arbeitsmarkt hätten sie wenig Chancen – wegen ihrer „Vermittlungshemmnisse“. Der Pastor sieht hier auch die Kirche in der Verantwortung: „Wir müssen dringend neue und langfristige Perspektiven zwischen dem ersten Arbeitsmarkt und der dauernden Arbeitslosigkeit schaffen.“
Schließlich sei das der Beweggrund seines Glaubens und seines kirchlichen Engagements: „Bei uns werden alle Menschen so angenommen, wie sie sind.“ Das gelte auch für solche mit Alkoholproblemen oder solche, die schon lange arbeitslos sind. „Diesen Menschen möchte ich zeigen, dass etwas in ihnen steckt, zu dem sie Zutrauen haben dürfen.“ Zugleich will der Pastor vermitteln „zwischen den Welten, die die Marktwirtschaft auseinandergezerrt hat.“ Besucher der Rathauspassage sind dabei eingeschlossen: „Wer hier isst und trinkt, Bücher oder Kleider spendet, bildet Teil einer Brücke, auf der sich die Welten begegnen können.“ (wh)
Die Ladenzeile anderer Art Aus dem zuvor verwahrlosten und wenig benutzten Durchgang zum U- und S-Bahnsteig Jungfernstieg unter dem Rathausmarkt entstand 1998 mit der „Rathauspassage“ eine Ladenzeile der anderen Art. Sie sollte die Innenstadt beleben und zugleich Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose schaffen. Errichtet wurde sie mit Geldern aus dem Hamburger Spendenparlament und des Diakonischen Werks Hamburg. Derzeit wird sie geleitet von einer gemeinnützigen GmbH unter kirchlicher Federführung. Die Rathauspassage ist montags bis samstags geöffnet von 8 bis 20 Uhr; das Bistro-Restaurant öffnet von 10.30 bis 16 Uhr.

www.rathauspassage.de
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