Im Gedenken an Sinti und Roma

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Der Bahnhof wurde im Krieg zerstört. Heute erinnert ein Gedenkpavillon an die Verbrechen der Nazis Foto: Gehm
 
Am Lohsepark erinnert eine Gedenktafel an die Deportationen Foto: Gehm

Vor 75 Jahren begann die Deportation am Hannoverschen Bahnhof. Bürgermeister wird Kranz niederlegen

Von Dagmar Gehm
HafenCity
Am kommenden Sonnabend, 16. Mai, jährt sich der Auftakt zur Deportation und Ermordung tausender Sinti und Roma von Hamburg aus zum 75. Mal. Am Lohseplatz in der Hamburger HafenCity findet aus diesem Anlass eine Gedenkveranstaltung und Kranzniederlegung statt.
Keiner weiß es so genau, und nur wenige wollen es offenbar so genau wissen. Was damals geschah mit denen, die sich noch heute ins Abseits gedrängt fühlen, einer Minderheit, die selbst Politiker nicht wirklich auf dem Schirm zu haben scheinen. Immerhin nimmt an der Gedenkfeier am Lohsepark zum ersten Mal ein Hamburger Bürgermeister teil. Olaf Scholz wird einen Kranz niederlegen an der Gedenkstätte für die Hamburger Sinti und Roma, deren Verhaftungen am 16. Mai 1940 zwischen fünf und sechs Uhr morgens in verschiedenen Städten Norddeutschlands begannen. Wie eine Ware „verbracht“ in einen Fruchtschuppen im Freihafen, wo die „Zigeuner“ gesammelt wurden zum Transport am 20. Mai vom damaligen Hannoverschen Bahnhof ins Vernichtungslager Belzec im heutigen Polen. 1.500 insgesamt. Zwei weitere Deportationen folgten 1943 und 1944, nach Auschwitz.

Zwei Familien überlebten



Keiner der Verantwortlichen wurde jemals von deutschen Behörden zur Rechenschaft gezogen. Auf eindrucksvolle Weise zeigt die Ausstellung „In den Tod geschickt“ im Info-Pavillon am Lohseplatz die Deportationen von Juden, Roma und Sinti von 1940 bis 1945. Bis auf wenige Sinti, einer Untergruppe der Roma, gab es nach 1945 keine alteingesessenen Roma mehr in Hamburg. Nur zwei kleine Familien hatten das Nazi-Reich überlebt, doch sie wurden zwangsweise sterilisiert und konnten keine Nachkommen haben. Alles, was in den 70er-Jahren zuwanderte, waren Flüchtlinge aus Polen. Wie die Familie von Rudko Kawczynski, Vorstandsvorsitzender der „Rom und Cinti Union e.V.“ (RCU). Sie ist die zentrale Anlaufstelle der Gemeinschaft der Roma und Sinti in Hamburg: „In den späten Dreißigern hatten Sinti, die in Deutschland lebten, aus Angst, als Roma erkannt zu werden, sich nur noch als Sinti bezeichnet. So tief hat sich diese Furcht eingegraben, dass sie selbst nach 1945 nicht von ihnen wich.“ Gemeinsam sind den Roma und Sinti ihre Kultur und die Sprache Romanes – eine Mischung aus Griechisch und Sanskrit.
Mit den Flüchtlingswellen aus Ex-Jugoslawien und Syrien leben laut Kawczynski heute rund 300.000 Roma und Sinti in Deutschland, darunter zirka 50.000 in Hamburg, der Stadt mit den meisten Gruppierungen. Doch seit jeher kämpft die Volksgruppe gegen die diskriminierende Bezeichnung „Zigeuner“, gegen Vorurteile und Aberglauben. 2013 berichtete das private Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS), in etlichen Geschäften der rheinischen Stadt mit starker osteuropäischer Zuwanderung würden neuerdings umgedrehte Besen an Ladentüren und in Schaufenstern platziert. Für Kawczynski eine
antiziganistische Symbolik: „Sie zeigt, dass wir in diesen Läden unerwünscht sind. Es ist wie im tiefsten Mittelalter.“
Alljährlich am 16. Mai erinnern die Rom und Cinti Union und neue Hamburger Interessengruppen an die Deportationen von Sinti und Roma aus Deutschland. Als norddeutsche Städte so schnell dabei waren, „all ihre Zigeuner los zu werden“.
Jahrzehntelang habe sich, so Kawczynski, niemand vom Hamburger Senat um die Gedenkfeier geschert. Bis im vergangenen Jahr Innensenator Michael Neumann die Initiative ergriffen habe. Am kommenden Sonnabend wird nun auch der Erste Bürgermeister an der Gedenkveranstaltung teilnehmen, zusammen mit 60 bis 70 Vertretern der Roma und Sinti, vertreten durch das jeweils älteste Familienmitglied. Am ehemaligen Hannoverschen Bahnhof, der im Krieg zerstört wurde, gibt es eine Erinnerungstafel. Die eigentliche Gedenkstätte wird noch gebaut. Schon vor zwei Jahren hätte sie fertig sein sollen. „Wir machen keine Show aus dem Gedenktag“, sagt Kawczynski, „es ist für uns nichts anderes als ein Totensonntag. Ein Gedenken an diejenigen, die nicht zurückgekehrt sind.“

Sonntag, 16. Mai, 12 Uhr, Am Lohsepark, Gedenkstätte Hannoverscher Bahnhof
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