Konsequent zwischen den Stühlen

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Imam Ali-Moschee an der Schönen Aussicht. Fotos: Haas
 
Versteht sich als Mittlerin: Imamin Halima Krausen.

Imamin Halima Krausen

Uhlenhorst. Vom Denken in Schubladen hält Halima Krausen (62) nichts. „Radikal“ sei sie etwa, wenn es darum geht, gegen Ungerechtigkeit, Unwissenheit und Angst einzutreten; „fundamentalistisch“ wegen ihrer profunden Koran-Kenntnis; „erzkonservativ“, weil sie weder Schweinefleisch noch alkoholische Getränke zu sich nimmt, und weil sie immer ein Kopftuch trägt. Aber darüber will die deutsche Muslima nicht reden. „Diese Diskussion lenkt doch ab von den wichtigen Dingen!“Nur eine Epsiode fällt ihr dazu ein. Als ihr in der Schlange vor der Kasse im Supermarkt eine Frau zuruft: „Ausländer raus!“ entgegnet sie schnell: „Gleich geh‘ ich raus, aber erst muss ich noch bezahlen.“ Schlagfertiger Humor kann eben auch entwaffnen. Nazi-Parolen sind ihr zuwider wie die braune Ideologie.
Deswegen unterstützte sie am vergangenen Sonnabend das Bündnis „Hamburg bekennt Farbe“ bei der friedlichen Kundgebung auf dem Rathausmarkt.
Halima Krausen lebt mit ihrem Mann seit 30 Jahren in Hamburg, ist seit 1996 Imamin für die deutschsprachige Gemeinde an der Imam Ali-Moschee an der Schönen Aussicht, wo sie schon als rechte Hand des Imam Mehdi Razvi gearbeitet hat, ihrem Vorgänger und Lehrer. Zuvor hatte sie Theologie, Religions- und Islamwissenschaft an der Uni Hamburg studiert. „Ein Imam befasst sich mit Gottesdienst, Unterricht, Seelsorge, Beratung und Mediation.“ Letzteres sei eine Art geistliches Richteramt, erklärt Halima Krausen. Die Imamin kümmert sich um persönliche Konflikte, die ihr Gläubige anvertrauen: Religiöse Fragen, Zwist im Alltag oder Streit unter Eheleuten etwa, der nicht ausbleibe in Mischehen.
Wer zu ihr kommt? „Das bedarf keiner formellen Zugehörigkeit. Wer kommt, ist willkommen.“ Scheint einfach, wie die Imamin unterschiedliche islamische Glaubensrichtungen zu vereinen weiß. Dabei gibt es eine Vielfalt von Rechtsschulen, religiösen oder auch nationalen Traditionen. Die seien jedoch nur konfliktreich, wenn sie von machtpolitischen Interessen ausgenützt oder gar von außen geschürt würden. So etwa in Afghanistan oder im Irak, und schon vor langem in Indien und Pakistan. „Das führt dann zu den schmerzhaften Kapiteln dieser Weltgeschichte.“ seufzt sie.
Halima Krausen engagiert sich seit 1985 für den Dialog der Religionen. „Richtig spannend“ findet sie ihren Lehrauftrag für Lehramtsstudierende an der Akademie der Weltreligionen der Uni Hamburg. Zusammen mit Vertretern von Hinduismus, Buddhismus, Christentum und Judentum erarbeitet sie das Hamburger Konzept eines einheitlichen Religionsunterrichts. „Die Schulkinder sind doch sonst auch zusammen, wieso sollen sie nicht zu einem gemeinsamen religiösen Dialog angeleitet werden?“
Sie selbst hat schon als Kind eine „intuitive Theologie“ entwickelt. Nachdem die gebürtige Aachenerin vierjährig lesen lernt, studiert sie mit acht Jahren die ganze Bibel. Ihre Mutter ist evangelisch, der Vater katholisch, in einer Zeit, in der die eine Konfession die andere noch in der Hölle sieht. „Darüber habe ich damals viel gebrütet, gelesen und nachgedacht.“ Als Sprachtalent lernt sie schnell: so auch latein, hebräisch, schließlich arabisch. Mit 13 Jahren fühlt sie sich zum Islam hingezogen. „Moslem ist, wer an den einen Gott glaubt und an alle Propheten.“
Später bekommt sie Kontakt mit einer muslimischen Studentengemeinde in Aachen.
Danach wandert sie „zwischen den Welten“, lebt mit ihrem muslimischen Mann auch in Dänemark und Schweden, unternimmt zahlreiche Reisen in Europa, in den Orient und die USA. Halima Krausen tritt ein für einen „vernünftigen Islam und für islamische Spiritualität“. Sie versteht sich als Mittlerin zwischen den Glaubenstraditionen. Ihr Platz sei irgendwo zwischen den Stühlen, sinniert sie lächelnd, „dort sitzt man stabil, wenn man Rückgrat hat.“ Dazu passend zitiert sie aus der Koran-Sure 5 den Vers 48: „Hätte Gott gewollt, so hätte er Euch alle zu einer Gemeinschaft gemacht. Doch er will Euch prüfen… Wetteifert also miteinander zum Guten.“ www.halimakrausen.com (wh)
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