Nazi als Namensgeber?

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Einige Gebäude des Neubauviertels an der Finkenau stehen schon. Wegen der Benennung einer Straße gibt es jetzt UnmutFoto: Hanke
 
Namensgeber: Julius Fressel, der erste Direktor der Frauenklinik Finkenau. Er unterstützte Hitler Repro: Hanke

Neue Julius-Fressel-Straße sorgt für Unmut

Von Christian Hanke
Uhlenhorst. Ein neuer Straßenname sorgt für Unmut. In dem großen Neubauquartier zwischen Oberaltenallee, Finkenau und Uferstraße, in dem rund 500 Wohnungen auf einer 5,7 Hektar großen Fläche gebaut werden, ist eine der vier neuen Straßen, die das Wohnviertel erschließen werden, nach dem Arzt Julius Fressel (1857-1947) benannt worden.
Er war der erste Direktor der früheren Frauenklinik Finkenau. Den Beschluss hatte im September 2010 der schwarz-grüne Senat gefasst.
Pikant: Fressel hatte am 11. November 1933 das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ mit unterzeichnet. Auf diesen Umstand war WochenBlatt-Leser Parsifal von Pallandt gestoßen. Er ist empört: „Ich finde es sehr fragwürdig, warum man im Jahre 2010 noch eine Straße nach einem bekennenden Nazi benennen muss, wo doch gerade in Hamburg über Monate schon eine Debatte geführt wird, dass alle belastenden Namen aus dem Hamburger Strassenkatalog verschwinden sollen.“
Das Staatsarchiv, das alle Vorschläge zu Straßenbenennungen und -umbenennungen zu prüfen hat, verteidigt die Entscheidung für die Julius-Fressel-Straße. Das Argument: Fressel sei nie Mitglied der NSDAP gewesen. So stehe es in seiner Entnazifizierungsakte. „Da bei Verkehrsflächenbenennungen ausschlaggebend ist, dass keine NS-Belastung vorliegen darf, bestanden somit „gegen eine Benennung nach J. Fressel keine Bedenken“, antwortete Jörg-Olaf Thießen, im Staatsarchiv zuständig für die Benennung von Hamburgs Verkehrsflächen, auf eine Anfrage von Pallandts.
Die Unterzeichnung des Bekenntnisses zu Adolf Hitler spielt für das Staatsarchiv nur „eine untergeordnete Rolle“, zumal Fressel damals bereits 76 Jahre alt war und sich seit 1923 im Ruhestand befand. Sie war zum Zeitpunkt der Benennung nicht bekannt, „ändert aber auch im Nachhinein nicht das Prüfergebnis“, so Thießen.
Wer war Julius Fressel? Der Mediziner und Geburtshelfer studierte und promovierte in Göttingen, kam als 2. Arzt der Entbindunganstalt in der Pastorenstraße nach Hamburg.
Fessel kam als 2. Arzt der Entbindunganstalt in der Pastorenstraße nach Hamburg., siedelte mit dieser Einrichtung nach Eppendorf über und wurde 1913 als Leitender Oberarzt und Hebammenlehrer an die Finkenau versetzt, wo er zunächst die Baukommission für die neue Frauenklinik leitete und nach der Eröffnung 1914 die Leitung der Klinik übernahm (ab 1920 Ärztlicher Direktor). Obwohl Fressel offenbar kein NSDAP-Mitglied war, dürfte er eine sehr konservative Gesinnung gehabt haben. Er war Mitglied zweier Studentencorps und später Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei, die 1933 mit der NSDAP koalierte und Hitler eine Mehrheit für seine Regierung verschaffte.
Noch gibt es kein Straßenschild mit seinem Namen. Das Neubaugebiet an der Finkenau ist eine riesige Baustelle. Einige Gebäude stehen schon. Die Julius-Fressel-Straße wird in West-Ost-Richtung, parallel zur Finkenau durch das neue Viertel führen. Sie verbindet ausgerechnet zwei Straßen, die an NS-Opfer erinnern sollen: den Martha-Muchow-Weg und den Dorothea-Bernstein-Weg. Martha Muchow (1892 - 1933) war eine Psychologin und Pädagogin, die 1933 wegen ihrer Nähe zu dem jüdischen Wissenschaftler William Stern aller ihrer Ämter enthoben wurde. Sie starb kurz darauf nach einem Selbstmordversuch.
Dorothea Bernstein (1893-1942) war eine jüdische Lehrerin, die an der nahe gelegenen Oberrealschule Lerchenfeld, damals für Mädchen, unterrichtete. Sie wurde 1941 nach Polen deportiert und vermutlich 1942 ermordet. (ch)
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