Sanierung abgeschlossen

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Pulsierendes St. Georg: Seit 1991 hat der Senat rund elf Millionen Euro für die Quartiersentwicklung ausgegeben Foto: luc
 
Martin Streb ist Vorsitzender des Bürgervereins St. Georg Foto: Hanke
 
Michael Joho ist Vorsitzender des Einwohnervereins Foto: Grell

St. Georg: Senat ist zufrieden. Kritik kommt von den Vorsitzenden der Einwohner - und Bürgervereine

Von Karen Grell
St.Georg
Das Sanierungsverfahren in St. Georg wurde zum Jahresbeginn beendet. Jetzt zieht die Stadtentwicklungsbehörde positive Bilanz. Seit 1991 wurden rund elf Millionen Euro in den Stadtteil investiert. Bei dem Sanierungsverfahren seien zwei für Hamburg prägende Altbauquartiere sozialverträglich weiter entwickelt und viele bauliche Mängel behoben, Parks und Plätze umgestaltet sowie neue soziale Infrastruktur geschaffen worden.
Die Verfahren waren Teil des Rahmenprogramms Integrierte Stadtteilentwicklung (RISE), das Ende vergangenen Jahres auslief und das die Lebensqualität in den Quartieren für die Bewohner verbessert habe. „Die Gebiete haben sich zu lebendigen Quartieren entwickelt und bieten nun eine urbane Mischung aus Wohnen und Arbeiten, während gleichzeitig der prägende Altbaubestand erhalten und modernisiert wurde“, so Senatorin Dr. Dorothee Stapelfeldt. Die Gebäude waren in schlechtem Erhaltungszustand und hatten schon in den 1990er-Jahren zu großen Teilen erhebliche bauliche Mängel.

Veraltete Standards


Veraltete Standards, wie fehlende Badezimmer in den Wohnungen oder stark veraltete Sanitäranlagen, prägten den Bestand. Viele Wohnungen hatten schlecht geschnittene Wohnungsgrundrisse, zum Teil ohne ausreichende Belichtungs- und Belüftungsmöglichkeiten. In den Quartieren fehlten außerdem Grünflächen. Die Einrichtungen der sozialen Infrastruktur insbesondere für Kinder- und Jugendliche, wie Kinderspiel- und Sportplätze oder soziale Beratungsangebote, waren laut Behörde zu der damaligen Zeit unzureichend, die vorhandenen Gewerbeflächen unattraktiv und zum Teil von Leerständen geprägt. St. Georg wurde genau deshalb auch in das Sanierungskonzept mit aufgenommen.
Was die Einwohner dem Senat entgegnen, haben wir die Vorsitzenden des Einwohner- und des Bürgervereins gefragt.

Martin Streb (Bürgerverein): Mietenniveau gestiegen
Die Pressestelle des Senats hat am 7. Januar sinngemäß mitgeteilt, dass die Sanierung und städtebauliche Erneuerung St. Georgs im Rahmen des RISE-Programms sozialverträglich abgeschlossen sind. RISE steht für „Rahmenprogramm integrierte Stadtentwicklung“. Große Anstrengung mit vielen positiven Auswirkungen sind auch aus unserer Sicht unternommen worden. Die Mitwirkung der engagierten Bürger vor allem im Stadtteilbeirat ist im Pressetext hervorgehoben. Wir fragen aber sehr überrascht, wenn denn dieses Gremium so erfolgreich tätig war, warum die Bürger so erbittert für seinen Erhalt kämpfen mussten und warum es seit einem Jahr so sehr eingeschränkt worden ist. Es kann nicht übersehen werden, die Wohltaten für St. Georg im städtebaulichen, im architektonischen und im gesellschaftlich-sozialen Sinne haben das Mietenniveau deutlich angehoben. Das ist leider ein fast unvermeidlicher Effekt, der auch durch für St.Georg erlassenen städtebaulichen und sozialen Erhaltungssatzungen nur gemildert werden kann. Wir sehen nach wie vor großen Handlungsbedarf. Um nur einiges besonders Auffälliges zu benennen:
- die Sicherung und Erweiterung des Angebotes preisgünstiger Wohnungen ist unbedingt erforderlich, inklusive des Vermeidens von Zweckentfremdung von Wohnraum
- der Hansaplatz benötigt Mittel für eine vernünftige WC-Anlage, für bessere Beleuchtung und für Straßensozialarbeit zur Befriedung der vielen derzeitigen Nutzergruppen untereinander und mit den Anwohnern sowie den kleinen Betrieben, und zwar auch in den angrenzenden Straßen.
- der Steindamm sollte zu einem orientalisch geprägten Boulevard weiter entwickelt werden.
- der Kleine Spadenteich ist nach wie vor desolat.
- der Zentralpark muss ernsthaft weitergeplant werden.
- ein betreuter Trinkraum fehlt noch immer.
- das Umfeld des Hauptbahnhofes muss neu geordnet und gestaltet werden.“

Michael Joho (Einwohnerverein): Offenheit verloren:
„Leider versäumt der Senat, die negativen Auswirkungen seiner Aufwertungs- und Sanierungspolitik wenigstens ansatzweise zu beleuchten. Wo es hingehen würde, war schon Anfang der 1990er-Jahre klar, als das Areal zwischen der Böckmann- und der Lindenstraße längsseits der Adenauerallee einfach aus dem Sanierungsgebiet herausgeschnitten wurde. Die für Spekulation vorgesehene Fläche steht seit vielen Jahren leer, weil die „Quantum Immobilien AG“ seit einem Jahrzehnt auf lukrativere Zeiten setzt statt hier einen Komplex dringend benötigter Sozialwohnungen zu errichten.
1. Tatsächlich sind in den vergangenen 15 Jahren in dreifacher Größenordnung vor allem Eigentumswohnungen neu entstanden, durch Neubau oder Umwandlung von erschwinglichen in (hyper)teure Eigentumswohnungen. St. Georg gehört heute zu den zehn Stadtteilen mit den höchsten Neuvermietungsmieten in Hamburg. Es wurde also nicht an sich„das Wohnen in St. Georg gestärkt“, sondern insbesondere das Wohnen gut bis bestens verdienender Schichten. Bezeichnend genug, dass „versäumt“ wurde, das ausgelaufene Sanierungsgebiet Böckmannstraße unter den Schutz einer sozialen Erhaltungsverordnung zu stellen.
2. Tatsächlich sind im Sanierungsgebiet keineswegs neue Plätze geschaffen worden, der Lindenplatz ist eine unattraktive, wenig frequentierte Fläche mit gerade eben abgebauten Sitzbänken. Von erhöhter Aufenthaltsqualität auf den Straßen ist wenig zu spüren.
3. Die lange (weil inkonsequent verfolgt und ohne Finanzierungsbasis) am seidenen Faden hängende Lohmühlenpark-Erweiterung hätte es ohne das langjährige Engagement des Stadtteilbeirats und des früheren Sanierungsbeauftragten Erwin Jochem nicht gegeben. Immerhin, der Park ist zweifellos ein echter Erfolg der letzten anderthalb Jahrzehnte.
4. Tatsächlich konnten sich in der Lindenstraße einige kleinere Läden etablieren und in der Böckmannstraße das migrantische Gewerbe zumindest für den Moment gesichert werden. Mit Blick auf ganz St. Georg haben Bezirk und Senat allerdings nichts gegen das Sterben inhabergeführter, der Bevölkerungsversorgung dienender Geschäfte unternommen, bis auf die Förderung St. Georgs als erster Hotelstandort und zweite Gastromeile Hamburgs.
5. St. Georg ist nicht „offener“ geworden, durch die gezielte „Visitenkarten“-Politik und Maßnahmen (Abbau von Sitzmöbeln, anstehender Abbau des Pissoirs auf dem Hansaplatz, Kontaktverbotsverordnung etc.) hat er vielmehr an Offenheit verloren. Besucher und Gastropublikum, Hotel- und Pensionsgäste genießen immer mehr Vorrang gegenüber den Bewohnern. Durch die gezielte Verdrängung von Bevölkerungsgruppen mit geringerem Einkommen zählt der Stadtteil heute zu den hippesten und teuersten Vierteln Hamburgs.“
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