Sanierungswahn in der Neustadt

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In der nördlichen Neustadt stehen viele Altbauwohnungen wie diese in der Brüderstraße Foto: Hanke
Hamburg: Brüderstraße |

„Vielfältig intakte Bevölkerungsstruktur“ gefährdet. Der Verdrängung soll Einhalt geboten werden. Soziale Erhaltensordnung geplant

Christian Hanke
Hamburg-Neustadt
Überall im Bereich der inneren Stadt, in der Hamburger City und angrenzenden Stadtteilen sind Investoren aus der Baubranche mit Argusaugen auf der Suche nach Grundstücken, die hochpreisig verwertet werden können. Auch die nördliche Neustadt gerät zunehmend ins Visier der Immobilienunternehmen für die Umwandlungen in teuren Wohnraum. Hier können noch viele Eigentumswohnungen geschaffen werden. 97,1 Prozent des Wohnraums in der nördlichen Neustadt besteht aus Mietwohnungen. Eine Insel traditioneller Glückseligkeit. Um die zu erhalten, haben die Grünen schon vor etwa fünf Jahren begonnen, eine soziale Erhaltensordnung für die nördliche Neustadt auf den Weg zu bringen. Zunächst ohne Erfolg. „Andere Themen erschienen wichtiger“, erzählt Michael Osterburg, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bezirk Hamburg-Mitte. Doch dann hatten die regierenden Fraktionen in Hamburg-Mitte, SPD und Grüne, die soziale Erhaltensordnung für die nördliche Neustadt in ihre Koalitionsvereinbarung aufgenommen. Ende letzten Jahres lag eine Repräsentativerhebung über dieses Gebiet vor, die die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen in Auftrag gegeben hatte, bei der die Erhaltensordnung angemeldet werden musste.

Sanierung der Altbauten?

In dem Gebiet das in etwa durch Holstenwall und Kaiser-Wilhelm-Straße sowie Ost- und Südgrenze der Wohnbebauung der nördlichen Neustadt begrenzt wird, stehen zu 32 Prozent Altbauten. 46 Prozent der Gebäude wurden ab 1968 errichtet. Die Häuser befinden sich in einem „baulich gutem Zustand“. Aber es bestehen „Aufwertungspotenziale“. Die Untersuchung konstatiert einen „Verdrängungsdruck“, der sich in den letzten Jahren verstärkt hat. Derzeit befinden sich 35 Prozent der Wohnungen in Privatbesitz. Aber viele soziale Bindungen laufen demnächst aus. Gefahr für die „vielfältig intakte Bevölkerungsstruktur“, die in der Untersuchung ebenfalls festgestellt wurde. Mit ausgeprägten sozialen Netzen, hoher Integrationskraft und hoher Bewohnerzufriedenheit, die sich in einem ausgeprägten Stadtteilleben und hoher Gebietsbindung niederschlägt. „Etwa ein Viertel der Haushalte lebt seit mindestens 30 Jahren im Stadtteil“, so das Ergebnis der Erhebung. Darunter viele Rentner. Die Erwerbstätigenquote liegt nur bei 67 Prozent. Alle alteingesessen Neustädter dürfen nun aufatmen. Die Soziale Erhaltensordnung ist so gut wie beschlossen. Spätestens im Oktober sollte sie amtlich sein. Dann kann das Bezirksamt Hamburg-Mitte Baugenehmigungen in Richtung Luxus-Sanierung oder -Neubauten verweigern.
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1 Kommentar
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Rainer Stelling aus St. Georg | 21.09.2017 | 19:58  
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