Spurensuche geht weiter

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An das historische Haus in der Langen Reihe erinnert heute nur noch die verzierte Fassade. Es brannte aus, verfiel und wurde dann luxussaniert. Ein Richter durchleuchtete die Vorgänge akribisch - ein Strafverfahren gab es nie Foto: Grell
 
Richter a.D. Klaus Kaub erhebt schwere Vorwürfe gegen die Hamburger Justiz Foto: je

Mysteriöser Brand: Juristische Klärung ist noch bis 2025 möglich

St. Georg Die Empörung ist immer noch groß. Die Tränen bei den vertriebenen Hausbewohnern fließen heute noch. Es geht um die Brandstiftung in dem Wohnhaus Lange Reihe 57/59 vom 1. März 2005. Es ist ein Verbrechen, das sich gelohnt hat, für das aber vermutlich niemand zur Rechenschaft gezogen wird. Dabei sind nach Auffassung des Richters a. D. Klaus Kaub sowohl die Brandstifter als auch die Hintermänner bekannt. Unfassbar für den ehemaligen Richter am Landgericht Münster, dass die Hamburger Staatsanwaltschaft nicht tätig wurde, um die Täter strafrechtlich zu belangen.
Vor über 100 Besuchern, darunter frühere Bewohner des zerstörten Hauses, legte Kaub in der Aula der Heinrich-Wolgast-Schule dar, wie sich die Brandstiftung damals abspielte, und warum er so sicher ist, zu wissen, wer die Täter waren. Eingeladen zu dieser Veranstaltung hatte der Einwohnerverein St. Georg.

Schadenersatz abgelehnt


Als Richter am Landgericht Münster hatte sich Kaub mit den zivilrechtlichen Ansprüchen zu befassen, die die Immobilienfirma „Cantina Bau“ nach dem Brand gegen die LVM-Versicherung in Münster erhob. Es ging um 1,4 Million Euro Schadensersatz. In einem zwei Jahre lang dauernden Verfahren durchleuchtete Kaub mit akribischer Genauigkeit das Geschehen um das Wohnhaus an der Langen Reihe. Zum Schluss verweigerte er der Firma nicht nur den Schadensersatz, er war sich auch sicher, dass nur Mitarbeiter dieser Firma Auftraggeber der Brandstiftung sein konnten.
Da aber nach dem Urteil in Münster keine strafrechtlichen Konsequenzen erfolgten, ging „Cantina Bau“ in Berufung vor das Oberlandesgericht. Hier kam es zum Vergleich. Die Versicherung musste schließlich 380 000 Euro an die Immobilienfirma zahlen. Dabei hatte „Cantina Bau“ schon vor dem Vergleich gut kassiert. Im Januar 2004 hatte die Geestachter Firma das unversehrte Haus für 1,8 Millionen Euro erworben. Nach dem Brand hatte sie das Grundstück mit der Ruine für 2,35 Millionen Euro an eine andere Immobilienfirma verkauft.

Teuer weiterverkauft


Die Brandstifter waren zur Überzeugung von Klaus Kaub zwei Brüder, deren Namen bekannt sind und die nachweisbar gute Kontakte zum damaligen Geschäftsführer der „Cantina Bau“ hatten. Der ältere Bruder war Mieter einer Wohnung im dritten Stock des Hauses an der Langen Reihe.
Das Feuer wurde gegen 11.15 Uhr gelegt. Es gab vier Brandherde: auf dem Dachboden, im Lichtschacht sowie in zwei Wohnungen im ersten Stock. Wichtigste Zeugin für den Richter ist eine Polizistin, die, als das Feuer ausbrach, gerade einen Unfall in der Danziger Straße aufgenommen hatte. Sie sah Rauch aus dem Dach steigen, rannte zu dem brennenden Haus und stürmte das Treppenhaus hoch, um die Bewohner zu warnen.
Die Polizistin traf gegen 11.22 Uhr am brennenden Haus ein. Zwischen 11.22 Uhr und 11.29 Uhr gingen 48 Notrufe bei der Feuerwehr ein. Unter den Anrufern war auch der ältere der beiden verdächtigen Brüder. Die Polizistin klopfte und trat an alle Wohnungstüren des Hauses, um die Bewohner zu warnen. Um 11.23 Uhr schlug die Polizeibeamtin gegen die Türen der Wohnungen im ersten Stock. Zur gleichen Zeit ging der Anruf des älteren Bruders bei der Feuerwehr ein. Beim Abhören dieses Gespräches ist ein deutliches Klopfen und Poltern zu hören.

Abklatschen beobachtet


Für die Brandstifter, so der Richter, sei es danach nur möglich gewesen, aus einem Fenster der Wohnungen im ersten Stock auf einen Mauervorsprung im Hinterhof zu springen, um dann zum Ausgang der Straße
„Koppel“ zu gelangen. Dort seien die Brüder gegen 11.30 Uhr von Anwohnern beobachtet worden. Die Brüder klatschten sich ab wie nach einem gewonnenen Fußballspiel. Der jüngere Bruder soll triumphierend ein Feuerzeug in die Höhe gehalten haben.
Nach seiner äußerst genauen Beweisführung in dem Zivilverfahren, das im Jahre 2008 abgeschlossen wurde, schickte Klaus Kaub sein Urteil an die Hamburger Staatsanwaltschaft und forderte sie auf, tätig zu werden. Die aber erklärte ihm, dass man bei den eigenen Ermittlungen zu anderen Ergebnissen gekommen sei und die Brandstiftung keinem Täter nachgewiesen werden könne.
Auch offene Briefe, die der Richter an die Hamburger Justizsenatorin und den Hamburger Oberstaatsanwalt schrieb, blieben unbeantwortet und führten nicht zu weiteren Ermittlungen. Im Jahre 2012 stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren ein.
Zu der Veranstaltung mit Klaus Kaub hatte der Einwohnerverein St. Georg geladen, um das Geschehen vom 1. März 2005 noch einmal ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Der Verein hatte befürchtet, dass am 1. März die Verjährung für das Verfahren einsetzt. Doch dem ist nicht so. Die Verjährung bei dieser schweren Brandstiftung setzt erst nach 20 Jahren ein. Die Brandstifter müssen also noch zehn Jahre befürchten, zur Verantwortung gezogen zu werden.

Haus verfiel jahrelang


Auch der Bezirk, so der Einwohnerverein, ist nicht unschuldig daran, dass Gentrifizierung und „Gier nach Betongold“ in dem schönen Stadtteil weiter voranschreiten. Das ausgebrannte Haus in der Langen Reihe wurde über zwei Jahre Wind und Wetter ausgeliefert, bis es nicht mehr zu renovieren war. Dabei wäre eine Restaurierung möglich gewesen. Doch das abgebrannte Dach war nicht zugedeckt worden. Die Neubauwohnungen in dem Haus werden jetzt mit Preisen von über 600.000 Euro zum Verkauf angeboten. (je)
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