Streit ums Kirchenasyl

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Pastor Detlev Gause tritt für das Kirchenasyl einFoto: Grell

St.-Georg-Pastor Detlev Gause spricht im Interview über Asyl unterm Kreuz

St. Georg Schutzräume zu gewähren hat eine lange Tradition. Seit über 30 Jahren gibt es auch in deutschen Gemeinden das „Kirchenasyl“. Wenn Menschen eine Abschiebung in menschenrechtsverletzende Verhältnisse droht oder im Falle einer Ausweisung Leib und Leben gefährdet sind, können Verfolgte in Kirchengemeinden unterkommen und befinden sich dort in einem unantastbaren Schutzraum.
Auch in Hamburg greifen etliche Gemeinden, die sich für Flüchtlinge einsetzen, als letzte Möglichkeit auf das Kirchenasyl zurück. Bislang wurde dieses Asyl, das oft die letzte Hoffnung der bedrohten Menschen ist, von der Stadt toleriert. Was aber bis heute sicher war, sollte sich nun in einigen Punkten verschärfen. Flüchtlinge, die unter die „Dublin III“-Verordnung fallen und denen die Abschiebung in ein anderes europäisches Land droht, gelten demnach nicht mehr als von Leib und Leben bedroht und, sofern sie sich im Kirchenasyl befinden, ab sofort als flüchtig. Schutzsuchende werden somit kriminalisiert. Nach aktuellen Aussagen von Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, der noch in der vergangenen Woche das Kirchenasyl prinzipiell abgelehnt hatte, solle der Einzelfall jetzt schneller geprüft, das Kirchenasyl aber nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt werden. Die Verlängerung der Abschiebung in ein anderes europäisches Land von sechs auf 18 Monate ist zudem vorerst vom Tisch.
Derzeit gewähren die evangelischen und katholischen Gemeinden in Deutschland in 226 Fällen Kirchenasyl.

WochenBlatt: Gibt es in Ihrer Kirchengemeinde zurzeit Menschen, die im Kirchenasyl leben?
Detlev Gause: Wir hatten bis vor Kurzem zwei junge Männer aus dem Iran und aus dem Irak hier. Einer lebt immer noch bei uns, der andere hat eine Arbeitserlaubnis und eine Duldung erhalten.

Todesstrafe droht bei Abschiebung


WB: Warum haben die jungen Männer Hilfe bei der Kirchengemeinde gesucht und keinen offiziellen Asylantrag gestellt?
Gause: Daniel und Markus sind beide homosexuell und sind als Moslems zum Christentum konvertiert. In ihrem Heimatland ist das ein sicheres Todesurteil für sie. Da in dem einen Fall ein Asylantrag in Norwegen bereits abgelehnt wurde, standen die Chancen nicht gut, dass es in Hamburg zu einem geordneten Asylverfahren kommen würde. Der betreffende Flüchtling war aber inzwischen in unserer Stadt „angekommen“ und hatte sich u.a. in unsere Kirchengemeinde sehr gut integriert.

WB: Was hat sich mit der Dublin-III Verordnung geändert und warum ist die Kirchengemeinde nicht in allen Punkten einverstanden?
Gause: Flüchtlingen, die bereits in einem anderen europäischen Land einen Asylantrag gestellt haben, droht jetzt die Rückführung dorthin zurück. Man geht bei Flüchtlingen, die in ein anderes europäisches Land abgeschoben werden sollen, davon aus, dass keine Gefahr für Leib und Leben besteht. Unser Kirchenasylant war bereits in Norwegen abgelehnt worden. Jetzt drohte ihm die Abschiebung in sein Heimatland. Dort hätte ihn die Todesstrafe erwartet.

WB: Wie muss man sich die Unterbringung der Flüchtlinge in Ihrer Gemeinde vorstellen?
Gause: Eigentlich müssen die Schutzsuchenden direkt auf dem Gelände der Kirche verweilen, ansonsten droht ihnen die Verhaftung. In unserem Fall ist der Betroffene aber bei einem Gemeindemitglied privat untergekommen. Die Finanzierung für die Versorgung, Deutschunterricht und Kleidung übernimmt dann auch die Gemeinde.

Oft die letzte Hoffnung


WB: Warum ist das Kirchenasyl neben den gültigen Rechten so wichtig?
Gause: Das Kirchenasyl ist oft die letzte Hoffnung für die Schutzsuchenden. Es muss neben dem Richterspruch und der Gesetzgebung auch noch eine Möglichkeit zum zivilgesellschaftlichen Korrektiv geben. In Hamburg wird das Kirchenasyl respektiert, und wir haben immer viel Unterstützung bekommen.

WB: Kann sich Ihr Schutzsuchender im Stadtteil unbekümmert bewegen?
Gause: Einen Pass hat er nicht. Bei einer Kontrolle könnte es Schwierigkeiten geben. Wir haben ihm ein Dokument von der Aids-Seelsorge mit unserem Stempel drauf mitgegeben und hoffen, dass im Falle einer Überprüfung zuerst bei uns nachgefragt werden würde. (kg)
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