Teures Pflaster St. Georg

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Kopfsteinpflaster, enge Bebauung, keine Bäume – sieht so eine gute Wohnlage aus? Foto: Luckey
 
Die rund 40 Bewohner, Vereine und politische Vertreter fordern von der Behörde für Stadtentwicklung die Wohnlage in Koppel, St. Georg- und Rautenbergstraße umgehend auf „normal“ zu korrigieren Foto: Luckey

Mieten sind um mehr als sechs Prozent gestiegen

Von Annette Luckey
St. Georg
Bezahlbarer Wohnraum ist knapp in St. Georg. Die umfangreiche Stadtteilsanierung – eigentlich für die Bewohner des Viertels gedacht –, Umwandlung von Wohnraum in Eigentumswohnungen, hochpreisiger Wohnungsbau und der Druck in die zentralen Szeneviertel treiben die Mieten in schwindelnde Höhen. Viele alteingesessene Bewohner fragen sich, wie lange sie noch bleiben können. Der neue Mietenspiegel 2015 weist einen Anstieg der Durchschnitts-Nettokaltmiete in St. Georg um 6,1 Prozent aus. Dies ist die höchste Steigerungsrate seit mehr als einem Jahrzehnt. Eine weitere Hiobsbotschaft versetzt die Bewohner St. Georgs ebenfalls in Sorge: Die 2013 mehrfach beim Hamburger Landgericht erstrittene Rückstufung der Wohnlage der Straßenzüge Koppel 1 bis 33 und 4 bis 40, die gesamte St. Georgstraße und die Rautenbergstraße von „gut“ auf „normal“ wurde von der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen bei der turnusmäßigen Einstufung wieder rückgängig gemacht – ohne erkennbaren Grund. In der Straße Koppel gingen prompt zu Jahresbeginn die ersten saftigen Mieterhöhungen unter Berufung auf die Hochstufung in „gute“ Wohnlage ein. Der Stadtteilbeirat behandelte das Thema „Mietenspiegel und Wohnlage“ in seiner ersten Sitzung des Jahres als Topthema. Referatsleiterin „Bereich Wohnungsbestandspolitik“ der Stadtentwicklungsbehörde, Maren Reder, sowie Matthias Klupp, Geschäftsführer der mit der Bewertung beauftragten Beratungsgesellschaft „Analyse und Konzepte“, sollten Antworten geben. Wieso, so die Frage der Betroffenen, setzt sich die Behörde über das Gerichtsurteil ohne erkennbaren Grund hinweg? Schließlich seien äußerliche Verbesserungen in den Straßenzügen, zu denen der Holzdamm nun auch gehört, nicht auszumachen. Die Straßen seien – trotz Alsternähe Nähe zum Hauptbahnhof – weiterhin baumlos, eng, verschmutzt und laut wie bisher. Referatsleiterin Reder und Geschäftsführer Klupp verwiesen auf die Einstufungen der Vorjahre: „Die Werte für die Straßen Koppel, St. Georgstraße und Rautenbergstraße waren immer gut.“ Die Rückstufung der Straßen im Jahr 2013/2014 sei einzig aufgrund abweichender Kriterien richterlichen Ermessens auf „normal“ herabgesetzt worden. Nun sei wieder die allgemein geltende Wohnlagenberechnung zur Anwendung gekommen – nach Indikatoren, die der Gutachterausschuss aus Eigentümerverbänden, Richtern, Mieterverbänden und Sachverständigen entwickelt und die seit 1995 für ganz Hamburg gelten.
Beide beriefen sich auf das geltende Einstufungsverfahren. Die extrem gestiegene Nachfrage nach Wohnraum in Citylage beinflusse das Image einer Wohnlage, den Gebietsstatus und Bodenwerte, die den Hauptfaktor für die Einstufung bildeten. Merkmale wie Baumbestand, Verkehrsanbindung und Belastungen würden dabei geringer gewichtet. „Die Indikatoren haben mit Wissenschaft nichts zu tun. Für die Mieter spielen Bodenrichtwerte null Rolle“, kritisierte der Einwohnerverein St. Georg das Procedere. Aus dem Plenum wurde die Forderung nach politischen Korrekturen laut. Reder und Klupp betonten demgegenüber, dass Mietenspiegel und Wohnlagenverzeichnis lediglich den Markt abbildeten, aber keine Regulierungsinstrumente seien. Rechtsanwalt Siegmund Chychla, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Mietervereins zu Hamburg, gab zu bedenken: „Wir sind froh, dass wir den Mietenspiegel haben. Damit konnten wir verhindern, dass sich die Mieten der Marktentwicklung anpassen und nicht einfach durch die Decke gehen.“ Ungeachtet dessen forderte der Stadtteilbeirat die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen auf, das Wohnlagenverzeichnis 2015 für die westliche Koppel, St. Georg- und Rautenbergstraße „unverzüglich“ auf „normale“ Wohnlage zu korrigieren und dem Stadtteilbeirat zeitnah mitzuteilen, welche weiteren Straßenabschnitte St. Georgs hochgestuft wurden.

Info:
Der Einwohnerverein St. Georg lädt am Mittwoch, 17. Februar, zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung in die Dreieinigkeitskirche am St. Georgs Kirchhof ein. Angekündigt sind Staatsrat Matthias Kock (Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen), Matthias Klupp (Beratungsgesellschaft analysen & konzepte) sowie der Verein Mieter helfen Mietern. Themen sind die sogenannte Wohnlageneinstufung und wie sich Mieter bei Mieterhöhungen rechtlich zur Wehr setzen können. Beginn ist um 19 Uhr.
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