Verliert St. Georg sein Gesicht?

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Hunderte sind zu der Demo gekommen und haben ihre Solidarität ausgesprochen. Foto: Grell
 
Viele kaufen für ihre Kinder Bücher in der Buchhandlung Wohlers, der immer ein paar Besonderheiten im Verkauf hat. Die Niedergelegten alten Exemplare direkt vor der Wohnung des Vermieters, zeigten den Protest im Viertel. Fotos: Grell

Buchhandlung Wohlers muss raus

Von Karen Grell
St. Georg. Wer die Lange Reihe aus den 80er Jahren kennt, der wird sich noch an die kleinen Tante-Emma-Läden erinnern, in denen man halbe Brötchen auf Wunsch mit Salami oder Butterkäse belegt bekam. Der hat mit Sicherheit seinen Kindern dort auch das erste Musikinstrument im Kellergeschoss gekauft und wahrscheinlich auch ein Buch zum Geburtstag bei der Buchhandlung Wohlers, der alles im Sortiment hat oder es bestellen kann. „Was bei Wohlers immer mit viel Gemütlichkeit verbunden war, im Vergleich zu den großen Buchhandlungen, in denen es oft lange Warteschlangen an den Info-Ständen gibt, das soll jetzt ausgelöscht werden,“ ärgert sich eine Bewohnerin des Stadtteils. Verantwortlich dafür ist der Hausbesitzer Frank Jendrusch, für den Jürgen Wohlers ab dem nächsten Jahr statt der bisherigen 1400 jetzt 4100 Euro aufbringen soll. „Wo Zahlen sich scheinbar spielerisch verändern, steht nun ein lang bewährtes Geschäft vor dem Aus“, bedauern die langjährigen Kunden der Buchhandlung. Schon in der dritten Generation führt die Familie Wohlers, gegründet von Dr. R. Wohlers, den Laden in der Langen Reihe 68 bis 70, hat Krieg und Wirtschaftskrisen überwunden und wird jetzt an der 300 prozentigen Mieterhöhung scheitern. Hunderte protestierten mit Megaphonen bereits vor der Residenz des Herrn Jendrusch am Hansaplatz, eine Stellungnahme seinerseits hat es vor Ort allerdings nicht gegeben. Alle wollen sie, die Lange Reihe mit ihrem bunten Flair, mit ihren interessanten Menschen und auch einigen Prominenten, die sich hier im Stadtteil schon vor Jahrzehnten eine Wohnung gesucht haben. Touristen laufen suchen durch die Straßen und lesen in alternativen Stadtführern nach, was es hier zwischen den offiziellen Zeilen zu entdecken gibt. Alle wollen nicht nur die Straße erleben, sondern auch ihre Geschichten erkunden, eigentlich sogar für einen Moment an ihnen teilhaben.
Die Bewohner des Stadtteils haben sich ihre Geschichte nicht nehmen lassen und vor Jahren sogar mit einem Aufkleber „Die Lange Reihe – eine Welt für sich“ das besiegelt, was vor Ort zu erkennen ist. „Die Lange Reihe und St. Georg haben mit Sicherheit die engagiertesten Bewohner, die es in einem Stadtteil geben könnte“, behaupten die Vereine vor Ort. Jetzt aber kämen neue hinzu, Menschen, die noch kein Buch bei Wohlers gekauft hätten und die sich vielleicht auch außerhalb des Stadtteils zunehmend orientieren. Wer aber steckt nun eigentlich hinter der extremen Veränderung im Stadtteil? Michael Joho vom Einwohnerverein kritisiert nicht nur die die Immobilienbesitzer, sondern auch den Bezirk, der das Viertel, seiner Meinung nach, auf den Kurs drängen will, auf dem es sich zurzeit befindet. Weg von bezahlbaren Wohnungen und alteingesessenen kleinen Läden und hin zu Eigentumswohnungen, schicken Boutiquen und Ladenketten. „Bald haben wir nur noch Friseure und Bäckereien in St. Georg“, vermutet ein Bewohner, der seit 40 Jahren im Viertel lebt. Wenn die Vielfalt erst verlorengeht, dann wird St. Georg langweilig“, vermuten alle, die den Stadtteil so geliebt haben, wie es bisher war. „Wir haben auch neue interessante Läden hinzubekommen“, argumentiert die Besitzerin des Kinderladens, der vor zwei Jahren am Ort eröffnet hat. Der Stil dieses Geschäftes entspricht allerdings der Gemütlichkeit der bisherigen Läden. Nach dem Verschwinden des beliebten Musikgeschäftes, dem Bettenladen, dem Biogeschäft ganz unten an der Ecke Schmilinzkystraße und dem Umzug des Kräuterhauses in die Koppel wird nun auch die Buchhandlung Wohlers Abschied nehmen müssen. Die Bewohner des Stadtteils wollen aber noch nicht aufgeben. (kg)
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