Vom Schmuddel- zum Szeneviertel

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Lounge mit Frischluftfaktor: Am Hansaplatz trifft sich die Szene. Fotos: Teuber
 
Neue Gastronomie am Hansaplatz.

St. Georg wird zur Großraum-Lounge

Von Fabian Teuber
St. Georg. Im ehemaligen Revier von Junkies und Prostituierten genießen Gutverdiener heute ihren Latte Macciato. In etwa so muss die Reissbrettzeichnung zur Wandlung St. Georgs vom typischen Bahnhofsviertel zum angesagten Szenestadtteil aussehen – vielleicht ist es auch der Versuch, die Hochkultur des Staatstheaters mit der Kiez-Halbwelt in Einklang zu bringen oder an längst vergangene Zeiten anzuknüpfen, als der Steindamm noch eine der besten Einkaufsstraßen Hamburgs war.
Was an der Langen Reihe mit dem Abriss des alten 1000-Töpfe-Gebäudes und dem an gleicher Stelle entstehenden Neubau vorerst zum Abschluss kommt, wird jetzt rund um den Hansaplatz und am Steindamm fortgesetzt: die `Aufhübschung´ des Stadtteils. Den Anfang machte die Schill-Partei mit ihrem erklärten Ziel, Drogen und Straßenstrich aus St. Georg vertreiben zu wollen, der jetzige SPD-geführte Senat führt diesen Kurs weiter. Der Bürgerverein St. Georg setzt sich seit Jahren für eine Verbesserung der Lebensqualität im Stadtteil ein, das schließt die Forderung mit ein, die Prostitution im Viertel möglichst weit einzugrenzen. Momentan wird das erlassene Kontaktverbot für Freier heiß diskutiert. Doch auch beim Bürgerverein ist man skeptisch, ob dieses Mittel hilft, ohnehin schließen sich nicht alle im Stadtteil an die Forderung nach einer Vertreibung der Prostituierten an. Kneipen wie die `Windstärke 11´ sind beinahe schon Relikte vergangener Zeiten. Hier stört man sich zwar daran, dass St. Georg zur „Schicki-Micki-Gegend“ gemacht werden soll, nicht aber am Straßenstrich vor dem Fenster. Auch um das Bestehen `ihrer´ Kneipe machen sich Wirt und Gäste keine Sorgen – hier verkehrt weiterhin das gleiche Publikum wie eh und je, das werde sich auch nicht ändern. Im letzten Jahr wurde die aufwendige Sanierung und Umgestaltung des Hansaplatz abgeschlossen, hier und am Steindamm werden derzeit teils leerstehende Altbauten saniert, neue Mieter und weitere Gastronomiebetriebe sollen bald einziehen können.
Aufwertung lässt Mieten steigen Nebeneffekt einer solchen Aufwertung ist ein Anstieg der Mieten - viele der Menschen, die schon länger im Viertel wohnen, könnten sich ihre Wohnungen bei einer Neuvermietung nicht mehr leisten. Dies trifft auch auf den Einzelhandel zu; jüngstes Beispiel ist das beliebte `Kräuterhaus´ an der Langen Reihe, dass bald umziehen muss. In der zuständigen Behörde zeigt man sich bemüht, St. Georg nicht an profitgierige Investoren zu verlieren, die im Februar erlassene `soziale Erhaltungsverordnung´ soll dafür sorgen, dass sich die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung in St. Georg nicht verändert. Fraglich, ob dieses Instrument noch rechtzeitig kommt. Die Aufwertung verruchter und heruntergekommener Stadtteile durch den Neubau oder die Sanierung von Wohnungen und die Ansiedlung von Cafés, Restaurants und Einzelhändlern ist im Ansatz nicht schlecht. Wer will nicht in einer schönen Gegend wohnen? Nicht jedes Mal, wenn ein Geschäft, ein Lokal schließt und durch einen neuen, schickeren Laden ersetzt wird, muss man gleich um den Charme eines Viertels bangen. In St. Georg ist die Umgestaltung noch im vollen Gange, welche Auswirkungen dieser Prozess auf die Atmosphäre im Stadtteil hat, lässt sich also noch nicht mit Sicherheit sagen. Zumindest eine Tendenz zeichnet sich ab - bei der Polizei gehen öfter als früher Beschwerden über Ruhestörungen ein. Offenbar schätzen viele neue Nachbarn zwar das gastronomische Spektrum im Viertel, nicht aber das Nachtleben der Kneipe im Haus.
Gastronomie stellt sich auf neues Publikum ein
In der Langen Reihe und auch am Hansaplatz ist der Trend hin zu gehobenem Interieur erkennbar. Die Veränderungen in der gewachsenen Struktur des Stadtteils lassen sich vielleicht mit dem Begriff der `Verloungung´ beschreiben: alles wird moderner, schicker, gediegener. Die Preise ziehen an, das Publikum verändert sich. Das muss nicht immer mit der Schließung oder Abwanderung von alteingesessenen Gastronomiebetrieben verbunden sein. In der Umgebung des neuen „Design und Style Hotel“ am Steindamm haben sich die Gastronomen auf ein neues Klientel eingestellt und ihre Lokale renoviert. Mit Leder bezogene Sitzbänke, dezente Beleuchtung und trendige Wandfarben haben die eher rustikale Einrichtung ersetzt und die Restaurants in elegante Lounges verwandelt.
Gleichwohl findet derzeit aber auch eine Gegenbewegung statt. In der Brennerstrasse hat sich ein soziales Projekt in ein ehemaliges Autohaus eingemietet. Es soll eine Begegnungsstätte für die Anwohner werden, in der `Volxküche´ wird gekocht und gegessen, in den Ateliers und Werkstätten gemeinsam gewerkelt. Einziger Haken: der Mietvertrag läuft nur bis zum September, dann müssen sich die Betreiber eine neue Bleibe suchen.
Das Gebäude soll dann einem Neubau weichen. Bisher haben die Eingriffe nicht zu einer wesentlichen Veränderung der Atmosphäre im Viertel geführt – nach wie vor ist St. Georg von einem Klima der Vielfältigkeit und Toleranz geprägt. Dieses multikulturelle und zumeist respektvolle Miteinander vieler verschiedener Kulturkreise trägt wesentlich zum Charme des Stadtteils bei.
Es bleibt zu hoffen, dass St. Georg nicht im Zuge gutgemeinter Eingriffe seiner Identität beraubt wird und sich in naher Zukunft nicht mehr von anderen `aufgewerteten´ Gegenden unterscheiden lässt, weil sich die Individualität und das Lebensgefühl in einer städteplanerischen Vision auflöst.
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