Würden Sie sich in ein Notquartier-Bett legen?

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Torsten Müller leitet das Hamburger Winternotprogramm seit sechs Jahren: „Viele Bewohner kenne ich schon beim Namen.“ 45 ehrenamtliche Mitarbeiter sind in den Unterkünften tätigFotos: mt
 
Schon Stunden vor der Öffnung warten viele Obdachlose vor der Tür der Unterkunft an der Spaldingstraße 1

Interview mit dem Leiter des Winternotprogramms. Unterkunft in der Spaldingstraße für Hamburger Betroffene

Hamburg. Noch sind die Temperaturen relativ mild, aber seit Freitag läuft in Hamburg das 21. Winternotprogramm. Obdachlose finden hier bis April einen Schlafplatz, eine Dusche und eine Mahlzeit. Nachdem im vergangenen Jahr die Unterkünfte mit 252 Plätzen nach wenigen Wochen überfüllt waren, verdreifacht die Sozialbehörde in diesem Jahr die Zahl der Betten beinahe und setzt vor allem auf Umverteilung. Wohnunglose ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld II (ALG II/Hartz IV) übernachten in den Unterkünften in Horn und Marienthal. Die 230 Plätze in der Spaldingstraße sind vor allem Obdachlosen vorbehalten, die in Hamburg gemeldet sind. Das WochenBlatt sprach mit Torsten Müller, der das Hamburger Winternotprogramm seit sechs Jahren leitet.

Hamburger-WochenBlatt: Herr Müller, viele der 230 Bewohner der Spaldingstraße 1 werden sich ein Zimmer mit fünf fremden Menschen teilen, es gibt ein Tisch und drei Stühle. Würden Sie sich in eines der Betten hier legen?
Torsten Müller: Allein von der Ausstattung der Unterkunft kann ich mir schon vorstellen, hier zu übernachten.
Ich kann mir allerdings schwer vorstellen, wie das ist, auf eine solche Unterkunft angewiesen zu sein.
WB: Im vergangenen Jahr waren 2.559 Menschen auf die Unterkünfte angewiesen. Sie starteten mit 252 Plätzen. Noch im November mussten Menschen in den Fluren schlafen, weil es nicht genug Betten gab. Haben Sie daraus Konsequenzen gezogen?
Müller: Dieses Jahr starten wir ganz anders. An der Spaldingstraße 1 halten wir 230 Plätze bereit. Hier können Wohnungslose übernachten, die einen Anspruch auf ALG II haben. In der Hinterhand haben wir noch zwei Standorte an der Weddestraße in Horn und der Hammer Straße in Marienthal, wo wir 300 Menschen zusätzlich unterbringen können. (Hinzukommen 70 Plätze im Pik As, 100 bei Kirchengemeinden, Anm. der Redaktion)

WB: Was ist an den Unterkünften in Horn und Marienthal anders?
Müller: Beide Standorte sind verlassene Schulgebäude. Diese Unterkünfte sollen Schutz vor Erfrierung bieten. Sie sind von 19 bis 9 Uhr zugänglich. Die Zimmer sind ehemaligen Klassenräume, in denen zwischen 10 und 20 Personen Platz finden.

WB: Sortieren Sie mit dem Kriterium Hartz IV nicht vor allem osteuropäische Wohnungslose aus, die seit drei Jahren verstärkt nach Hamburg reisen und oft auf der Straße landen?
Müller: Wohnungslose aus Osteuropa und Flüchtlinge waren im vergangenen Jahr ein Grund, warum die Plätze so schnell belegt waren. Sie werden aber nicht prinzipiell ausgeschlossen. Der Anspruch muss beim Jobcenter geklärt werden. Natürlich setzten wir im Winter keinen vor die Tür, aber wir vermitteln Menschen ohne ALG II-Anspruch an unsere Unterkünfte in Horn und Marienthal.

WB: Wieso schlafen in den Betten des Hamburger Winternotprogramms so viele Nicht-Hamburger?
Müller: Wir haben in den letzten Jahren gemerkt, dass unser Winternotprogramm im Umland, aber auch im Ausland bekannt ist. Im vergangenen Jahr kamen 41 Prozent der Wohnungslosen aus Osteuropa. Auch aus dem Umland kommen Obdachlose. Ich kenne einige, die aus Bremen und Kiel kommen und den Winter hier bei uns in Hamburg verbringen. Ich bekam sogar mal einen Anruf aus Prag, ob wir nicht eine obdachlose Frau bei uns aufnehmen können. Das war leider nicht möglich.

WB: Rechnen Sie auch dieses Jahr mit einem so hohen Ansturm von Flüchtlingen und Wohnungslosen?
Müller: Wir rechnen schon mit einem hohen Bedarf von wohnungslosen Menschen. Aus diesem Grund starten wir ja auch mit fast dreimal mehr Betten als im vergangenen Jahr. Mit Flüchtlingen rechnen wir allerdings nicht. Die „Lampedusa-Flüchtlinge“ wurden im letzten Winter praktisch mit dem Bus vor unsere Haustür gefahren. Das war eine außergewöhnliche Sache, ich glaube aber nicht, dass so etwas wieder passiert.

WB: Wie schaffen Sie es, dass Menschen aus so vielen Nationen friedlich zusammenleben?
Müller: In der Regel geht es friedlich bei uns zu. Wir haben aber auch einen Sicherheitsdienst in unseren Unterkünften. Der achtet auf die Einhaltung der Hausordnung. Trotzdem kommt es immer mal wieder zu Konflikten. Auf unseren Gängen wird es bei so vielen Bewohnern eng. Da kommt es hin und wieder zu Zusammenstößen. Diebstahl ist in der Szene leider auch immer wieder ein Thema.

WB: Alkohol ist in den Unterkünften verboten. Was passiert, wenn doch jemand mit einer Buddel Schnaps kommt?
Müller: Der Konsum im Gebäude ist verboten. Alle Bewohner werden am Eingang kontrolliert. Der Alkohol muss abgegeben werden, wird jedoch am Folgetag wieder ausgehändigt.

WB: Führt das nicht dazu, dass in der Umgebung der Unterkünfte Alkohol konsumiert wird?
Müller: Das kann durchaus passieren. So eine Unterkunft ist immer auch eine Mehrbelastung für den Stadtteil. Aber wir haben in den vergangenen 20 Jahren viele Erfahrungen gesammelt und können damit umgehen.
(Interview: Marco Thielcke)
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