Auf der Suche nach Nijinsky

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Brillant: Alexandre Riabko als Nijinsky und Ensemble Foto: Kiran West

Ballett über das Tanzgenie feiert umjubelte Wiederaufnahme an der Hamburger Staatsoper

Von Frank Denker-Kotowski. Vaslav Nijinsky, am 17. Dezember 1889 (ganz einig sind sich die Quellen da nicht) in Kiew geboren und am 8. April 1950 in London gestorben, war ein polnisch stämmiger, russischer Balletttänzer und Choreograf. Er beeindruckte durch seine Verwandlungsfähigkeit, seine Virtuosität, seine Grazie und Sprungtechnik. Beinahe 30 Jahre verbringt er in verschiedenen psychiatrischen Sanatorien. Bis heute ist der Name Nijinsky ein Synonym für perfekte Tanzkunst. Wie aber bringt man eine solche Biografie auf die Bühne?

„Aber im Grunde ist nichts schwerer, als ein Ballett über einen bestimmten Menschen zu machen. Man muss viel über ihn wissen, um ihn zu begreifen – und im Moment des Kreierens alles wieder vergessen...“, so John Neumeier im Programmheft zur Aufführung.



Tatsächlich deutet Neumeier, anders als der Film „Nijinsky – A true story“ von Herbert Ross aus dem Jahre 1980, der das Scheitern Nijinsky hauptsächlich in der homoerotischen Liebesbeziehung zum Impresario Sergei Diaghilev und dessen Eifersucht sieht, einen getriebenen, benutzten und ausgenutzten Genius, auf der Suche nach Anerkennung und Liebe, der schließlich an der Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion scheitert.

Sechs Nijinsky-Rollen Szenen setzt Neumeier in Beziehung zu den Lebensstationen des Tänzers. Er ruft Bilder der kurzen Karriere mit dem Ballets Russes ins Gedächtnis. In der Erinnerung schieben sich scheinbar die Ebenen der Rollenfragmente übereinadern, Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Die Begegnungen zwischen Nijinsky, Diaghilev und Nijinskys Frau Romola, lassen die Zerrissenheit des Tänzers überdeutlich scheinen. Neumeier findet dabei, auf klassisch akademischer Basis, eine Tanzsprache, die den modernen Tanzideen Nijinskys gerecht wird.

Es entsteht ein emotionales Portrait des Idols, eine Biografie der Seele und die dem Zuschauer einen intuitiven, tiefen Einblick in das Leben Nijinskys gewähren. Mit der Musik von Chopin, Schumann, Schostakowitsch und der "Scheherezade" von Rimski-Korsakow wird im Laufe des Abends die Entfremdung Nijinskys von der Welt scheinbar unausweichlich. Diese Wiederaufnahme hat nichts von ihrer Überzeugungskraft verloren. Alexandre Riabko als Nijinsky gelingt es die Qualen Nijinskys tänzerisch überzeugend auf die Bühne zu bringen. Ivan Urban als Diaghilev von Anbeginn dominant und ohne Skrupel, nur auf seine Gefühle bedacht, brilliert ebenso wie Hélène Bouchet als Nijinskys Frau Romola, die mehr in Nijinskys Rollen als in ihn selbst verliebt ist. Nicht nur für den Ballett-Kenner ein bewegender Abend. Unbedingt ansehen.


Vorstellungen am 28. + 30. September, 19.30 Uhr, 2. Oktober 2016, 18 Uhr, 25. Mai 2017, 18 Uhr, Samstag 27. + 30. + 31. Mai 2017, 19.30 Uhr sowie 6. Juli 2017, 19.30 Uhr. Karten unter Tel. 35 68 68 oder
www.staatsoper-hamburg.de
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