„Fremd ist das Fest mir, fremd.“

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Agneta Eichenholz, Daphne, flüchte sich in ihre Traumwelt Foto: BrinkhoffMoegenburg
 
Abschied. Daphnes Mutter Gaea (Hanna Schwarz) und Daphne (Agneta Eichenholz) Foto: BrinkhoffMoegenburg

Eine junge Frau zwischen Sehnsucht und Begierde – Daphne von Richard Strauss an der Staatsoper Hamburg

Was tut ein junges Mädchen, das nicht so recht erwachsen werden kann? Es flüchtet sich in eine Traumwelt. Daphne fühlt sich eins mit der Natur, Bäume sind ihre besten Freunde. Jeder körperlichen Annäherung entzieht sie sich. Leukippos, ihr Freund aus Kindertagen, begehrt sie ebenso so wie der Lichtgott Apoll. Sie weist beide zurück. Leukippos versucht beständig sich ihr zu nähern. Schließlich tötet ihn der eifersüchtige Gott, um Daphne selbst zu besitzen. Mit dem Tod Leukippos erkennt Apoll die Schuld, die er auf sich genommen hat und erfüllt Daphnes Wunsch: Sie wird in einen immergrünen Lorbeerbaum verwandelt. Soweit das Libretto.




Ganz anders die interpretatorische Deutung des Regisseurs Christof Loy, der die verfemte und selten gespielte Oper „Daphne“ von Richard Strauss nun in Hamburg auf die Bühne der Staatsoper gebracht hat.
Schnell wird klar worum es geht: Sex, Missbrauch und männliche Gewalt. Vor einer rohen Bretterwand, mit der die Bühnenbildnerin Annette Kurz die Bühne und die Welt teilt, spielt sich Daphnes Leben ab. Drastisch und ungehemmt feiert die Dorfbevölkerung ihr dionysisches Fruchtbarkeitsfest. Ursula Renzenbrinks Kostüme machen deutlich, die Szene ist auf dem bayrischen Land angesiedelt, dort wo Richard Strauss einst lebte. Dralle Dirndl-Bedienungen und krachlederne Burschen feiern, trinken und geben sich mit fast animalischer Sinnlichkeit dieser Ausnahme vom Alltäglichen hin. Biergeschwängerte Vergnügungslust ohne Grenzen. Und spätestens als Daphne von Polizisten in naziähnlichen Uniformen verhaftet wird, ist klar, dass Loy die Szene in die Zeit der Entstehung der Oper angesiedelt hat. Ein Hinweis auf die Verstrickung des Komponisten in die nationalsozialistische Kulturpolitik, auf eine Zeit von Ausgrenzung, Missbrauch, Verführung und Wegschauen?

Kaltes Holz als Ersatz für menschliche Liebe?


Die Enge der Bühne lässt Daphne kaum Raum sich dem Treiben zu entziehen. Ihr ist die derbe Welt der ländlichen Bevölkerung fremd und sie flüchtet sich in ihre Traumwelt. Auch ihr Freund Leukippos kann an ihrem tranceähnlichen Zustand nichts ändern. Sein Begehren weist sie zurück. Für ihre stets trunkene Mutter Gaea lässt sich die raue Männerwelt offensichtlich nur mit dem Obstbrand, an dem sie sich beständig festhält, ertragen. Bei Loy hat die Naturromantik allerdings einen weiteren Sinn: Daphnes Ablehnung der Männerwelt ist ihre Reaktion auf sexuellen Missbrauch. Wer nicht ganz genau hinschaut, kann allerdings die subtilen Andeutungen in der Inszenierung leicht übersehen. Als Daphne sich zum Schlafen legen will und von ihrem Vater zugedeckt wird, wandert dessen Hand unter ihr Kleid. Eine für sie offensichtlich nicht unbekannte Situation. Sie lässt es ebenso geschehen, wie sie auch die Übergriffigkeiten während der Feier unberührt lassen. Sie schwankt zwischen der Ablehnung menschlicher, vor allem männlicher Berührung und dem Verlangen nach sinnlicher Erfüllung. Eine gequälte junge Frau auf der verzweifelten Suche nach dem Weg aus der Opferrolle.
Loys Inszenierung geht noch einen Schritt weiter: Das Opfer wird zur Täterin. Leukippos, der sich in Frauenkleider spiegelbildlich versucht Daphne zu nähern, wird vom eifersüchtigen Apollo enttarnt. Aber nicht er, sondern die vom Gott geführte Daphne tötet Leukippos, stellvertretend für alle, die sie zum Opfer werden ließen. Ebenfalls anders als in der Vorlage, wird Daphne nicht in einen Baum verwandelt; sondern verhaftet. Traum und Wirklichkeit klaffen auseinander.
Und wenn sich am Ende ihre Stimme in einem hoffnungsvollen Glitzern und Flimmern des Orchesters auflöst, ist die Erlösung zum Greifen nahe. Aber dieses Drama setzt sich fort, es geschieht immer und überall.

Traum und Wirklichkeit klaffen auseinander

Sinnlicher, subtiler und klangschöner, kann man das eigene nackte Menschsein in seiner ganzen Ambivalenz fast nicht begreifen.
Michael Boder gelingt es, wenn auch erst verspätet, mit dem Philharmonischen Staatsorchester die Vielschichtigkeit dieses spätromantischen Werks, ohne jeden Kitsch, auf die Bühne zu bringen.
Wenn sich der Vorhang nach 105 Minuten senkt, hat Agneta Eichenholz als Daphne, das Bild einer leidenden Frau gezeichnet und die Wandlung von einer mädchenhaften Naiven, zur ausdrucksstarken Heroin vollbracht. Höchst beeindruckend. Peter Lodahl, als Leukippos an ihrer Seite, schlägt sich gut durch die schwierige Partie. Hanna Schwarz als Mutter Gaea fällt es nicht ganz so leicht die Partie auszufüllen. Eric Cutler großartig als Apoll.

Weitere Vorstellungen am 8. Juni (19.30 Uhr), 11.Juni (19.30 Uhr), 16. Juni (19.30 Uhr), 19. Juni (18 Uhr), 23. Juni (19.30 Uhr) und im März 2017. Karten unter 040/ 40 356 868 oder www.staatsoper-hamburg.de

Frank Denker-Kotowski
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