Hamburg: Wenn blinde Passagiere stranden

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Christel Marziller und Katharina Friese bei den Proben für das neue Stück „Gestrandet in Bombay“ Foto: BSVH/wb
 
(v.li.) Christel Marziller, Michael Kaphengst und Katharina Friese gehören zu den „Blinden Passagieren“. Foto: Christa Möller

Theatergruppe des Blindenvereins Hamburg zeigt 50er-Jahre Revue

Von Christa Möller
Hamburg. Christel Marziller ist gern draußen, nimmt an vogelkundlichen Wanderungen des Naturschutzbundes teil, ist Mitglied im Wanderverein und macht Fahrradausflüge mit dem Tandemclub „Weiße Speiche“. „Ich bin vielseitig interessiert“, sagt die ehemalige Stenotypistin. Am Wochenende hat die Ruheständlerin sogar einen Bühnenauftritt – und das nicht zum ersten Mal. Die Wandsbekerin, die seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr blind ist, gehört zu einem Ensemble aus vier Schauspiel erfahrenen blinden und sehbehinderten und drei sehenden professionellen Schauspielern sowie den Musikern der Combo Row-Boys, die am Freitag, 4. April, 19 Uhr im Hamburg-Haus Eimsbüttel am Doormannsweg 12 ihr drittes Stück präsentieren. Das ist ein vielfältiger 50er-Jahre-Abend unter dem Motto „Gestrandet in Bombay! – die See-Revue an Bord der 50er“.

Musikalisch ausgerichtet

„Wenn wir Glück haben, springt der Funke gleich über“, hofft sie. Denn viele der Musikstücke sind zum Mitsingen gut geeignet. „Das Stück macht auf jeden Fall gute Laune“, stellt Katharina Friese fest. Sie ist von Geburt an blind, hat als einzige eine Gesangsausbildung und arbeitet als Masseurin. Sie singt als Solistin im Palotti-Kirchenchor in Farmsen und Rahlstedt, aber auch auf Vernissagen oder Hochzeiten. Die 40-Jährige stammt ebenfalls aus Wandsbek und gehört wie Christel Marziller seit 2008 zum Ensemble. Beim ersten Stück „Blindfische – Seefische – frei nach Shakespeares Sommernachtstraum, sei sie angesprochen worden, damals gab es noch die Kulturbühne Bugenhagen-Barmbek. Allerdings hatte das Stück nicht sehr viel mit Musik zu tun und „Ich hatte keine Theatererfahrung. Ich dachte, dass ich in beratender Funktion den sehenden Schauspielern zeigen sollte, wie man einen Blinden spielt. Doch das Ende vom Lied war, dass ich eine Hauptrolle hatte“, sagt sie immer noch etwas überrascht. Um die Blindheit einiger Darsteller geht es allerdings in keinem der Stücke.
Das zweite, „Blinde Passagiere“, war dann schon mehr musikalisch ausgerichtet, und es gab der Truppe auch ihren Namen. Alle drei Stücke hat der Theaterpädagoge Jörn Waßmund geschrieben, er ist zudem Regisseur und Produzent in Personalunion. „Er schickt mir eine Mail, ich mache Kreuze vor meinen Text, damit ich den Überblick behalte und schreibe mir in Punktschrift raus, was ich machen muss“, erläutert Christel Marziller, deren Computer mit einer Sprachsoftware ausgestattet ist, wie sie ihre Rollen lernt. Den Weg zum Theater fand sie eher zufällig: Durch eine Mail vom Blindenverein mit der Frage, wer hat Lust. „Es hat mich gereizt, einfach mal etwas Neues auszuprobieren“, sagt sie.

Schnell einstudiert

„Ich war 2008 fertig mit der Schauspielausbildung und dann sozusagen auf Bewährungstour“, sagt Michael Kaphengst, der sehend ist. „Ich war zuerst skeptisch, habe aber so nach und nach gemerkt, es könnte doch funktionieren mit den Blinden“. Das Einstudieren von „Gestrandet in Bombay“ dauerte mit nur zweieinhalb Wochen deutlich kürzer als bei den ersten beiden Stücken des Ensembles. Aber natürlich wird vor Auftritten immer noch vier, fünf Mal geprobt. Den Unterschied zur Zusammenarbeit mit nicht-blinden Mitspielern erklärt er so: „Es braucht seine Zeit, bis sie die Wege und Schritte kennengelernt haben.“ Doch das sei der einzige Faktor. Wo die Bühne zu Ende ist, das zeigt den blinden Mitspielern eine eher unauffällige Begrenzung, die in die Bühnendekoration eingebaut ist.
Ob die Blinden Passagiere gemeinsam ein weiteres Stück in Angriff nehmen werden? Christel Marziller und Katharina Friese jedenfalls könnten sich durchaus vorstellen, weiter Theater zu spielen. Katharina Friese betont: „Aber nur, wenn es mit Sehenden zusammen ist. Zumindest Michael Kaphengst wird aus beruflichen Gründen einen anderen Weg einschlagen: Der Wandsbeker Schauspieler, der kürzlich unter anderem im kleinen Hoftheater bei „Arsen und Spitzenhäubchen“ auf der Bühne stand, hat ein Kunst-Pädagogik-Studium begonnen.
Die Revue „Gestrandet in Bombay“, wird vom Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (BSSH) präsentiert. Karten ab zehn Euro plus Gebühren gibt’s an den bekannten Vorverkaufsstellen und über www.eventim.de

Infos zu den „Blinden Passagieren“ unter bsvh.orgref="http://www.bsvh.org">bsvh.org
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