So kann Wandsbek auch!

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Ein Bauloch in der Tiefe von drei Metern inklusive der Erdleitungen und Kanalrohre hat Christine Biehler mit einer spiegelnden Hochglanzchromschicht ausgekleidet Foto: eg
 
Die Frankfurter Künstlerin Christine Biehler Foto: eg
 
Die Skizze ihres geplanten Kunstobjektes reichte Sabine Mohr bei der City Wandsbek e.V. ein. Mittlerweile ist der Ort für ihre „Gehplattenkunst“ zur U-Bahn hin verlegt worden Foto: Grewe

„Kunst am Markt“ ab 8. Mai: City Wandsbek holt die Avantgarde

Von Elke Grewe
Wandsbek
Ein avangardistisches Kunstkonzept im bürgerlichen Wandsbek –darauf muss man erst mal kommen. Der City Wandsbek e.V., der Verein aus Grundeigentümern, Geschäftsleuten und Mitgliedern von Politik und Verwaltung, hat den Mut, ausgetretene Wege im Zentrum von Wandsbek Markt auch einmal in Frage zu stellen. Vor genau einem Jahr wurde die Idee vom innovativen Kunstprojekt „Wandsbek 1. Kunst am Markt“ geboren. Vier Künstler aus Hamburg, Berlin und Frankfurt/Main sind vom 8. bis 31. Mai dafür verantwortlich, dass an diesem traditionsreichen Ort aus der Norm fallende Kunstobjekte garantiert für Kommunikation – vielleicht auch für Provokation – sorgen. Diese mit viel Engagement geplante Kunstausstellung in einem Stadtteil, in dem Kunst im Vergleich zu anderen Bezirken keine starken Wurzeln hat, begann bei den Vorbereitungen mit einem mittleren Desaster.

Arbeiten kurz gestoppt


Die Organisatoren hatten Baupläne betroffener Flächen auf eventuelle Bauschwierigkeiten geprüft. Als es darum ging, für ein Projekt der Frankfurter Künstlerin Christine Biehler eine drei Meter tiefe Baugrube auszuheben, stieß man auf ein unerwartetes Problem: Fünf Rohrleitungen kamen unter der Oberfläche zutage. Der Bau musste an dieser Stelle kurzfristig gestoppt werden. Die vor Ort anwesende Künstlerin war zutiefst geschockt. Doch für den Bauleiter Jörg Meyer stellte das keine so große Herausforderung dar: Die alte Baugrube wurde zugeschüttet und kurzerhand zwei Meter weiter Richtung Hamburger Sparkasse verlegt.
Etwa drei Stunden dauerte es, bis die neue Grube ausgehoben war. Dann kam der entscheidende Akt, der die Baugrube zu einem von Christine Biehler ersonnenem Kunstobjekt macht: Die Grube wurde mit einer hochglänzenden Silberchromschicht ausgekleidet. Statt auf feuchte Erde blicken Passanten nun in einen von einer Laterne bestrahlten Spiegel, der seine Umwelt verzerrt zurückstrahlt. „Shining void“ (glänzende Leere) nennt sie diese Kunst im öffentlichen Raum. Ein Jahr hat es bis zur Realisierung gedauert. „Für diese Zeit habe ich von der Höge Stiftung, gegründet von Barbara Reinhart, ein Stipendium bekommen. Wohl die wenigsten können sich vorstellen, wie schnell solche kreativen Rauminstallationen zur brotlosen Kunst werden.“
Vor der Schaffung des Objektes hat sich die Frankfurter Künstlerin lange mit der Geschichte Wandsbeks beschäftigt und festgestellt, dass das Erscheinungsbild des Hamburger Stadtteils zum großen Teil durch die Nachkriegsarchitektur der 1950er Jahre bestimmt ist. Aber sie merkte schnell, dass Wandsbek auch ein aufstrebender Stadtteil ist.
Das beliebte Einkaufszentrum Wandsbek Quarre bescherte dem Stadtteil Prosperität. „Diesen Aufbruch des Stadtteils möchte ich symbolisieren, aber auch hinterfragen. Deswegen wurde die Baugrube vollkommen verchromt. Sie wirkt dadurch sehr edel, soll einen Teil des neuen Wandsbek widerspiegeln.“ Die Künstlerin ist sich aber auch darüber im Klaren, dass es Kritik an ihrem Objekt geben könnte: „Ich hoffe sehr, dass meine Kunst Diskussionen anregt, aber auch,
dass man sich über etwas Fremdartiges freut. Besonders Kinder sind da immer sehr aufgeschlossen, habe ich beobachtet“, so die Künstlerin, die bereits mehrere Professuren an Universitäten wir Dortmund, Hildesheim und Kassel hatte und zahlreiche Preise im In- und Ausland eingeheimst hat.

„Wir wollen mit dieser Ausstellung anspruchsvolle Kunst schaffen. Und Wandsbek kulturell aufwerten.“ Holger Gnekow

„Wir wollen mit dieser Ausstellung anspruchsvolle Kunst schaffen. Und Wandsbek kulturell aufwerten. Unser erklärtes Ziel ist es, die Attraktivität des Standortes zu verbessern und dazu gehört immer mehr als Kommerz“, so formuliert es Holger Gnekow, Vorsitzender der City Wandsbek e.V.. Auch die weiteren Künstler des Projektes „Kunst am Markt“ werden Aufsehen erregen: Der Berliner Christian Hasucha wird mit seinem Objekt „Herr Individual“ für manche Irritation bei den Passanten sorgen. Es handelt sich um einen 2,40 hohen Betonsockel (in Leichtbauweise), in dessen oberen Bereich ein kurzes, elektrisches Laufband eingebaut ist. Im Laufe der drei Wochen geht hier oben ein normal gekleideter Mann immer mal wieder für ein paar Stunden im zügigen Schritt-Tempo. Der Sockel steht in einer kleinen Grünfläche neben der vielbefahrenen B 75. Seit 1987 schickt der Künstler diesen „Herrn Individual“ durch Großstädte in ganz Europa. In Berlin hat das Projekt begonnen. Dann folgten Bochum, Bonn, aber auch Dublin. In Hamburg hat Carsten Weber als „Herr Individual“ seinen dritten Auftritt auf dem Laufband. „Er sieht so schön normal aus. Deswegen habe ich ihn mal angesprochen“, verrät Christian Hasucha. Die laufenden Kunstobjekte mussten dabei schon Allerlei ertragen, wurden zum Beispiel mit Cola-Dosen beworfen. „Auf jeden Fall sorgt das laufende Objekt für Irritationen im normalen Alltag. Es ist einfach schön, wenn es nicht für alles eine Erklärung hat“, so Hasucha. Und er findet es toll, dass man gerade in Wandsbek den Mut hat, so ein Kunstprojekt auf die Beine zu stellen: „In der Innenstadt würde das längst nicht so auffallen“, findet Gnekow.
Auch der Hamburger Künstler Johannes Lothar Schröder ist von dem Kunst-Projekt in Wandsbek begeistert: „Viele gehen doch gar nicht in die Innenstadt. Ich hoffe sehr, dass es nach Wandsbek 1 noch ein Wandsbek 2 geben wird.“
Schröder hat für Wandsbek extra ein „Rad der Poesie“ geschaffen: Es besteht aus verleimten Manuskriptseiten. Das zylindrische Rad hat einen Durchmesser von zirka 190 Zentimetern. Der Künstler selber ist jeweils von Dienstag bis Sonnabend von 11 bis 17 Uhr vor Ort und bewegt das Rad über Straßen und Plätze. „Bei schlechtem Wetter kann ich es ja durch das Wandsbek Quarree rollen“, so Schröder. Er wird Passanten um Worte und Zeilen bitten, die er dann auf das Rad klebt, „Das Rad wird sich füllen und die Kommunikation mit Passanten gefördert.“
Die Wahrnehmung der Passanten will die Hamburger Künstlerin Sabine Mohr schulen. Sie hat eine zirka 150 Quadratmeter große Fläche am U-Bahn-Eingang, beim Wandsbek Quarree, genutzt, um die Gehwegplatten künstlerisch zu verändern.

„Diesen Aufbruch des Stadtteils möchte ich symbolisieren, aber auch hinterfragen.“ Christine Biehler

Der rechte Winkel jeder Platte wird mit roter Farbe gefüllt zum Halbkreis. Durch die zweite Farbe Grau entsteht ein dynamisches Wellenmuster. „Der Boden wird durch diesen simplen Eingriff für Passanten lebendiger und dynamischer“, formuliert es Sabine Mohr. „Wandsbek, das nach dem Krieg in schlichter Bauweise aufgebaut wurde, soll plötzlich durch so ein Kunstwerk interessant werden“, so die Zielsetzung der Künstlerin, die sich durch zahlreiche internationale Ausstellungen und Projekte einen Namen gemacht hat.

Öffentliche Führungen über die Ausstellung: Freitags 15./22./29. Mai und Sonnabend 9./16./23./30. Mai jeweils um 12 Uhr. Treffpunkt:Auf dem Wandsbeker Marktplatz am gläsernen Fahrstuhl, Anmeldung bis drei Tage vor Führung per E-Mail erbeten an: citymanager@city-wandsbek.de. Weitere Führungen mit einem der ausstellenden Künstlern sind nach Absprache möglich. Weitere Informationen zum Projekt gibt es online auf www.wandsbek1.de
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