Was Männern und Frauen durch den Kopf geht

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Herbert Knaup (Daniel) und Cristin Kšönig (Isabelle) in "Hinter der Fassade" (Foto: Oliver Fantitsch)
 
Daniel (Herbert Knaup) wartet auf den richtigen Moment, um Isabelle (Cristin König) von einer pikanten Einladung zu erzählen (Foto: Oliver Fantitsch)
Hamburg: Spielbudenplatz 29 - 30 |

Die Beziehungskomödie „Hinter der Fassade“ im St. Pauli Theater: Herbert Knaup und Kollegen holen aus dem harmlosen Stück alles raus

Von Silvia Stammer
Hamburg
Was einer sagt, unterscheidet sich manchmal sehr davon, was einer denkt. Und kluge Frauen kennen ihre Männer so gut, dass sie deren Gedanken zwar nicht lesen können, aber am Ende bekommen, was sie wollen.

So lässt sich der Plot der Beziehungskomödie „Hinter der Fassade“ zusammenfassen, die am Montag (5. Dezember) Premiere im St. Pauli Theater hatte. Am Ende gab es freundlichen Beifall für die Darsteller und den Regisseur Ulrich Waller und besonders großen Applaus für Herbert Knaup. Der 60-Jährige gehört seit den späten Siebzigern zum Besten, was Deutschland für Bühne und Kamera zu bieten hat. Er spielte in "Lola rennt" (1998), zahlreichen hervorragenden Fernsehfilmen, seit 2015 in "Die Kanzlei" und ist im TV auch als Allgäuer Kommissar Kluftinger gegenwärtig.

Im gelungen unaufdringlich renovierten St. Pauli Theater saßen am Premierenabend viele Prominente und Freunde der Hausherren Ulrich Waller und Norbert Collien. Unter anderem waren da: Schauspieler Christian Redl, Gustav Peter Wöhler, der inzwischen vor allem durch seine Auftritte mit seiner Band bekannt ist, Moderator Gerhard Delling oder auch Wilhelm Wieben und Dagmar Berghoff als Reminiszenz an Zeiten, als die Tagesschau noch Maßstab aller Dinge war.

Hohe Erwartungen

Sie und die anderen Zuschauer freuten sich sichtlich auf einen Abend, der mit Hauptdarsteller Knaup in einem Stück des französischen Erfolgsautors Florian Zeller ein sehr guter zu werden versprach. Das Knaupsche Doppel-Plakat von Jim Rakete ist derzeit auf vielen City-Light-Postern zu sehen. Donald-Duck-Kenner mutmaßen übrigens, Rakete hätte sich dafür von Donald-Kultzeichner Carl Barks inspirieren lassen.

Star-Autor Zeller, Jahrgang 1979, ist Politikwissenschaftler, Vielschreiber und exzellenter Gesellschaftskritiker. Für „Le Père“ - im St. Pauli Theater zum Niederknien gut mit Volker Lechtenbrink als „Der Vater“ zu sehen - erhielt Zeller 2014 den französischen Theaterpreis „Molière“. In „Hinter der Fassade“ nimmt er sich nun einen Stoff vor, der für Boulevard-Bühnen maßgeschneidert scheint und bei dem man jedoch hoffen durfte, mit der nötigen Portion Intelligenz und Wortwitz deutlich mehr geboten zu bekommen als die übliche harmlose Heiterkeit. Eine Hoffnung, die sich leider nicht wirklich erfüllen sollte.

Ein Abendessen unter (Fast-)Freunden

Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Ehepaar Daniel (Herbert Knaup) und Isabelle (Cristin König), er Lektor, sie Lehrerin, die ihr intellektuell geprägtes Pariser Mittelschichtsleben nach allen Regeln der Kunst erledigen. Unruhe kommt jedoch auf, als Daniel seinen Freund Patrick (Stephan Schad) zum Abendessen einlädt. Denn Patrick hat seine langjährige Ehefrau verlassen und lebt inzwischen mit Emma (Jessica Ohl) zusammen. Und, Hilfe, jetzt bringt der Mann mit den grauen Schläfen seine neue Flamme mit, was nur zu Konflikten führen kann, da Isabelle mit der verlassenen Gattin eng befreundet ist. Emma ist sehr jung, sehr blond und sehr knapp bekleidet. Dass sie Schauspielerin werden möchte und in einer Bar jobbt, macht sie in Isabelles Augen nicht unbedingt seriöser.

Zeller bedient sich in seinem Stück (Deutsch von Annette und Paul Bäcker) einer alten Komödientechnik: Er lässt die Figuren nicht nur untereinander kommunizieren, sondern öffnet ihre Gedanken laut ausgesprochen in Richtung Publikum. Regisseur Ulrich Waller: „Vor allem mit der Gedankenwelt seiner Protagonisten Daniel und Isabelle ist es kurzgeschlossen und so wird es Teil eines aktuellen Diskurses über Ängste, Sehnsüchte, Wünsche, Männer- und Frauenbilder und Lebensmodelle.“ Und hier kommen wir zum Problem des Abends: diese Ängste, Sehnsüchte etc. sind überwiegend erwartbar. Manchmal sind sie geradezu ärgerlich platt, wenn etwa Daniel zur Lammkeule „junges Gemüse“ zubereitet hat, dabei auf Emma schielt. Nur der Gesichtsausdruck von Herbert Knaup rettet die Szene vor Peinlichkeit.

Dass die Beziehungskomödie - wobei Beziehung auch Freundschaften miteinschließt - reüssiert, liegt an zwei Faktoren. Zum einen, dass es am Ende versöhnlich schlau zugeht, zum anderen vor allem an vier ideal besetzten Rollen. Wenn sich Herbert Knaup in Karo-Sakko und gestreifter Snoopy-Schürze den Altmännerfantasien hingibt, ist das großes Bühnen-Kino. Cristin König verkörpert wunderbar die in verständliche Wut getauchte Ehefrau mit toupiertem Haar, die sich nur vorsichtig gönnt, der entschwundenen Jugend nachzutrauern. Stephan Schad und Jessica Ohl füllen ihre Figuren gerade so weit aus wie nötig, ohne sie zu überziehen.

Zeller bleibt in „Hinter der Fassade“ in der bloßen Darstellung dieses Männer-Frauen-Dings stecken. Die Kontraste werden durch die Schauspieler angenehm geschärft. Wer nicht mehr erwartet, erlebt einen unterhaltsamen Abend.

„Hinter der Fassade“, 6. bis 11., 13. bis 16. Dezember 2016 sowie 11. bis 15., 17. bis 22. und 24. bis 27. Januar 2017, www.st-pauli-theater.de
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