Wie weit geht Genialität, wo beginnt Wahnsinn?

Anzeige
Golda Schultz (Sibilla) Foto: Jörg Landsberg
 
Tómas Tómasson (Dino), Chor Foto: Jörg Landsberg

la bianca notte/die helle nacht an der Staatsoper Hamburg uraugeführt

City. Zum Abschluss ihrer Intendanz an der Staatsoper, setzt Simone Young auf nicht alltägliche Töne. Die Generalmusikdirektorin präsentiert die Uraufführung von „la bianca notte/die helle nacht“ und stellt damit unter Beweis, dass sie auch für zeitgenössische Musik ein Ohr hat.
Das Auftragswerk der Staatsoper stammt aus der Feder des vielbeachteten Schweizer Komponisten Beat Furrer. Furrer erhielt im vergangenen Jahr für seine Arbeit den österreichischen Staatspreis, die höchste Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat.
Neben „Simon Boccanegra“ von Verdi und „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold, gehört nun auch la bianca notte/die helle nacht in die Reihe der Werke tragischen Inhalts.

Grundlage für Furrers Werk sind die „Canti Orfici" des Lyrikers Dino Campana, die heute als ein Hauptwerk der italienischen Avantgarde gelten.
Campano, 1885 geboren, geriet seinerzeit in vielfältige Konflikte.
Sein rebellisches Wesen wurde als eine Form von Geisteskrankheit identifiziert. Vierzehn Jahre verbrachte er in einer Nervenheilanstalt, wo er im Alter von 47 Jahren starb.

Das Stück beginnt mit einem Treffen von Dino und Regolo.
Jahrelang waren beiden auf ehemaligen Freunde auf Reisen. Jetzt treffen sie sich wieder.
Warum beide sich zum Verwechseln ähnlich sehen, bleibt offen und hilft wenig die unterschiedlichen Charaktere zu ergründen. So tauschen sie ihre Erinnerungen aus, schwärmen von ihren erotischen Abenteuern.
Dino, der seinen Anschluss zur bürgerlichen Gesellschaft längst verloren hat, verzweifelt an der Suche nach seiner künstlerischen Identität.

Von der Kunstszene seiner Zeit ausgeschlossen, scheitert er schließlich und
mit ihm die Liebe zu Sibilla. Mehr und mehr verliert er sich in Depressionen, verschwindet völlig in seiner Fantasiewelt.
"Der Verlust von Heimat und der kreativen Kraft des Ichs sind Gegenstand dieser Oper", so Furrer," nicht so sehr das Künstlerschicksal allein."

Die Oper endet schließlich mit Dinos Worten „Ich heiße Dino, wie Dino heiße ich Edison. Ich kann leben ohne zu essen, ich bin elektrisch.
Ich bin eine Telegrafenstation. Ich bin sehr glücklich so, denn ich schaffe die ganze Ordnung der Welt. Ich lebe nicht. Ich lebe in einem Zustand der kontinuierlichen Suggestion.“

Genialität oder doch Wahnsinn?


17 Szenen gliedern den Abend. 17, zum Teil abgeschlossene Lieder oder vertonte Gedichte beschreiben das Leben des Dino. Furrers Komposition geht dabei minimalistisch mit den Tönen um.
Seine Musik verschmilzt das gesprochene, wie gesungene Wort mit den Tönen des Orchesters, nicht immer erkennbar, wo gerade der Klang erzeugt wird. Einzig die Obertitelanlage der Staatsoper kann hier Hilfestellung geben.
Nur langsam entwirren sich die Töne und erreichen eine weit gefächerte Klangpalette mit vielen Zwischentönen.
La bianca notte/die helle nacht bleibt dabei aber eine eher klassische Komposition für großes Orchester, die, nicht allein durch die italienische Sprache, bisweilen verdische Züge trägt.

Futuristisch gelingt dem Team Ramin Gray (Regie) und Jeremy Herbert (Bühnenbild) der Drahtseilakt, die Entfremdung Dinos von der bürgerlichen Gesellschaft erlebbar zu machen.
Bisweilen lenken die schönen Bilder auf der Bühne allerdings von dem Geschehen ab, die Symbiose von Musik, Darstellung und Gesang droht zu zerbrechen.
Klug gewählt die Besetzung: Golda Schultz als Sibilla kann ebenso überzeugen, wie Tanja Ariane Baumgartner als Indovina, die beide ihr Hamburg Debüt gaben. Obgleich den männlichen Rollen ein eher rezitativer Anteil zukommt, gelingen Tómas Tómasson als Dino, Derek Welton als Regolo und Tigran Martirossian als Il Russo beeindruckende Interpretationen.
Simon Young leitet den Chor, exzellent durch Eberhard Friedrich vorbereitet, und das Orchester souverän durch diese überaus schwierige Partitur.

Freundlicher Beifall am Ende des Abends.
Begeisterung macht sich allerdings nicht breit. (fdk)

Weitere Aufführungen am 13., 16., 19., 24., 27. und 31. Mai 2015. Karten unter 040/ 35 68 68 oder online.
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige