90-Jährige geht lächelnd durchs Leben

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Anneliese Meister hat Fotos aus ihrem langen Leben zusammenstellt Foto: Thiele

Anneliese Meister aus Barsbüttel hat ihren Optimismus nie verloren

Von UlrichThiele
Barsbüttel
Wie wird man 90 Jahre alt, erlebt fast ein ganzes Jahrhundert auch mit Entbehrungen und Rückschlägen, und bleibt dennoch vital und voller Lebensdrang? „Ich lache gerne. Und das muss man auch, sonst verbittert man“, erklärt Anneliese Meister ihre Lebenskraft. Die Wahl-Barsbüttelerin feierte vor kurzem gemeinsam mit dem Pfarrer der Gemeinde und dem Bürgermeister Thomas Schreitmüller ihren runden Geburtstag, zudem ließ Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig eine Urkunde zum feierlichen Anlass überreichen. Dabei gleicht es fast einem Wunder, dass die 90-Jährige ihr stolzes Alter überhaupt erreichen konnte: im Juni 1926 in Essen geboren, ist ihre Jugend im Ruhrgebiet vor allem geprägt vom Krieg und den Bombenangriffen. Eines Tages hat die junge Frau ein seltsames Bauchgefühl und beschließt, nicht zur Arbeit in einer Kruppfabrik zu gehen. Bomben zerstören das Gebäude, keine Kollegin überlebt. „Ich habe das wohl irgendwie gespürt. Das war ganz schlimm“, sagt sie. Als wenig später eine Brandbombe das Elternhaus trifft, schafft es ihr Vater gerade noch rechtzeitig, die Familie im Kellerverschlag zu verstecken. „Dann haben wir das Feuer gelöscht.“

Einsatz als Trümmerfrau


1945 lernt die damals 19-Jährige ihren ersten Mann, einen Hamburger, kennen. Zu der Zeit hilft sie als sogenannte Trümmerfrau mit, die zerbombte Stadt von den Trümmern zu befreien. „Ich weiß noch, wie mein Mann und ich in den Trümmern einen Tanzkurs gemacht haben“, sagt sie. Die beiden verlieben sich und ziehen nach Uhlenhorst. Gemeinsam haben sie und der gelernte Koch in Altona die Gaststätte „Mittagstisch“ und ziehen ihre zwei Kinder groß. „Es war schwer, wieder anzufangen. Köche wurden nicht gesucht, außerdem kam mein Mann mit Malaria aus dem Krieg. Das war schlimm, es gab ja keine Medizin.“ Die Arbeit ist hart, doch bei Campingausflügen in die Lüneburger Heide findet die Familie stets Erholung. Es folgt eine ganze Reihe an Geschäften, die das Ehepaar betreibt: Kantine in Alsterdorf, Hotel im Rheinland, Restaurant in Elmshorn, Rennbahn, Stadttheater und für kurze Zeit auch ein Restaurant in England. „Manchmal sind wir auf den Bauch gefallen“, resümiert sie. Gerade als sie schuldenfrei sind, verstirbt ihr Mann 1973, kurz nach dem Tod ihres Vaters.

Wissbegierig


Vier Jahre bleibt sie allein, ehe sie ihren zweiten Ehemann kennenlernt, einen Elektromaschinenbauer mit eigener Firma. „Da musste ich umlernen. Zum Glück war ich immer sehr wissbegierig“, so die gelernte Schneiderin. Sie arbeitet sich in die Materie ein und kümmert sich von nun an um die Buchhaltung. 2006 stirbt auch ihr zweiter Mann, ein lebensfroher Charismatiker, wie sie sagt. „Er war nie krank, aber plötzlich hatte er Unterleibschmerzen und das war Krebs.“ Nach einem Sturz lebt sie seit über einem Jahr in einem Seniorenheim in Barsbüttel, ganz in der Nähe ihrer Tochter und ihres Schwiegersohns, die sich viel um sie kümmern. Anneliese Meister blickt auf ein nicht immer einfaches Leben zurück, hat vier Enkel und sieben Urenkel, die von Schweden bis nach Australien in der Welt verteilt sind. Wenn sie könnte, würde sie sofort nach Australien fliegen, sagt sie, aber ihre Beine machen das nicht mehr mit. „Aber es hat keinen Sinn, nur zu bedauern“, erklärt sie. Nur einen Wunsch hat sie: „Ich möchte so vital bleiben, wie ich jetzt bin und wieder etwas besser laufen können.“
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