Auf Entdeckungstour durch Wandsbek

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Buchautorin Katja Nicklaus an einem ihrer Lieblingsplätze, dem Matthias Claudius Denkmal Foto: Gehm
 
Wandsbekbuch, Katja Nicklaus, Junius Verlag, 176 Seiten, Euro 16,80, ISBN 978-3-88506-757-3 Repro: Gehm
Von bieder bis exotisch: Für Autorin Katja Nicklaus ist „Wandsbek ist das Indien Hamburgs“

Von Dagmar Gehm
Wandsbek
„Wandsbek ist das Indien Hamburgs“, behauptet Katja Nicklaus. „Für die meisten liegt es ganz weit weg. Als gehörte es nicht wirklich dazu.“ Es habe fast keine Inhabergeführten Geschäfte, so die schlanke Frau mit den kurzen, dunklen Haaren, „hier gibt es nur Sachen, die man überall bekommt.“ Junge Leute würden lieber in Ottensen wohnen, in Eimsbüttel oder in der Neustadt. Ein hartes Urteil und ein erstaunliches. Geäußert nicht etwa von einer Besucherin, die nur mal kurz auf Stippvisite in Wandsbek ist und den Stadtteil deshalb nur oberflächlich wahrnimmt, sondern von einer absoluten Insiderin. Die sich seit Jahren mit dem einwohnerstärksten Bezirk Hamburgs (424.146 Einwohner am 31.12.2015) befasst und sogar ein Buch über ihn geschrieben hat, das „Wandsbekbuch“.

Kritikerin mit Durchblick

Katja Nicklaus kann sich ein Urteil erlauben, denn sie weiß, wovon sie spricht und worüber sie schreibt, obwohl sie aus Unterfranken stammt und erst 1992 nach Hamburg kam. In Wandsbek wohnte sie von 1994 bis 2008. An der Fern-Uni Hagen hat sie Geschichte, Psychologie und Pädagogik studiert und sogar das Handwerk des Kaffeeröstens erlernt, doch „parallel dazu hatte ich das Bedürfnis, mich schwerpunktmäßig mit meiner neuen Heimat Hamburg zu beschäftigen“. Auf Streifzüge durch ihren Stadtteil ging sie ohnehin immer schon gern. Was bot sich da Besseres an, als bei Stattreisen ihr Know-how zu nutzen und Besuchern auf Rundgängen Einblicke in Wandsbek zu geben? Bekannte und verborgene Winkel zu zeigen, die sie alle selbst erkundet hat? Es war nur logisch, all ihre Kenntnisse in einem Buch zu bündeln. Auf einer Radtour und fünf Spaziergängen nimmt Katja Nicklaus ihre Leser mit durch Wandsbek-Zentrum, Steilshoop, den Duvenstedter Brook, Volksdorf, auf den Friedhof Ohlsdorf – den größte Parkfriedhof Europas – und am Wandsezug entlang. Zwischen Bankrotteuren und Betrügern bis zur Bestattungskultur im Laufe der Zeit spricht sie auch Themen an, die uns heute bewegen. Garniert mit Tipps für Restaurants, Shops, Kultur, Freizeit/Sport und Hotels am Ende eines jeden Kapitels.

Schöne Ecken

Nach der wenig schmeichelhaften Ouvertüre erzählt sie von den positiven Aspekten Wandsbeks, den Gründen, warum sie den Stadtteil dann doch so spannend findet, um ihn auch anderen zu empfehlen. „Das Besondere an Wandsbek ist die Geschichte“, sagt sie „und die wenig bekannten Highlights. Zum Beispiel der Botanische Sondergarten im Eichtalpark. Eine Oase der Ruhe inmitten dieses zugebauten Stadtteils, wo auch Seminare stattfinden, öffentliche Führungen und Veranstaltungen. Er zählt zu meinen Lieblingsplätzen.“Auch der kolonialen Aufarbeitung gibt die Autorin Raum, berichtet über die Entfernung der Büste von Heinrich Carl Schimmelmann im Puvogel-Garten im Rahmen der „Wandsbektransformance“ 2007. Erst ein Jahr nach der Errichtung der Büste 2006 erhoben sich kritische Stimmen, die daran erinnerten, dass der einst reichste Mann Europas und Erbauer des Wandsbeker Schlosses (1778 eingeweiht, 1861 abgerissen) auch als Sklavenhalter in Afrika agierte. Nicht alles ist in Hamburgs Stadtteil im Osten so, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Wie die Frage, wo sich eigentlich die Ortsmitte befindet. „Wenn man auf dem Wandsbeker Marktplatz steht, denkt man: Hier ist das Zentrum. Der eigentliche Bahnhof von Wandsbek liegt aber in Marienthal, das sind locker 20 Minuten zu Fuß.“

Vorurteile abbauen

Besonders reizvoll für die Autorin ist Steilshoop, „das immer nur in den Medien auftaucht, wenn etwas passiert. Dieses Negativimage hat es nicht verdient. Das Experiment aus den 70ern, eine Gemeinschaft von Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten innerhalb eines Wohnmodells zu schaffen, ist zwar gescheitert. Doch bis heute gibt es tolle Angebote für Kinder und Jugendliche, wie auf dem Appelhoffweiher, wo sie für kleines Geld ihren Segelschein machen können.“ Katja Nicklaus räumt weiter mit Vorurteilen auf: „Viele halten Steilshoop für ein Problemviertel. Aber wenn man genauer hinschaut, entdeckt man, dass hier viel Kultur geboten wird: Es gibt ein Haus der Jugend und die ganze religiöse Vielfalt, sogar einen Sikh-Tempel. Wer sich traut, über seine Schwelle zu gehen, wird sehr freundlich empfangen.“ Das Indien Hamburgs zeigt sich hier also als positiver Aspekt.

Der bekannteste Sohn

Kein Wandsbek-Rundgang, ohne dem berühmtesten Sohn einen Besuch abzustatten. Neben der Christuskirche wurde aus Anlass des 200sten Todestags des Dichters Matthias Claudius im Januar 2015 eine sechs Meter breite und knapp drei Meter hohe Bronzeskulptur des Worpsweder Bildhauers Waldemar Otto aufgestellt. Sie trägt den Namen des Abendlieds „Der Mond ist aufgegangen“ und zeigt neben dem „Wandsbecker Bothen“ einen Mond, der am Himmel aufgeht. „Auch wenn der nahe Ring 2 für wenig Beschaulichkeit sorgt“, meint Katja Nicklaus, „schließen wir den Rundgang mit der dritten Strophe des bekannten Liedes: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen. Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.“ Zumindest sorgt die Autorin dafür, dass wir unsere Augen für so manche Sachen in Wandsbek öffnen.

Wandsbekbuch: mit Volksdorf, Steilshoop, Wandsezug, Duvenstedter Brook und Ohlsdorf: Katja Nicklaus, Junius Verlag, 176 Seiten, Euro 16,80, ISBN 978-3-88506-757-3
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