Berufsförderungswerk macht weiter

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Eingang zum Berufsförderungswerk an der August-Krogmann-StraßeFotos: Jenssen
 
Geschäftsführer Jens Mohr (43) steckt seine ganze Kraft in die Sanierung des BFW

Trotz Insolvenz: Geschäftsführer spricht über Zukunftspläne. Sommersemester beginnt

Von Martin Jenssen
Farmsen-Berne. Trotz Insolvenz: Es geht weiter beim Berufsförderungswerk (BFW) in der August-Krogmann-Straße 52 in Farmsen-Berne. Die Zukunft ist geplant mit reduzierter Mannschaft, mit weniger Rehabilitanden und auf halbierter Fläche.
Auch wenn bei einer Insolvenz immer zahlreiche Unsicherheiten mitspielen, soll Hamburg das für den gesamten norddeutschen Raum wichtige Zentrum für berufliche Rehabilitation behalten. Mit dem Sommersemester, das in diesen Tagen beginnt, erhalten derzeit 750 Umschüler, Menschen, die auf Grund eines Unfalls oder einer schweren Krankheit ihre alte Tätigkeit aufgeben mussten, die Fachausbildung für eine neuen Beruf.

Schlechte Belegung

Im Mai musste das Berufsförderungswerk die Insolvenz anmelden. Schuld war eine drastische Reduzierung der Rehabilitanden. Seit 2005 sind die Belegungszahlen stark rückläufig. In den vergangenen acht Jahren sind sie um rund 70 Prozent gesunken. „Das ist verwunderlich“, erklärt Roland Kohsiek von der Gewerkschaft ver.di. „Dabei ist der Bedarf für eine berufliche Rehabilitation eher steigend. Und es waren die sogenannten Kostenträger, die Bundesagentur für Arbeit, die Rentenversicherungen und die Berufsgenossenschaften, die die von ihnen gewünschte Expansion des Berufsförderungswerks über Kredite vorfinanziert hatten.“
Die Kostenträger sollen auch für die Belegung im BFW sorgen. Aber traurig für die Rehabilitanden und das Berufsförderungswerk, es wird überall gespart. Durch die schlechte Belegung geriet das Berufsförderungswerk, das zu 100 Prozent der Hansestadt Hamburg gehört, in die Schuldenfalle. Am Ende beliefen sich die Schulden auf rund 25 Millionen Euro. Deshalb wurde mit der Insolvenzerklärung die Reißleine gezogen.
Seit Mai werden die Gehälter
der Mitarbeiter mit Insolvenzgeld bezahlt. „Ab August sind wir dann selbst wieder in der Lage, die Gehälter zu bezahlen“, sagt BFW-Geschäftsführer Jens Mohr (43).
Einen Insolvenzverwalter gibt es nicht. Das Gericht traut dem BFW Hamburg zu, das es in Eigenverwaltung, unter dem Schutzschirm des Gerichts, die Situation meistert und die Weichen für die Zukunft stellt. „Ich stecke zur Zeit meine ganze Kraft in die erfolgreiche Sanierung über die Insolvenz“, erklärt Jens Mohr. Unterstützt wird er dabei von einem Anwalt für Insolvenzrecht. Das Gericht hat einen vorläufigen Sachverwalter bestellt.
Das sind die Pläne für die Zukunft: Von 290 Mitarbeiterstellen werden über die Hälfte abgebaut. Nur 139 Stellen werden bleiben. Außerdem muss das BFW rund 30000 Quadratmeter Grundfläche abgeben, dazu gehören die beiden Internatsgebäude am Berner Heerweg Nr. 183 a und 185. Bis auf 62 Appartements sind die Räumlichkeiten dort bereits an die Diakonie und an die Pestalozzi-Stiftung vermietet. Auf dem Gelände, das das BFW an der August-Krogmann-Straße abgibt, werden rund 300 neue Wohnungen, darunter auch Sozialwohnungen, entstehen.
Das BFW muss wegen des Stellenabbaus mehrere Ausbildungszweige aufgeben. Aufgegeben werden u.a. die Ausbildungen zum Bauzeichner, Bautechniker, zum Zweiradmechaniker, zum Verwaltungsfachangestellten und zum Elektroniker für Geräte und Systeme.

151 Stellen abbauen

„Bauchschmerzen“ bereitet dem Geschäftsführer vor allem die Entlassung von 151 Mitarbeitern. Durch die Insolvenz steht den Ausbildern bei ihrer Entlassung nur eine Entschädigung von zweieinhalb Monatsgehältern zu. Die Mitarbeiter setzten ihre Hoffnung deshalb auf eine Transfergesellschaft, die von der Stadt Hamburg gegründet werden müsste. Dadurch könnten die finanziellen Einbußen besser abgefedert werden. Die Mitarbeiter hoffen, dass sich der Senat dem nicht verschließt. Denn immerhin ist es ein Novum in der Hamburger Geschichte, dass eine 100prozentige Tochtergesellschaft der Stadt Insolvenz anmelden musste.
Jens Mohr möchte dafür sorgen, dass das geschrumpfte Berufs-förderungswerk dann in eine sichere Zukunft geführt wird. Durch die Unterstützung der verbleibenden Mitarbeiter sollen auch künftig Rehabilitanden in Hamburg eine Fachausbildung und die besondere Lebenshilfe des BFW bekommen, die es ihnen ermöglicht, sich eine neue Existenz aufzubauen. Jens Mohr: „Für die Teilnehmer ist die Umschulung beim Berufsförderungswerk eine zweite Chance für das Berufsleben - aber meist auch ihre letzte Chance!“
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