"Das Wunder von Bern": Ein Musical in der obersten Liga

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Christa Lubanski (Vera Bolten) tröstet den kleinen Matthes (Riccardo Campione) Foto: stage entertainment/wb

Premiere im neuen Stage Theater an der Elbe wurde begeistert aufgenommen. Zu Recht – denn hier gewinnt nicht nur die Fußballnationalmannschaft

HAMBURG Dass Deutschland 2014 Fußballweltmeister werden würde, konnten die Macher bei Stage Entertainment nicht wissen, als sie den Plan für „Das Wunder von Bern“ fassten. Jogis Team schaffte den Titel und so konnte der Rückenwind zumindest aus dieser Richtung für die Unterhaltungs-Crew um Chef Joop van den Ende nicht größer sein. Doch die Skepsis vor der Premiere war groß: Kann Fußball auf der Musicalbühne funktionieren? Ist das Thema nicht zu männerlastig?

Die Antwort gaben jeweils 1.850 Gäste am Sonnabend und Sonntag: mit standing ovations bei der sogenannten Medien-Premiere und mit Bravo-Rufen bei der Weltpremiere. Auch in den Medien ist das Echo positiv. Für die „Welt“ ist das Musical sogar „atemberaubend“.Das neue Stück zeigt, wie der Film von Sönke Wortmann von 2003, ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte vor dem Hintergrund der Fußball-WM 1954.

Erzählt wird auch hier die anrührende Geschichte um Richard Lubanski (im Film Peter Lohmeyer, im Musical Detlef Leistenschneider), der nach zwölf Jahren aus russischer Gefangenschaft heimkehrt und doch nicht ankommt. Weder bei seiner Frau noch bei seinen drei Kindern, von denen er das jüngste bis dahin noch nie gesehen hat. Der kleine Matthes (im Musical beeindruckend gegeben von Riccardo Campione) hat sich in der Abwesenheit des Vaters einen Ersatzhelden gesucht, den Boss, Helmut Rahn von Rot-Weiß-Essen. Und während sich die Lubanskis mit Narben auf den Seelen eine neue Zukunft schaffen, steuert das Team um Nationaltrainer Sepp Herberger in Bern aufs Finale zu…

Einfach, aber nicht platt


Ruhrpott-Projektionen und Alpen-XXL-Postkarten sind nur ein Teil des fantastischen Bühnenbildes von Jens Kilian. Wenn sich die Koffer der Nationalspieler mit wenigen Handgriffen in deren Reisebus verwandeln oder in „Christas Eck“ nur noch der Bierdunst für die Authentizität fehlt, dann schafft das die richtige Atmosphäre für die Ohrwurm-Songs („Wunder gescheh’n“) von Martin Lingnau. Die Texte von Frank Ramond sind einfach, aber nicht platt. Denn „Das Wunder...“ will viel: die Schrecken der Kriegsgefangenschaft abbilden, dazu den Wiederaufbau der Fünfziger und persönliche Schicksale einfangen und dabei immer wieder mit einem Stück Ironie das Abgleiten ins Schmonzettige verhindern („Sei’n Sie doch nicht so deutsch“). Gefühle gibt’s satt („Ich will doch nur leben“), es ist schließlich ein Musiktheater-Abend.
Apropos: Wenn unter Tage das Pressluftgehämmere im Kopf des Spätheimkehrers Lubanski zu Gewehrattacken des Feindes werden, schafft das angeblich so seichte Genre den Sprung in die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Folgen von Kriegseinsätzen. Überhaupt: Niemals war ein Musical so erstaunlich deutsch und so tiefgehend wie das „Wunder von Bern“.
Die schnellen Szenenwechsel verlangen dem Zuschauer allerdings einiges ab, und anders als im Film träumt sich Steppke Matthes am Ende ins Berner Stadion und befördert quasi als virtuelles Maskottchen den Sieg.
Und wie viel Fußball steckt nun im „Wunder“? Genau die richtige Dosis. Endlich wieder Fußball-Ballett, möchte man rufen. Der Begriff Torwand bekommt durch Stage Entertainment eine neue Bedeutung. Wie die Darsteller in der Senkrechten, angeseilt vor einer Projektion á la Sportstudio-Spielanalyse, das Finale meistern, ist schon großes Kino.
Wer nach der Vorstellung das neue Theater (50 Mio. Euro Baukosten, mit hochklassigen Bildern und Kunstwerken ausgestattet) verlässt und das Panorama der Hansestadt mit der Elbphilharmonie leuchten sieht, weiß, dass Hamburg spätestens mit dem „Wunder“ in der obersten Musical-Liga den Führenden, New York und London, dicht auf den Fersen ist. (sta)
Tickets ab 49.90 Euro unter www.stage-entertainment.de,
t 01805/44 44 (ab 14 Ct./min.)
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