Der Astronom aus Wandsbek

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Büste von Tycho Brahe im Puvogelgarten. Eines der wenigen Andenken an den Forscher in Wandsbek Foto: Jenssen
 
Titelbild des ersten Wandsbeker Buches Repro: Jenssen

An wissenschaftlich wichtigem Buch nagt Schimmel. Professor regt Tycho-Brahe-Museum an

Von Martin Jenssen
Wandsbek/Jenfeld
Bei dem ersten Buch, das in Wandsbek erschienen ist, handelt es sich um eine Kostbarkeit. Der Titel des Buches: „Astronomiae instauratae mechanica“ (Mechanik der erneuerten Astronomie), kurz „Mechanika“. Erschienen ist das Werk im Jahre 1598. Verfasser war der dänische Astronom Tycho Brahe (1546-1601). Die Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität (Universität der Bundeswehr) in Jenfeld ist im Besitz eines Faksimiles der berühmten „Mechanika“. Doch leider ist das Buch zur Zeit nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Es ist von Schimmel befallen und wird in einem Sondermagazin verwahrt. Es soll aber, so versprach eine Mitarbeiterin der Bibliothek dem Wochenblatt, in absehbarer Zeit restauriert werden.

Beobachtungen ohne Fernglas

„Mit der ‚Mechanika‘ gelangt ein wissenschaftliches Werk an den Ort zurück, an dem es vor über 400 Jahren herausgegeben und gedruckt wurde“, schrieb der Brahe-Forscher Dr. Hans Graßl, Professor aus Siegen. Vor zehn Jahren wirkte Graßl als Privatdozent an der Schmidt-Universität. Das Werk von Tycho Brahe war nicht nur das erste Buch, das in Wandsbek erschienen ist; es war für die damalige Wissenschaft ein ungeheuer bedeutendes Buch. Das Werk enthält Abbildungen und Beschreibungen der von Brahe entwickelten Instrumente zur Himmelsbeobachtung. Ein Fernglas stand dem Sternenforscher damals noch nicht zur Verfügung. Das wurde erst vier Jahre nach Brahes Tod von einem holländischen Optiker entwickelt. Galileo Galilei war um 1610 dann der Erste, der ein Fernrohr zur astronomischen Beobachtung einsetzte.

Eine Sonnenfinsternis wird zur Berufung

Tycho Brahe wurde in Schonen (Südschweden) geboren, das damals noch zu Dänemark gehörte. Mit zwölf Jahren wurde er an der Kopenhagener Universität angemeldet, um Rhetorik und Philosophie zu studieren. In Kopenhagen erlebte er am 21. August 1560, er war 14 Jahre alt, eine Sonnenfinsternis. Die faszinierte ihn so, dass er beschloss, sich fortan der Astronomie zu widmen. Der junge Student wurde nach Deutschland geschickt. Er studierte in Leipzig, Wittenberg und Rostock. In Rostock duellierte sich der heißblütige Brahe mit seinem Landsmann Manderup Parsbjerg. Dabei verlor Brahe einen Teil seiner Nase. Als Ersatz ließ er sich eine Prothese aus Gold und Silber machen. Um die Nasenspitze zu befestigen, trug er stets eine Schachtel mit Salbe bei sich. Seine Kenntnisse der Sternkunde vervollständigte Brahe an den Universitäten in Basel und Augsburg. Durch die Entdeckung eines neuen Sterns, eine Nova in der Kassiopeia, wurde er in der astronomischen Wissenschaft berühmt. Der dänische König Friedrich II. stellte ihm für seine Forschungsarbeit die Insel Ven nördlich von Kopenhagen zur Verfügung. Ein harter Schlag für Brahe war es, als ihm Friedrichs Nachfolger, König Christian IV., im Jahre 1597 jegliche Unterstützung versagte. Enttäuscht zog Tycho Brahe nach Rostock, das er wegen des Ausbruchs der Pest, bald wieder verließ. Er nahm die Einladung des norddeutschen Edelmanns Heinrich Rantzau an, der ihm auf seinem Schloss in Wandsbek, der Wandesburg, Unterkunft und Arbeitsräume anbot. Vor allem der Schlossturm war für Brahe interessant. Prof. Graßl: „Mit den Instrumenten, die Brahe im Turm des Schlosses aufstellte - anfangs nur die kleinen, später auch die größeren Quadranten - beobachtete er einerseits fehlende Sternpositionen, andererseits im verstärkten Maße Planetenpositionen, um so brauchbare Bahndaten zu gewinnen.“

Brahes Vorlagen für die Keplerschen Gesetze

Eine Sonderausgabe seines Buches, das er in Wandsbek verfasst hatte, schickte Brahe als Geschenk an Kaiser Rudolph II. nach Prag. Der Kaiser war von dem Buch dermaßen begeistert, dass er Brahe an seinen Hof holte. Der Astronom hatte in Prag nur noch wenig Zeit für seine Forschungsarbeit. Er starb am 24. Oktober 1601 im Alter von 54 Jahren. Sein Nachfolger als Hofastronom wurde Johannes Kepler, der die Aufzeichnungen seines Vorgängers zur Grundlage seiner bahnbrechenden Schriften und der nach ihm benannten drei Keplerschen Gesetze machte, die erstmals die Umlaufbahnen der Planeten mathematisch erfassten. Ohne die „Mechanika“, da ist sich Prof. Graßl sicher, hätte es die Zusammenarbeit Tycho Brahes mit Johannes Kepler nicht gegeben. Graßl: „Durch diese glückliche Fügung gelangten die von Brahe und seinen Mitarbeitern in Jahrzehnten - auch in Wandsbek - zusammengetragenen astronomischen Messergebnisse in die richtigen Hände. Auf der Basis der exaktesten Daten über den Himmel, die damals zur Verfügung standen, gelang es Kepler, ein neues Bild von der Welt zu entfalten. Wandsbek rückte mit dem Forschungsaufenthalt Tycho Brahes für ein wichtiges Jahr in den Mittelpunkt der Wissenschaftsgeschichte.“ Schon während seiner Zeit als Privatdozent an der Helmut-Schmidt-Universität hatte Graßl ein Konzept entwickelt, das Andenken an Tycho Brahe in Wandsbek neu zu beleben. Der Professor: „Wenn in Wandsbek ein Museum für Brahe gebaut wird, würden viele skandinavische Touristen nach Wandsbek reisen.“ Sein Ziel: „Wandsbek als Schauplatz der Wissenschaftsgeschichte neu entdecken!“

Schlossturm wieder aufbauen

Eine seiner Ideen: Der Schlossturm, in dem Brahe wirkte, könnte nach alten Vorlagen wieder aufgebaut werden. Der Standort wäre auf dem Parkplatz beim Bezirksamt. In dem Turm sollte das Brahe-Museum eingerichtet werden. Es sollten Geräte ausgestellt werden, mit denen der Astronom gearbeitet hat. Auch das restaurierte Werk der „Mechanika“ sollte dort einen Platz finden. Graßl: „Das Interesse der Skandinavier an Brahe ist in den letzten Jahren wieder gewachsen. Als Anziehungspunkt für Touristen, die auf den Spuren Brahes reisen, liegt Wandsbek auf der Achse zwischen der Insel Ven und Prag.“
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