Der lange Weg zur Nüchternheit

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Laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung von 2015 konsumieren 9,5 Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. 1,3 Millionen gelten als alkoholabhängig Symbolfoto: thinkstock

Anonyme Alkoholiker unterstützen Abhängige beim täglichen Kampf gegen die Sucht

Von Ulrich Thiele
Bramfeld
Als Volker aufgehört hat zu trinken, war er gerade erst 27 Jahre alt und hatte schon so viel Alkohol getrunken, „dass es für ein ganzes Leben ausreicht“, wie er selbst sagt. Es fing bei ihm an, wie bei so vielen: der Alkohol machte ihn mutig. „Ich bin vom Wesen her ein introvertierter Mensch, es fällt mir schwer, auf Menschen zuzugehen. Früher, wenn ich ausging, wurde aber natürlich vorher immer ordentlich getrunken. Da kam ich in Schwung und es ging los“, berichtet er. Doch dabei blieb es nicht. Volker trank immer mehr und regelmäßig, er wurde zur Belastung für seine Familie. „Ich bin morgens mit einem Zittern aufgewacht und habe erstmal so lange getrunken, bis sich mein Körper wieder beruhigt hat“, erinnert er sich. Eine erste, sechsmonatige Kur schlug fehl, er wurde rückfällig. „Ich bin dem Trugschluss verfallen, zu glauben, ich könnte kontrolliert trinken“, sagt er. Seinen Eltern wurde es anschließend zu viel, sie wandten sich von ihm ab. Er verlor mehrere Arbeitsstellen. Eine Zeit lang lebte Volker auf der Straße und klaute Alkohol in Supermärkten, bis er endlich merkte, dass sich etwas ändern muss. „Ich bin fast bis zum bitteren Ende gegangen. Ich war alleine, hatte kein zu Hause und war völlig am Ende“, sagt er heute. Er versuchte es noch einmal mit einer Kur, diesmal mit Erfolg: er blieb trocken und fing an, die Treffen der Anonymen Alkoholiker zu besuchen. Er schaffte es, wieder Struktur in sein Leben zu bringen. Mittlerweile ist Volker 76 Jahre alt und seit 49 Jahren trocken. „Die Leute fragen sich vielleicht, warum ich nach all der Zeit noch zu den Treffen gehe. Ich müsste doch genug Abstand haben inzwischen. Man muss sich aber klar machen, dass man nie von der Krankheit geheilt werden kann. Es besteht immer die Gefahr, rückfällig zu werden. Man kann sich jede Woche darum kümmern, dass man nicht das erste Glas trinkt“, erklärt er. Auch wenn er mittlerweile ein normales Leben führe, müsse er ständig aufmerksam sein, sagt er. Die Versuchungen lauern noch immer an jeder Ecke, wie neulich, als Volker mit seiner Frau auf einem Maifest dem Kellner zuflüstern musste, dass er Alkoholiker ist und keine Speisen mit Alkohol zu sich nehmen darf. „Rotkohl wird zum Beispiel fast immer mit Rotwein zubereitet. Das darf ich dann nicht essen. Jeder Tropfen kann mich rückfällig werden lassen“, erklärt er. Das Programm der Anonymen Alkoholiker hilft ihm, es nicht zu tun. Als Volker vor zwei Jahren aus Husum nach Hamburg zog, suchte er sich deshalb zu allererst eine Gruppe vor Ort. Seitdem trifft er sich jeden Freitag neben der Osterkirche in Bramfeld mit einer Gruppe von 12 bis 18 Personen. Manche erzählen ihre Geschichten und berichten von ihren Problemen, manche hören einfach nur kommentarlos zu. Es gibt keine Hierarchie, keinen Chef. Nur einen Gesprächsleiter. Sie kennen nur ihre Vornamen, der gesellschaftliche Stand oder Prestige können zu Störfaktoren werden, deshalb werden sie außen vor gelassen. Gemeinsam geben sie sich Struktur und erinnern sich gegenseitig daran, nicht das erste Glas zu trinken. Volker weiß um die Versuchungen und Verdrängungskünste eines Alkoholkranken, weshalb es ihm so wichtig ist, Aufklärung zu leisten: „Das Tückische an der Krankheit ist, dass man nicht merkt, dass man abhängig ist. Es gibt etliche Anlaufstellen in Hamburg, nicht nur in Bramfeld. Ich will, dass jeder, der auch nur ein bisschen merkt, dass etwas nicht stimmt, sich bei der Kontaktstelle an der Saarlandstraße meldet!“

Die Kontaktstelle an der Saarlandstraße 9 ist unter der Telefon 040/192 95 erreichbar. Weitere Infos: Anonyme Alkoholiker

Info:
Laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung von 2015 konsumieren 9,5 Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. 1,3 Millionen gelten als alkoholabhängig. Nur ungefähr zehn Prozent unterziehen sich einer Therapie. Meist werden auch Angehörige und nahestehende Menschen in Mitleidenschaft gezogen.
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