Die Engel vom Berner Tower

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Wolfgang und Hannelore Thode (stehend) helfen Nachbarn wie Bodo Becker (sitzend) und Ingeborg Hegenberger (stehend, links) Foto: Grell

Ein Beispiel, wie Nachbarschaftshilfe in einem Hamburger Hochhaus funktionieren kann

Von Karen Grell
Berne
Wer möchte schon in einem gigantischen Hochhaus wohnen, wo die Anonymität einsam macht? Diesem schnellen Vorurteil können Bodo Becker (88) und seine Frau Ingeborg Hegenberger (87) aus eigener Erfahrung nur zu gut widersprechen, denn in ihrem Hochhauskomplex, nahe dem Berner U-Bahnhof, mit insgesamt hundert Wohnungen, kennen und unterstützen sich die Nachbarn, wo sie nur können.

Beistand der anderen

Vor allem in dem Tower 111 a, in dem allein zwanzig Eigentumswohnungen untergebracht sind, wird Hilfe großgeschrieben. Wer alt und krank ist, bekommt den Beistand der anderen. Zu Nikolaus stellen sich die Bewohner gegenseitig Überraschungen vor die Haustüren. Besonders glücklich ist Bodo Becker darüber, „zwei Berner Engel höchstpersönlich im Haus zu wissen“. Das Ehepaar Thode kümmert sich so rührend um die Nachbarn, „dass sie eigentlich mal einen Staatsempfang verdient hätten“, so Becker, der „nicht mehr so richtig gut drauf ist“, wie er es selber ausdrückt. Wolfgang und Hannelore Thode wohnen nur eine Etage unter den etwas kränkelnden Rentnern und sind jederzeit für Hilfe ansprechbar. „Wenn wir vom Einkaufen zurückkommen, trägt uns Wolfgang die schweren Flaschen rauf und Hannelore kauft auch mal ein Medikament bei der Apotheke ein“, erzählt Bodo Becker, der so begeistert ist von der unbürokratischen Hilfe unter Nachbarn, dass er gar nicht aufhören kann, die vielen Kleinigkeiten aufzuzählen, die hier täglich geleistet werden. „Die Thodes rufen uns zweimal am Tag an, einfach nur, um zu fragen, wie es uns geht und ob wir etwas brauchen. Das gibt es doch sonst kaum noch in einer Großstadt wie Hamburg“, vermutet Bodo Becker.

Helfen ist eine Selbstverständlichkeit

Warum die beiden Thodes nun eigentlich so hilfsbereit sind? Diese Frage stellt sich das Paar gar nicht: „Für uns ist das selbstverständlich und so haben wir doch auch Kontakt zu unseren Nachbarn“. Im Sommer organisieren die beiden Grillfeste im Gemeinschaftsgarten für alle Mitbewohner und in der Adventszeit gibt es Kaffeekränzchen in der eigenen Wohnung. Zwar habe man eine Putzfrau, die einmal in der Woche käme, erklärt Bodo Becker, doch das sei ja nicht dieser ganz persönliche Kontakt, der durch das Ehepaar Thode zu ihnen kommt. Seit vierzig Jahren wohnen Wolfgang und Hannelore im Berner Hochhaus und waren in dieser Zeit immer bemüht, die Gemeinschaft im Haus zusammenzuhalten. „Da machen eigentlich immer alle mit, vielleicht gab es mal einen, der nicht dazugehören wollte“, erinnert sich Hannelore an all die vergangenen Jahre, die sie hier mit ihrer Familie verbracht hat. „Viele beschweren sich in der eigenen Nachbarschaft darüber, wenn neue Mieter sich nicht gleich vorstellen“, lacht Bodo Becker, dabei seien gerade die doch so sehr im Umzugsstress, dass es an den anderen Mietern läge, mit einem kleinen Willkommensgruß an den Neuzugang heranzutreten. „Wer hier in der 111 neu einzieht, der bekommt ein Geschenk von den Nachbarn und wird begrüßt.“ Eine ganz besondere Hausgemeinschaft eben. „Wir sind einfach so voller Dankbarkeit“, meinen Bodo und Ingeborg, denen hier so rührend geholfen wird. Ein Hochhaus in Berne, in dem anonymes Nebeneinander undenkbar wäre.
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