Ein Zuhause auf Zeit

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Christian Violka (li.) und Klaus Sonsmann vor dem Haus der Wohngruppe in der Schellingstraße Foto: cm
 
Die Ein-Zimmer-Appartements sind hochwertig mit Bädern und Einbauküchen ausgestattet Foto: cm

Pestalozzi-Stiftung betreut Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen

Von Christa Möller
Wandsbek
Eine der ältesten sozialen Einrichtungen Hamburgs ist die von Mitgliedern der „Loge zur Bürgertreue an der Elbe“ vor fast 170 Jahren ins Leben gerufene Pestalozzi-Stiftung, die „eine Zukunft für Kinder aus verarmten und verrohten Verhältnissen schaffen“ wollte. Ihr Namensgeber war der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Es sollten damals Heime für bedürftige Kinder entstehen, die ihnen liebevolle Erziehung und fundierte Schulbildung bieten und den Weg in ein eigenständiges Leben in christlicher Tradition aufzeigen sollten. Am 8. August 1847 wurde in Billwärder das erste Haus für 50 Kinder eröffnet. Und auch heute noch werden durch die Stiftung Kinder und Jugendliche betreut, die nicht mehr in ihren Familien leben können. In Hamburg betrifft das etwa 2.000 Kinder und Jugendliche.

Gegenseitig stützen


Im Bereich der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe engagiert sich die Stiftung mit etwa 300 Mitarbeitern in der Ganztagsbetreuung an Schulen und in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, betreut Menschen mit Beeinträchtigungen und betreibt Kindertagesstätten. „Die bekannteste liegt im Stadion vom FC Sankt Pauli“, erläutert Vereinsfan Christian Violka. Der 53-Jährige Sozialpädagoge arbeitet seit 28 Jahren bei der Pestalozzi-Stiftung. Seit zwölf Jahren ist er im Vorstand. Ein weiterer Aufgabenschwerpunkt liegt in ambulant betreuten Wohngruppen. Ein Problem sei, geeignete Immobilien für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen zu finden. Diese werden in der Regel gemietet. Es gibt aber auch drei stiftungseigene Gebäude. Zwei in Wandsbek, eines in Ohlstedt.
Im Rahmen der Hilfen zur Erziehung gibt es seit einem knappen Jahr in der Schellingstraße in Eilbek eine Wohngruppe, in der zur Zeit zehn Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren leben. Neun Voll- und Teilzeitmitarbeiter betreuen sie, außerdem gibt es eine Hauswirtschaftskraft. Mindestens ein Ansprechpartner ist immer vor Ort, auch nachts. Die Jugendlichen unterstützen sich aber auch gegenseitig sehr gut. Die Familienausgangssituation ist häufig eine Herausforderung, wie Teamleiter Klaus Sonsmann weiß. Schwere Schicksale beeinträchtigen die Kinder. Manche haben einen Fluchthintergrund. Es sind auch minderjährige unbegleitete Flüchtlinge darunter. Einige Eltern, viele allein erziehend, sind überfordert, drogensüchtig, manche haben Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson. Oder sie sind psychisch erkrankt. Ihre Kinder haben Gewaltvorerfahrung, leiden an Ängsten, haben Schlafprobleme. „Manchmal brauchen Kinder hier ein halbes Jahr Zeit, um wieder Boden unter den Füßen zu haben“, sagt Klaus Sonsmann. Der 59-jährige Sozialpädagoge arbeitet seit 18 Jahren bei der Stiftung, die für ihre Arbeit auf Förderer und Spenden angewiesen ist. Die Mehrheit der Eltern steht der Unterbringung positiv gegenüber“, weiß Christian Violka.
Fast alle in der Wohngruppe gehen noch zur Schule. Ein Auszubildender ist darunter und eine Teilnehmerin eines Berufsfindungskurses. Das gemeinsame Wohnzimmer ist klein, die Küche dagegen sehr geräumig. Hier wird auch mal gemeinsam gekocht und viel geklönt. Kontakte nach außen sind aber ebenfalls wichtig, die Jugendlichen sind viel unterwegs. „In der Regel entwickelt sich eine gemeinschaftliche Verlässlichkeit. Es wird nicht sanktioniert, wenn sich einer nicht an die Regeln hält, sondern, wenn nicht über die Einhaltung der Regeln kommuniziert wird“, sagt Violka. Manche Bewohner leben nur kurz in der Gruppe und können schnell zu ihren Familien zurückkehren, andere bleiben jahrelang. Viele Jugendliche halten auch nach dem Auszug den Kontakt zu „ihrer“ Wohngruppe, so dass Klaus Sonsmann weiß: „Es gibt einige, die man aus den Augen verliert, aber auch eine ganze Menge, bei denen sich alles zum Guten gewendet hat.

Selbstbestimmt leben


Wenn die Jugendlichen ausziehen wollen, durchschnittlich nach einem Jahr „Verweildauer“, werden sie „in eigene Wohnungen übergeleitet“ – eine Hilfe auf dem Weg in die Selbständigkeit. Dafür stehen gleich nebenan in einem so genannten Jugendhilfewohnstützpunkt fünf Ein-Zimmer-Appartements mit Einbauküche und Bad für Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren zur Verfügung. „Es gelingt uns ganz gut, sie über den Kontakt der Kollegen vor Ort, positiv zu begleiten“, sagt der Stiftungsvorstand. Diese Art der Jugendhilfe ist ein erfolgreiches Modell.

Weitere Informationen: www.pestalozzi-hamburg.de;
Neuerscheinung im Buchhandel:„Die Geschichte der Pestalozzi-Stiftung
Hamburg“ von Karlheinz Reher, Christians Verlag, ISBN 978-3-939969-07-5
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