Eltern auf Zeit – Ein Erfahrungsbericht

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Annette und Andreas Kramp sind Bereitschaftspflegeeltern und bieten Kindern wie der einjährigen Alicia ein Zuhause auf Zeit Foto: Blume

Ehepaar übernimmt Bereitschaftspflege für Verein „Pfiff“

Von Claudia Blume
Hamburg-Ohlstedt
Vertrauensvoll legt Alicia ihren Kopf an die Schulter von Annette Kramp. Vor einem Dreivierteljahr kam das damals sechs Monate alte Mädchen nach Ohlstedt. „Mama“ wird sie nie zu ihr sagen. In ein paar Wochen wird die Kleine die Kramps wieder verlassen, denn Annette und Andreas sind nur Eltern auf Zeit. Sie sind Bereitschaftspflegeeltern. „Die leiblichen Eltern waren überfordert, deshalb haben wir Alicia aufgenommen, als das Jugendamt anfragte“, erklärt der 48-jährige Pflegevater. Mit seiner Frau hat er zwei erwachsene Söhne, 19 und 22 Jahre, sowie Benedikt, auch ein Pflegekind. Schon seit zehn Jahren lebt der 14-Jährige bei der Familie. „Es ist bereichernd und ein Geschenk Kinder aufwachsen zu sehen, ihnen Sicherheit, Schutz, Liebe, Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit und Anerkennung zukommen zu lassen, die jeder Mensch verdient“, sagt Annette Kramp. Früher war sie als Tagesmutter tätig. „Unser Haus war immer voll“, sagt sie lächelnd. Das Paar engagierte sich ehrenamtlich beim Aufbau des Kinderhospiz „Sternenbrücke“. „Das hat unsere Einstellung über den Wert des Lebens relativiert. Statt Geld zu spenden haben wir entschieden, bedürftigen Kindern unsere Zeit und Fürsorge zu geben, und haben Benedikt als Dauerpflegekind aufgenommen“, ergänzt der selbstständige Unternehmer.
Toleranz, starke Nerven, eine intakte Partnerschaft und volle Akzeptanz in der Familie seien wichtige Kriterien. Ein Kleinkind wie Alicia über einen langen Zeitraum großzuziehen, kommt für die Eheleute jedoch nicht mehr in Frage, „denn welche 18-Jährige möchte schon fast 70-jährige Eltern haben?“ fragt Annette Kramp augenzwinkernd. „Deshalb begleiten wir als Bereitschaftspflegeeltern das Mädchen ein Stück auf ihrem Lebensweg, geben ihm wichtiges Rüstzeug mit und bekommen unendlich Zuneigung und bedingungsloses Vertrauen zurück.“ Rund 1.300 Kinder leben in 1.100 Hamburger Pflegefamilien, doch nur 23 sind Bereitschaftspflegefamilien bei Pfiff. „Seit Anfang des Jahres hatten wir 84 Anfragen der Jugendämter für Einzelkinder oder Geschwisterverbände, konnten jedoch lediglich 17 Kinder im Alter von null bis sieben Jahren in entsprechende Familien vermitteln. Deshalb werden dringend Bereitschaftspflegefamilien gesucht“, sagt Ralf Portugall von Pfiff, dem ersten freien Träger in Hamburg, der sich 1996 auf die Vermittlung und Begleitung von Pflegekindern spezialisiert hat. „Durch Pfiff haben wir eine intensive Begleitung mit Infoabenden, Seminaren und Supervision erhalten als auch professionelle Hilfe in allen Fragen“, erklärt Andreas Kramp. Deshalb hat er sich mit seiner Frau entschlossen wieder ein Kleinkind aufzunehmen, wenn Alicia in ihre neue Dauerpflegefamilie wechselt. Der Abschied wird allen schwer fallen. „Der kleine Sonnenschein ist uns ans Herz gewachsen, und wir sind glücklich zu ihrem Leben etwas beigetragen zu haben“, sagt Annette Kramp und streichelt der Kleinen über die blonden Haare. Dennoch freut sie sich jetzt schon auf das nächste „Überraschungspaket“, dem sie eine verdiente Chance bietet, und das wieder Leben ins große Haus in Ohlstedt bringt.

Weitere Infos: Pfiff gGmbH, Telefon 040/410984-60, www.pfiff-hamburg.de
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