Geborgenheit auf Zeit

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Lea (links) und Mailina (rechts) sind zwei selbstbewusste Kinder Foto: fbt
 
Tobias Lucht ist der leitende Sozialpädagoge Foto: fbt

In der Jenfelder „Arche“ haben Kinder Bezugspersonen und Beschäftigung

Von Frank Berno Timm
Jenfeld
Gäbe es sie noch nicht, müsste man sie erfinden: dieJenfelder „Arche“. Doch die Einrichtung am Görlitzer Weg gibt es jetzt schon seit zehn Jahren. Und dieses christliche Jugendwerk bietet Kindern und Jugendlichen Geborgenheit auf Zeit, an der es ihnen sonst wohl nur all zu oft mangelt. Hier in der Arche gibt es Mittag für die Kinder, die von der Schule kommen und entsprechend wild sind – kleine Kabbeleien sind an der Tagesordnung.

Alkohol macht stinkig


Mailina ist acht Jahre alt. Sie sitzt mit ihrer besten Freundin Lea (9) beim Mittag. Mailina und Lea erklären, wie Konflikte gelöst werden: Man gehe mit dem Betreuer nach draußen, rede, dann komme der Kontrahent dazu und „man gibt sich die Hand“. Mit Selbstbewusstsein und schönster Neugier reden die beiden über ihre Tage in der „Arche“. Am liebsten, sagen die Mädchen, seien sie im Saal und im Billardraum. Und Mailina lässt beim Reden durchblicken, was sie woanders schon beobachtet habe: Wenn man viel Alkohol trinke, werde man stinkig. Woher sie das weiß, lässt sich nur mutmaßen. Die Reihen sind locker gefüllt, Jungs und Mädchen sitzen hier, ein paar Erwachsene dazwischen. Gideon (10) macht Faxen beim Fotografieren, will nicht aufs Bild. Manuel (7) will sich auch nicht abbilden lassen – aber beide erzählen gern, dass sie am liebsten im Sport- und Spielraum sind.
Tobias Lucht, leitender Sozialpädagoge, führt durch das Haus. Die Arbeit ist entstanden, nachdem 2005 ein kleines Mädchen in der Jenfelder Wohnung seiner Eltern verhungerte. Pastor Thies Hagge, erzählt Lucht, hatte das Kind beerdigt und sei überzeugt gewesen, „hier muss sich was verändern“. Er bat die Berliner „Arche“, auch nach Hamburg zu kommen. Der Verein betreut heute 80 bis 100 Kinder zwischen vier und 13 Jahren und im Nachbarhaus noch einmal 50 bis 70 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren. Grundsatz, sagt Lucht, sei Kinder über Jahre zu begleiten und ihnen verlässliche Bezugspersonen zu bieten.
Das Mittagessen ist kostenlos. Seit drei Jahren gibt es auch Abendbrot. Zusätzlich kümmert sich die Arche nachmittags in der Ganztagesschule um weitere 180 Kinder – der Prozentsatz der Hartz-IV-Empfänger unter ihnen ist hoch: 70 Prozent
Am anderen Ende des Erdgeschosses ein Saal: Hier werden Geburtstage gefeiert, die fielen zuhause häufig unter den Tisch. Es gibt einen Chor, die Kinder können tanzen, Instrumente spielen. Einmal in der Woche wird Gottesdienst, genannt Kinderparty, gefeiert. Das eigene Gelände findet Lucht wichtig: Eltern wollten ihre Kinder nicht mehr auf öffentliche Spielplätze schicken. Das Jugendhaus liegt auf der anderen Seite: 27 Jugendliche hätten sie gerade durch die Schule und in eine Berufsausbildung begleitet, freut sich Lucht.

Hilfe bei Hausaufgaben


Oben, im ersten Stock, gibt es eine Fülle von Wahlmöglichkeiten für Arche-Kinder. Zwischen 30 und 45 machen hier täglich ihre Hausaufgaben, bis zu 60 bekommen Einzelnachhilfe. Das geht nicht ohne Ehrenamtliche, und weitere Hilfe wird gesucht. Nebenan wird für das nächste Camp in Mölln gebastelt – 70 Kinder werden mitfahren. Und im selben Raum liegen Sachen für die Elternarbeit, auch die wartet mit großen Zahlen auf: einmal monatlich gibt es ein Elterncafé, zu dem meistens zwischen 60 und 90 Mütter kommen. Über den Flur die Kleiderkammer (bis Gr. 176, Spenden gesucht): Zweimal pro Woche hat sie geöffnet, jedes Kind darf sich drei Sachen im Monat nehmen.nDer Sportraum ist „Gold wert“, auch das Computerzimmer ist heiß begehrt. Fußball, Schwimmen, Radfahren stehen auf dem Programm. „Es gibt relativ wenige, mutwillige Zerstörungen“, sagt Lucht. Wie reagieren muslimische Kinder und Eltern auf die christliche Arbeit? Willkommen sei jeder und sie beobachteten, dass strenggläubige Muslime „ihre Kinder lieber zu uns als in die staatlichen Jugendhäuser schicken“, antwortet der „Arche“-Chef.
Kinder suchten Orientierung, es habe auch gefährliche Strömungen gegeben – Jugendliche, die zum IS reisten, einer, „den wir auch kannten“, lebt nicht mehr. Im Jugendhaus hätten sie mit Spielsucht und Prostitution zu tun gehabt – verlässliche Orientierung sei wichtig. Und klare Regeln: gelbe und rote Karten, ein Punktesystem als positiver Verstärker. In Jenfeld, rechnet Lucht, gibt es 5.000 Kinder zwischen sechs und 18 Jahren, „davon kennen wir 750“. Mit ihm arbeiten 15 Festangestellte und 20 bis 25 Ehrenamtliche in der „Arche“, die sich ausschließlich aus Spenden finanziert. Der Name ist gut gewählt: In dem riesengroßen Schiff überstand Noah die Sintflut. Die hölzerne Fassade des Kinderzuhauses erinnert passend daran.

Die Arche: Christliches Kinder- und Jugendwerk e.V., Görlitzer Straße 10, weitere Infos: www.friedenskirche-jenfeld.de
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