Geschichtsstein ist „ein Stein des Anstoßes“

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Die Historikerin Sigrid Curth hat neue Texte für den besudelten Geschichtsstein und Info-Tafeln vorgeschlagen Foto: Menzel
 
Historikerin Sigrid Curth Foto: Menzel

Historikerin löst Diskussion über Wandsbeker Geschichte aus

Von Siegmund Menzel
Wandsbek
Die gebürtige Südwestfälin Sigrid Curth lebt seit 1974 in Hamburg. Die Hansestadt ist längst Heimat geworden. Besonders der Bezirk Wandsbek, wo sie und ihr Ehemann Klaus zu Hause sind. Immer wieder bringt sich die 69-Jährige ehrenamtlich ein, so als Schatzmeisterin des Vereins „Informations- und Kontaktstelle aktiver Ruhe-Stand“ (I.K.A.R.U.S.) und als Vorstandsmitglied des Kulturzentrums Wandsbek, Träger des Kulturschlosses.

Stein aus NS-Zeit

Als Sprecherin der Geschichtswerkstatt Wandsbek hatte sie Ende 2016 eine Eingabe zu Denkmälern an die Bezirksversammlung gerichtet, mit der sich der Regionalausschuss Kerngebiet beschäftigt. Dabei geht es vor allem um den Geschichtsstein aus dem Jahr 1937, der heute am Gehölzrand gegenüber dem Bezirksamt steht. Nach Ansicht von Sigrid Curth vermittelt der Stein ein Geschichtsbild, das noch immer vom NS-Staat diktiert ist, auch wenn „zwei eindeutige Unworte“ bis 1961 getilgt wurden. Der eingemeißelte Inhalt sei „in der Auswahl der Daten einseitig, historisch nicht stimmig, teils unverständlich oder sogar falsch“. Der im Vorjahr von Unbekannten besudelte Stein sollte als Mahnmal an dieser Stelle verbleiben, jedoch nicht ohne eine kritische Kommentierung auf zusätzlichen Info-Tafeln, die über Ursprungstext und ideologische Absicht ebenso informieren wie über prägende Themen und Zeitabschnitte.

Text-Neufassung gefordert

Es fehlen zum Beispiel Informationen zu Wandsbek als wichtigen Marktplatz und Kirchenort sowie zur wirtschaftlichen Entwicklung. Absichtsvoll weggelassen wurden das Wirken der Juden und die demokratische Wende ab 1848 bis hin zur Weimarer Republik. Hinzufügen müsste man auch die Zäsur der Kriegseinwirkung und nicht zuletzt die Zeit nach 1949. Die Historikerin und Sozialwissenschaftlerin möchte mit zur Auswahl stehenden Text-Neufassungen eine breite Diskussion über die öffentliche Darstellung der Wandsbeker Geschichte auslösen, damit das Zusammengehörigkeitsgefühl der Einwohner stärken.

Mehrere Standorte

Der Erinnerungsstein wurde von den Nazis am Rande des Marktplatzes aufgestellt. Nächste Standorte waren etwas abseits hinter dem Bahnhof Wandsbek, auf dem Gelände der Christus-Kirche und schließlich am Gehölzrand, wo er seit 2015 steht. Neben der Text-Neufassung auf Stein und Info-Tafeln sollten Details mit Hilfe von QR-Codes abrufbar sein, wünscht sich Sigrid Curth. Auch der Farbklecks könnte ihrer Meinung nach bleiben, der Findling sei so als „ein Stein des Anstoßes“ erkennbar.

Regionalausschuss tagt

Der Regionalausschuss Kerngebiet Wandsbek wird sich in seiner Sitzung am 29. März fast ausschließlich mit Denkmälern befassen. Ein Schwerpunkt ist der Geschichtsstein, heißt es. Zur öffentlichen Sitzung lädt der Ausschuss Historiker und Mitarbeiter aus der Fachbehörde ein. Ziel sei ein Beschluss zu Denkmälern in Wandsbek. Die von 1870 bis 1937 selbstständige Stadt umfasste den heutigen Stadtteil Wandsbek mit dem Kerngebiet, Hinschenfelde und Teilen Tonndorfs sowie ab 1878 auch den Stadtteil Marienthal.
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