Hamburg: Alles Gute, „Marienkäfer“!

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Die Kita-Kinder des Sommers 2014 mit ihren Betreuern, in der Mitte Dana Olhorn und Kristin Schüning Foto: Kai Rohde
 
Der Lärmstreit um die Kita Marienkäfer war Thema in vielen Zeitungen und Beiträgen, in Hamburg und ganz Deutschland

Deutschlands wohl berühmteste Kita in Marienthal wird 20. Ein Rückblick

Von Anja Matthies
Hamburg. Ein Kindergarten ist 20 geworden. Nicht irgendein Kindergarten. Der Kindergarten „Marienkäfer Hamburg-Wandsbek e.V.“, geliebt und zwischenzeitlich angefeindet wie wohl kaum ein anderer in der Stadt. Geboren aus der Krise, als es in Hamburg nicht genügend Kindergartenplätze gab, ist seine Bilanz inzwischen hervorragend. Sein Credo: Kinder lieben, loben, lernen lassen. Der „Marienkäfer“ hat sich zu einer festen Größe in Marienthal entwickelt. Letzten Sonnabend feierte er seinen 20. Geburtstag.
„Wir bauen uns den Kindergarten selbst“, sagten sich im Sommer 1994 acht Familien aus Marienthal. Sie gründeten einen Elternverein und ohne staatliche Förderung den Kindergarten „Marienkäfer. Dafür suchten sie sich ein Haus am Ende der Sackgasse Nöpps und bauten es kindgerecht um. „An vieles mussten wir denken. Kindertoiletten, Kindersicherungen, genügend Spielmöglichkeiten“, erzählte Gründungsmitglied Sabine Gnekow damals dem Wochenblatt. Es war ein Häuschen wie aus einem Kinderbuch von Astrid Lindgren: klein, etwas verwinkelt, innen bunt bemalt und außen aus rotem Backstein. Im Garten standen alte Kletter- und Apfelbäume, eine Rutsche, eine Schaukel und ein großer Erdhügel. Herrlich für Kinder, schön für die Eltern. So wurde der „Marienkäfer“ geboren.

„Die Kinder sind zu laut“

Für gewöhnlich leben Marienkäfer nur kurz. Zwei Jahrzehnte sind aus Käfersicht eine unvorstellbar lange Zeit – eine geschenkte Zeit, in der der Marienthaler „Marienkäfer“ seinem Ende mehrfach sehr nah war. Das erste Mal als Vierjähriger, als sich die Nachbarn von ihm gestört fühlten, ihn beseitigen wollten und deshalb Klage erhoben. Die Kinder wären zu laut, ihr Lärmpegel im Freien würde den der angrenzenden vierspurigen Rennbahnstraße mit 40.000 Autos am Tag übertreffen. Das zweite Mal als Elfjähriger, als das Hamburger Landgericht die Schließung des „Marienkäfers“ wegen der Lärmbeeinträchtigung verfügte. Reporter aus ganz Deutschland rückten an. Wogen der Empörung schlugen hoch – und reichten bis in die „Tagesthemen“ der ARD. Die Folge: Nach Verhandlungen durfte der „Marienkäfer“ noch zwei Jahre am alten Standort bleiben.

Suche nach neuem Heim

Die engagierten Eltern und Erzieherinnen, die sich nicht unterkriegen ließen, die vielen Sponsoren, darunter die Mäzene Helmut und Hannelore Greve, das Team des Bauunternehmens Otto Wulff zeigten Mut und Verantwortungsbewusstsein und leisteten gemeinsam mit den Verantwortlichen des Bezirksamtes ihren Beitrag für einen zukunftsfähigen Kindergarten. Das Schicksal meinte es gut mit dem „Marienkäfer“.
Die Suche nach einem neuen Zuhause dauerte lange, war aber erfolgreich. Ein Neubau im Zikadenweg 18 wurde geplant: ein hochmodernes eingeschossiges Niedrigenergie-Haus auf einer Fläche von 340 Quadratmetern mit einem großen Garten. Doch schon wieder protestierten die Nachbarn. Die öffentliche Erwartung war groß, ebenso die Existenzangst des „Marienkäfers“ – der Kindergarten ließ sich auf einen Kompromiss ein. Der Bau einer Lärmschutzwand wurde Bedingung. 60 Meter lang, zwei Meter hoch. Sabine Skwara, damalige Vorstandsvorsitzende, bereitet es noch heute Kopfzerbrechen, wenn sie an die Verhandlungen über die Nachbarschaftsvereinbarung denkt: „Welcher Kindergarten hat sich je zuvor mit den Nachbarn auf eine Lärmschutzwand geeinigt, um sich vor ihren Klagen zu schützen, um seine Existenz zu sichern, um den Kindern unbeschwertes Spielen zu garantieren?“

Grundsteinlegung 2007

Im November 2007 war die Grundsteinlegung des neuen Kindergartens. Und das Hamburger Abendblatt schrieb: „Eine Grundsteinlegung ist normalerweise eine Veranstaltung, die kaum Interesse weckt. Doch bei dieser handelte es sich um die künftige Heimat des wohl berühmtesten Kindergartens Deutschlands.“ Auch NDR, Spiegel TV, RTL, SAT.1 und VOX berichteten darüber.
Zu dem Richtfest knapp drei Monate später reiste die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen an und sagte: „Kinderlärm ist Zukunftsmusik“.
Ein märchenhaftes Ende einer langen Geschichte? Die Kita-Leiterinnen Kristin Schüning und Dana Olhorn, die mit viel Herz, guter Laune und außergewöhnlich hoher Einsatzbereitschaft dabei sind wie in den Anfangstagen des „Marienkäfers“, erzählen, dass die von einer Künstlerin bunt bemalte Lärmschutzwand inzwischen „kaum noch auffällt auf dem Spielgelände“. „Sie dient den Kindern als große Torwand und Kletterwall“, so Schüning. Heute ist die Kita „Marienkäfer“ eine Insel des Wohlfühlens für 50 Elementar- und Krippenkinder. Sie erfreut sich eines regen Zulaufs und wurde im November letzten Jahres mit dem SOALQE-Qualitätszertifikat ausgezeichnet, das die Vorgaben des Hamburger Bildungsplanes weiter vertieft. Und noch etwas kann sich der „Marienkäfer“ auf die Fahne schreiben. Sein Fall war Auslöser für eine Gesetzesänderung auf Bundesebene. Im Februar 2011 beschloss das Bundeskabinett die Neuregelung, dass Kinderlärm „keine schädliche Umwelteinwirkung“ darstellt. Das bedeutet, dass Gerichtsklagen gegen Lärm in Kitas, Kindergärten und auf Spielplätzen nun praktisch ausgeschlossen werden.
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