Hamburg: Otto Hahns Enkel erzählte

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Otto Hahn (re.) mit seinem Sohn Hanno (l.), dessen Frau Ilse sowie dem einzigen Enkel Dietrich Hahn Foto: privat
 
Otto Hahn (re.) arbeitete in seinen Laboren jahrelang ungeschützt mit hochradioaktiven Substanzen Foto: privat

Nachfahre des Nobelpreisträgers an Jenfelder Schule mit berühmtem Namen

Von Mai-Britt Wulf
Hamburg. „Bursche, weißt Du überhaupt, was es bedeutet Otto Hahns Enkel zu sein?“, fragte Kernphysikerin Lise Meitner (1879 - 1968) einst ihren Patensohn Dietrich Hahn und gab ihm selbst die Antwort: „Es ist ein Geschenk Gottes.“
Inzwischen ist Dietrich Hahn 68 Jahre alt, und lächelt, als er sich vor Jenfelder Jugendlichen in der Otto-Hahn-Schule an diese Begebenheit vor 50 Jahren erinnert. Mittlerweile begreift Dietrich Hahn seine Familiengeschichte als Verantwortung. Er will das Lebenswerk von Otto Hahn (1879 - 1968) dokumentieren, dem berühmten Chemiker, dem Entdecker der Kernspaltung, der später vor allem für ihre friedliche Nutzung eintrat Für die Oberstufenschüler der Otto-Hahn-Schule ist Dietrich Hahns Vortrag ein Pflichttermin, trotzdem hören sie dem schlanken Mann im dunklen Anzug konzentriert zu. Seine Erzählungen sind fesselnd. Der Publizist Dietrich Hahn ist der einzige Enkel des Kernchemikers Otto Hahn. Als 14-Jähriger verlor er seine Eltern bei einem Autounfall, Otto Hahn wurde sein Vormund. Dietrich Hahn beschreibt ihn als liebevollen Großvater. „Ich hatte ihn kaum für mich allein, er war immer umringt von Leuten. Das lag an seiner offenen und unprofessoralen Art.“
Otto Hahn wurde 1879 in Frankfurt als vierter Sohn des Glasermeisters Heinrich Hahn geboren. In Marburg studierte er Chemie, dort promovierte er auch. 1904 zog es ihn nach London. Er wurde Mitarbeiter des Edelgas-Entdeckers William Ramsay. In England begann seine Beschäftigung mit der Radiochemie. Im Laufe seiner Karriere machte Hahn zahlreiche bedeutende Entdeckungen, darunter die des radioaktiven Rückstoßes. 1938 entdeckte Otto Hahn gemeinsam mit Fritz Strassmann die Kernspaltung. Damit legten sie die Voraussetzungen zur technischen Nutzung der Kernenergie, aber auch zur Herstellung von Atomwaffen. 1944 erhielt Otto Hahn den Nobelpreis für Chemie. Er traf auf bedeutende Forscher wie Albert Einstein, Walther Gerlach und Ernest Rutherford. Eine dieser Begegnungen wurde eine lebenslange Freundschaft und beeinflusste sein Forscherleben nachhaltig.

Hilfe für Freundin

Im Sommer 1906 lernte Hahn in Berlin die Kernphysikerin Lise Meitner kennen. „Sie ergänzten sich wunderbar in ihrem Temperament“, erklärt Dietrich Hahn, „Lise war ruhiger, während Otto sehr humorvoll und fröhlich war.“ Meitner habe ihm anvertraut, dass Otto Hahn sie ermutigte, Forscherin zu bleiben. Die Physikerin veröffentliche die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung, nachdem Hahn die Entdeckung gemacht hatte. Als die Nationalsozialisten an die Macht gelangten, begriff Otto Hahn schnell, dass
sich seine Freundin, die Jüdin war, in Gefahr befand. Er verhalf ihr zur Flucht ins Ausland. Zur finanziellen Sicherheit schenkte er ihr einen Diamantring seiner Mutter, den Meitner Zeit ihres Lebens trug. Dietrich Hahn betonte, dass sein Großvater „sich nichts von den Nazis gefallen ließ.“ Aber es sei eine Gratwanderung gewesen.

Missbrauch der Arbeit?

Während seines Vortrags ging Dietrich Hahn nicht näher auf die kontroverse Rolle seines Großvaters ein. Es gilt als umstritten, ob Otto Hahn für Hitler forschte.
Fest steht: Kurz nach Kriegsende brachten die Briten zehn deutsche Wissenschaftler für sechs Monate, darunter Hahn, nach England. Sie versuchten herauszufinden, was die Forscher über Hitlers Atomprogramm wussten und ob sie beteiligt waren. Dort erfuhren die Kernphysiker auch von den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. „Die anderen Forscher waren an technischen Details interessiert“, erzählt Dietrich Hahn. „Mein Großvater hingegen war tief erschüttert, als er davon erfuhr. Seine Kollegen fürchteten, er würde Selbstmord begehen.“ Die Geschehnisse prägten ihn. Er engagierte sich seitdem gegen den Missbrauch von Kernenergie. Hahn gilt als Initiator der Mainauer Erklärung und des Göttinger Manifests, in dem renommierte deutsche Wissenschaftler gegen eine atomare Aufrüstung protestierten.
Obwohl er jahrelang ungeschützt mit hochradioaktiven Substanzen arbeitete und am liebsten schon vor dem Frühstück Zigarre rauchte, wurde Otto Hahn stolze 89 Jahre alt. (mbw)
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1 Kommentar
6
Dietrich Hahn aus Wandsbek | 23.06.2014 | 14:27  
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