Hamburg: Spannende Lebenswege, lebendig erzählt

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Die Mitglieder der Zeitzeugenbörse Hamburg bei einem Treffen im Seniorenbüro in der Brennerstraße 50 Fotos: Sichting
 
Dreimal jährlich erscheint das Mitteilungsblatt „Zeitzeugen“

Mitglieder der Zeitzeugenbörse zeigen Hamburgern, was damals anders war und helfen Schülern bei Projekten

Von Matthias Sichting
Hamburg. Historiker sind bei ihrer Recherche auf Quellen angewiesen. Schriftliche Belege werden allerdings nur von einem begrenzten Personenkreis hinterlassen. Zeitzeugen haben Geschichte erlebt. Sie können dem kollektiven Gedächtnis auf die Sprünge helfen und das Erlebte wiedergeben. Allerdings stirbt auch mit jedem einzelnen Zeitzeugen das Wissen einer Bibliothek.
Um die Geschichten und das Wissen aus der Vergangenheit nicht aussterben zu lassen, hat sich 1997 die Zeitzeugenbörse Hamburg gegründet. Die meisten Teilnehmer sind ohne Fernseher aufgewachsen, haben ihre Wäsche noch auf dem Herd gewaschen und saßen oft mit 50 anderen Kindern in einer Schulklasse zusammen. Die 15 aktiven Zeitzeugen der offenen Gruppe sind im Alter zwischen 60 und 95 Jahren. Sie sind allesamt ehrenamtlich tätig.
„Wir wollen unsere persönlichen Erfahrungen weitergeben und stellen uns den kritischen Fragen der jüngeren Generation“, sagt Gründungsmitglied Claus Günther. Der 83-Jährige wurde in Harburg geboren, erlebte die Pogromnacht 1938 mit, war von 1944 bis August 1945 in der Kinderlandverschickung untergebracht und erfuhr intensiv die Nachkriegs- und Hungerzeiten. Es sind interessante und beeindruckende Episoden seines langen Lebens. Ende 2015 möchte der gelernte Schriftsetzer, Texter und Journalist ein Buch mit seinen Memoiren veröffentlichen.
Viele Mitglieder können über die Jahre von 1930 bis heute berichten. „Jeder kann über alle Epochen seines Lebens erzählen. Aber jeder von uns hat Schwerpunkte, und gerade die machen jeden einzelnen Zeitzeugen zu etwas Besonderem“, so Günther.
Die Zeitzeugen wollen zeigen, was damals anders als heute war und warum es so war. Sie haben Erfahrung im Erzählen, gehen in Schulen und bereichern mit ihren Geschichten den Unterricht oder Schulprojekttage. Aber auch kritischen Fragen müssen sich die Zeitzeugen stellen. Ewiggestrige haben in ihren Reihen keine Chance. „Sobald wir merken, dass ein Mitglied das Erlebte aus der Nazizeit verherrlicht oder glorifiziert, schließen wir denjenigen aus.“ Die Zeitzeugen leben die „Oral History“, die erzählte Geschichte. Sie erarbeiten in ihrer Freizeit Erinnerungen, lassen sich interviewen, fördern den Austausch zwischen den Generationen, geben eine eigene Zeitung heraus und organisieren Exkursionen. Bei über 300 Schulbesuchen konnten sie bisher hunderte Hamburger Schüler erreichen. Zweimal im Monat treffen sich die Mitglieder. Dann kommen sie im Seniorenbüro in der Brennerstraße 90 zusammen und öffnen ihre Fenster der Erinnerungen. Die Gruppe wird von Dr. Werner Hinze geleitet. Er begleitet die Senioren und strukturiert die Gruppentreffen. Neben einem eigenen Mitteilungsblatt zeichnen die Zeitzeugen für das Buch „2 x Deutschland“ verantwortlich. Darin erzählen 25 Zeitzeugen ihre Erlebnisse aus den zwei deutschen Staaten zwischen 1949 und 1989.

Kontakt zu den Zeitzeugen: seniorenbuero-hamburg.de oder Tel.: 303 995 07

Zeitzeugen-Gruppen:
Seniorenbüro Hamburg e. V.,
Brennerstraße 90, 20099 Hamburg,
Tel. 040-303995-07 (Mo.-Do. von 9-13 Uhr)
zeitzeugen@seniorenbuero-hamburg.de
http://seniorenbuero-hamburg.de/
Leitung: Dr. Werner Hinze,
Treffen: Jeden 1. und 3. Dienstag
im Monat von 10-12 Uhr
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