Hilfe für Zeltstadt in Jenfeld

Anzeige
Die Zeltstadt im Jenfelder Moorpark wurde vor einer Woche geöffnet. 800 Betten stehen bereit Foto: mdt
 
Orkide Akpolad und ihr Sohn Tahir geben Spenden für die Flüchtlinge in Jenfeld ab. Tahir spendet sein Lieblingsshirt von der Marke „Ed Hardy“ Foto: mdt

Viele Hamburger spenden vor Ort. Unterbringung über den Winter nicht ausgeschlossen

Von Marco Dittmer
Jenfeld
50 Zelte stehen ordentlich aufgereiht auf einer Wiese, nasse Pullis und kurze Hosen hängen zum Trocknen über einem Zaun, auf dem zentralen Platz spielen verschleierte Frauen mit ihren Kindern – Bilder von Zeltstädten in
öffentlichen Parks sind neu für Hamburg und in Jenfeld äußerst umstritten.
Doch anders als mit Zelten wie im Jenfelder Moorpark weiß sich die Innenbehörde zur Zeit nicht zu helfen. Seit Juli kommen im Durchschnitt 175 Flüchtlinge pro Tag in Hamburg an, in der Spitze bis zu 300. In Jenfeld leben 197 Flüchtlinge in den Zelten (Stand 21. Juli), in den kommenden Tagen sollen alle 800 Betten belegt werden. Bei einem Info-Abend in der vergangenen Woche informierten der Bezirk und die Innenbehörde erstmals Anwohner umfangreich über die Unterkunft im Moorpark. Rund 400 Menschen diskutierten hitzig über die kurzfristige Errichtung der Zelte. Neben der mangelnden Transparenz kritisierten die Jenfelder aber vor allem, dass nicht die Jenfelder Au, die nur wenige Hundert Meter weiter beginnt, als Standort gewählt wurde.
Bezirksamtsleiter Thomas Ritzenhoff begründete den Standort mit der Dringlichkeit. Die Jenfelder Au sei zudem kein geeigneter Standort, weil der Bezirk aktuell Gespräche mit möglichen Investoren über die Bebauung führt. Seit 2006 plant der Bezirk auf dem 35-Hektar-Areal ein neues Wohngebiet. Johanna Westphalen koordiniert die Erstaufnahme in der Innenbehörde und hat auch die Zeltstadt in Jenfeld für rund 800 Bewohner geplant. „Die Unterkunft ist befristet. Wir können aber nicht sagen, bis wann“, sagt die Leiterin des Einwohnerzentralamtes. „Wir wünschen uns keine Unterbringen in Zelten über den Winter, ausschließen können wir es aber auch nicht“, so Westphalen weiter.

„Wir haben mehr als wir brauchen“


Neben vielen Kritikern unter den Anwohnern gibt es auch zahllose Menschen, die helfen wollen. Seit dem ersten Tag kommen Hamburger vor das Tor der Zeltstadt und geben vollgepackte Taschen mit Kleidung, Kinderspielzeug und Büchern ab. Orkide Akpolad ist Mutter von zwei Söhnen und hat, nachdem sie von dem Aufbau der Zelte erfuhr, ihre Kinder gebeten ein paar Sachen zu spenden. Drei schwere Tüten sind so zusammengekommen. „Wir leben doch alle in einer Überflussgesellschaft. Als wir unsere Schränke nach Sachen durchsuchten haben wir gemerkt, wie viel wir überhaupt haben. Vielmehr als wir brauchen“, sagt die 39 Jahre alte Mutter. Hamburger, die Spenden für die Flüchtlinge sammeln, können diese am Eingang zur Zeltstadt den Sicherheitsleuten geben. Die Mitarbeiter lagern die Sachen, bis sie gerecht verteilt werden. Einige Flüchtlinge warten auch schon vor den Zäunen auf Hilfe. Der Bedarf ist groß und wird mit dem Einzug neuer Bewohner weiter steigen.

Kommentar von Marco Dittmer: Die unglaubwürdige Diskussion um die Jenfelder Au
Angesichts einer der größten Flüchtlingswellen der Nachkriegszeit – täglich kommen derzeit im Durchschnitt rund 175 Flüchtlinge nach Hamburg, nicht alle bleiben – müssen die Bezirke bisher eine Herkulesaufgabe bewältigen. Die Suche nach Unterkünften läuft auf Hochtouren. Klar, dass bei so viel Druck alle Beteiligten Abstriche machen müssen. So schaffen es Behörden nicht mehr, Anwohner rechtzeitig zu informieren, Flüchtlinge leben in Zelten und manchen Hamburgern werden im dichtbesiedelten Stadtgebiet öffentliche Flächen quasi gestrichen. In Jenfeld nimmt aber offenbar der Bezirk den Protest der Anwohner billigend in Kauf, obwohl gleich nebenan ein erschlossenes Baugebiet seit Jahren freisteht.
Auch wenn die Zeltstadt auf der Au nicht so schnell hätte errichtet werden können wie im Moorpark, wäre es noch nicht zu spät, jetzt damit zu beginnen. Denn so viel ist seit dem Info-Abend in der vergangenen Woche in Wandsbek klar: Die Zeltstadt im Moorpark ist zwar befristet. Johanna Westphalen von der Innenbehörde schloss aber nicht aus, dass die Zelte auch noch im Winter in Jenfeld stehen. Bezirksamtsleiter Thomas Ritzenhoff antwortete auf die Fragen Richtung Jenfelder Au nur nebulös – es gäbe Gespräche mit möglichen Investoren, das Gebiet sei eine städtische Entwicklungsfläche, kein Wort darüber, dass technische Gründe einer Zeltstadt im Weg waren. Und selbst wenn es Interessenten gibt: Bis Weihnachten werden diese wohl kaum ein Haus auf dem ehemaligen Kasernengelände bauen. Aufschluss kann vielleicht ein Wochenblatt-Artikel über die schleppende Vermarktung des ehemaligen Kasernengeländes geben. Darin hieß es aus dem Landesbetrieb Immobilien und Grundvermögen vor zwei Wochen, dass potenzielle Käufer aus den Bereichen westlich der Alster – mit mehr Kaufkraft – nach Jenfeld gelockt werden sollen. Könnte das der Grund sein? Wurden in Jenfeld also Belange der Anwohner gegen Investoren-Interessen abgewogen? Lässt sich die Au mit 50 Flüchtlingszelten etwa schlechter verkaufen? Eigentlich kaum zu glauben, denn die Zelte sollen ja nur eine Übergangslösung sein. Die Bebauung der 35 Hektar großen Jenfelder Au wird aber noch Jahre dauern. Politik und Verwaltung blieben den Jenfeldern bisher eine glaubwürdige Antwort schuldig.
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige