Iris Berben: "Der Tod macht mich wütend"

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Die Schauspielerin Iris Berben (66) war prominente Gastrednerin bei der Feier zum fünfjährigen Bestehen des Hospizes am Israelitischen Krankenhaus (Foto: Foto: Berndsen/PR)
 
"Geschenke des Lebens" war das Motto der Feier (v.l.): Dr. Nagila Warburg, Iris Berben, Sängerin Anna Depenbusch, Hospiz-Geschäftsführer Marcus Jahn und Hospizleiterin Julia Deimling (Foto: Berndsen/PR)
Die bekannte Schauspielerin hielt eine bewegende Rede anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Hospizes am Israelitischen Krankenhaus


Von Silvia Stammer


Hamburg. Mag sein, dass viele Teile der Gesellschaft dem Thema Sterben und Tod eher ausweichen. Bei der Feier zum fünfjährigen Bestehen des Hospizes am Israelitischen Krankenhaus zeigte jedoch schon die hochkarätige Prominenz unter den 365 Gästen, dass der letzten Lebensphase immer mehr Bedeutung beigemessen wird.

Im Emporio-Haus am Dammtorwall hielt Schauspielerin Iris Berben, 66, eine persönliche, bewegende Rede, Sängerin Anna Depenbusch gab - auch als Dankeschön für die zahlreichen Hospizmitarbeiter - ein wunderbares Solokonzert. Im Publikum saßen unter anderem Bankier Max Warburg mit Ehefrau Nagila, Daniela Herz (Mayfair Vermögensverwaltung SE), Edda Gräfin Finck von Finckenstein-Brikama, Sonja Lahnstein-Kandel und ihr Mann, Bundesminister a.D. Prof. Manfred Lahnstein, Gerd le Bell, ehemaliger Direktor bei Blohm + Voss, der heute Beisitzer des Freundeskreises des Israelitischen Krankenhauses ist.

Durch Verluste gelernt

Iris Berben gestand, sie habe lange nachgedacht, ob sie als Rednerin für diese Feier zusagen sollte. "Denn ich bin ein lebensbejahender Mensch. Ich lebe wahnsinnig gerne! Der Tod ist immer etwas, was mich erschreckt, was mich wütend macht. Aber auch ich habe lernen müssen, im Laufe der vielen Jahre durch den Verlust von Freunden und Familie, dass es wichtig und richtig ist, ihn ranzulassen, ihn einzuladen. Meinetwegen soll er schön in der Ecke stehen. Aber er ist da."


Sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, müsse nicht bedeuten, in tiefer Trauer zu versinken. "Wir feiern das Bestehen mit den Worten Geschenke des Lebens". Sie dankte ausdrücklich den Mitarbeitern des Hospizes - "das ist eine sehr besondere Arbeit, die Sie hier leisten".

Berben schilderte die Anfänge der Hospizbewegung, die auf eine Begegnung des krebskranken polnischen Juden David Tasma, einem Überlebenden des Holocaust, mit der Krankenschwester Cicely Saunders Ende der 1940er Jahre, gründet. Saunders legte mit dem kleinen Erbe von Tasma den Grundstein für das erste Hospiz. Heute gebe es mehr als 8000 stationäre Hospize weltweit, sagte Berben, die Hospizbewegung in Deutschland sei vergleichsweise jung. Sie existiert seit Ende der Achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts.


Wo möchten Menschen sterben?

Dreiviertel der Deutschen möchten am liebsten zuhause sterben, berichtete Berben aus aktuellen Studien, zehn Prozent im Hospiz, sechs Prozent im Krankenhaus, zwei Prozent im Pflegeheim. "In Wirklichkeit stirbt fast jeder Zweite im Krankenhaus, jeder Dritte im Pflegeheim, etwa drei Prozent im Hospiz und nur jeder Fünfte zuhause." Die Schauspielerin: "Die meisten Menschen sterben nicht dort, wo sie es sich wünschen."

Wenn man Menschen im Hospiz begleitet, lerne man, wie man selber sterben möchte. Berben scheute sich auch nicht vor provokanten Fragen und forderte zum Nachdenken auf. "Haben Sie Angst davor, dass Sterben ansteckend ist?" Sie betonte: "Unser Hospiz am IK ist ein heller, freundlicher Ort, ein Ort, an dem auch gelacht wird." Hier sei Raum und Ruhe für Heilung und Wachstum der Seele - "dies gelingt nicht jedem, aber vielen".

"Menschenliebe ist die Krone aller Tugenden", zitierte Berben den Stifter Salomon Heine. Dies werde besonders im Hospiz sichtbar, beim Pflegepersonal. "Tag für Tag lindern sie physischen und seelischen Schmerz, den totalen Schmerz." In den vergangenen fünf Jahren begleiteten die Mitarbeiter des Hospizes am IK rund 470 Gäste in ihrer letzten Lebensphase, wie Geschäftsführer Marcus Jahn sagte. Mehr als 2800 Anfragen konnte in dieser Zeit nicht entsprochen werden.

Iris Berben sprach von "drei Leben", die jeder habe: "Unser vergangenes Leben, ein Leben, welches jetzt stattfindet und ein zukünftiges Leben, das wir erwarten und uns erträumen. Am Ende erahnen wir etwas Dunkles, etwas, was wir gründlich verdrängen. Aber Menschen, die sterben, sind Menschen wie Sie und ich, nur mit dem Unterschied, dass sich diese drei Leben in einer sehr kurzen Zeitspanne ereignen. Die Aufarbeitung von Vergangenem, das Jetzt, eine sehr kurze Zukunft und die unvermeidliche Auseinandersetzung mit dem Tod - das alles findet gleichzeitig statt."

"Keine Zeit für Smalltalk"

"Menschen an ihrem Lebensende sind unfähig, nicht authentisch zu sein. Es gibt keinen Bullshit mehr, alle Äußerlichkeiten fallen weg. Bin ich dick, dünn, habe ich Falten, habe ich Recht? Menschen am Lebensende sind unfähig für Smalltalk, es gibt keine Zeit mehr", sagte Berben weiter.

"Menschen am Lebensende sind eine pure Version von sich selbst. Meist sind sie auch unglaublich mutig. Sie können ich entschuldigen, ihre Liebe zeigen, verzeihen, sich an kleinen Dingen freuen und ihre Meinung ändern." Bereut werde am Ende von vielen das nicht gelebte Leben.

Sie wolle die Zuhörer hoffnungsvoll, nicht deprimiert zurücklassen, hatte die Schauspielerin eingangs versprochen. "Was wäre denn, wenn wir nicht erst sterben müssten, um diese authentische, pure Version von uns selbst sein zu können. In unserem gesunden Körper. Denken Sie darüber nach."


Weitere Informationen, auch zu Spenden und ehrenamtlicher Mitarbeit auf

http://www.hospiz-am-ik.de/
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