Kostet das StadtRad die Nutzer bald richtig Geld?

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Koordinatorin Kirsten Pfaue und Senator Frank Horch vorm Rathaus Foto: BWVI
 
Das 280 Kilometer lange Velorouten-Netz in Hamburg

Senator zum Wochenblatt: „Finanzielle Überlegungen bei Neuvergabe“

Von Marco Dittmer und Silvia Stammer

Hamburg. Derzeit ist die StadtRad-Nutzung de facto zum Nulltarif zu haben. Bei einer Neuvergabe des Betriebs ab 2019 will Verkehrssenator Frank Horch (parteilos) „finanzielle Überlegungen“ anstellen, wie er im Doppel-Interview mit Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue gegenüber dem Wochenblatt sagte.

Wochenblatt: Frau Pfaue, Sie sind seit Oktober 2015 Radverkehrskoordinatorin in Hamburg. Wie fällt Ihre Bilanz bisher aus?
Pfaue: Ich möchte die sehr konstruktive Zusammenarbeit zwischen den Akteuren für das „Bündnis für den Radverkehr“ hervorheben. Wir sind zügig vorangekommen, uns auf Ziele und Vorgehensweisen zu einigen. Schon jetzt sind wir dabei, mit dem Entwurf durch die bezirklichen Gremien zu gehen. Das lässt sich sehen für so eine kurze Zeit.

WB: Was machen Sie genau?
Pfaue: Meine Hauptaufgabe ist, alle Akteure an einen Tisch zu bekommen und Lösungen herbeizuführen. Das betrifft die Fachbehörden ebenso wie Landesbetriebe sowie die sieben Bezirke.

WB: Welche Rolle haben die Bezirke?
Pfaue: Sie sind die Hauptakteure, um das stadtweite Velorouten-Netz bis zum Jahr 2020 auszubauen. Die sternförmig durch die Bezirke in die Innenstadt laufenden Routen bilden das Rückgrat des Radwegenetzes. Es umfasst 280 Kilometer, davon sind 80 Kilometer gebaut. Die meisten Routen führen durch das Nebenstraßennetz. Die Bezirke sollen jeweils für die Realisierung der Velorouten in ihrem Bereich die Federführung haben und entscheiden, wann welcher Streckenabschnitt gebaut wird, damit wir unser gemeinsames Ziel bis 2020 erreichen. Es soll ein gutes Angebot werden, um Strecken sicher und komfortabel fahren zu können.

WB: Die Grünen fordern für die Umsetzung ein finanzielles Anreizsystem in den Bezirken, ähnlich wie beim Bündnis für den Wohnungsbau. Was sagen Sie dazu?
Pfaue: Bis 15. Mai können die Bezirksversammlungen Stellungnahmen zum Bündnistext abgeben. Wir werden diese prüfen und besprechen.
Horch: Es liegt doch im ureigensten Interesse der Bezirke, etwas für den Radverkehr zu tun. Dafür muss man eigentlich nicht finanziell belohnt werden.

Lösung mit Grünen

WB: Gehen Sie davon aus, dass es eine Einigung mit den Grünen geben wird?
Horch: Ja, es gibt eine gemeinsame Verantwortung, und wir werden eine gemeinsame Lösung finden.

WB: Warum heißt es „Bündnis für den Radverkehr“ und nicht „Bündnis für Mobilität“?
Pfaue: Moderne Verkehrsplanung setzt ganz klar auch auf das Fahrrad, um die verkehrliche Situation in solch großen Städten wie Hamburg zu entspannen und die Leichtigkeit auf den Straßen wiederherzustellen. Moderne Planer nehmen Radfahrer als echte Verkehrsteilnehmer ernst. Der Radverkehr benötigt gute Infrastruktur sowie Serviceangebote. Das beinhaltet unser „Bündnis für den Radverkehr“. Geplant wird in Mobilitätsketten: Erst fahre ich beispielsweise mit dem Rad nach Ohlstedt, stelle es bei Bike and Ride ab, dann nehme ich die U-Bahn und für die letzte Strecke nutze ich das StadtRad.

WB: Der Vertrag mit der Deutschen Bahn über den Betrieb des Stadtrad-Modells läuft 2018 aus. Wie geht es danach weiter?
Horch: Wir sind mit den Leistungen des Betreibers zufrieden. Die Entwicklung war über die Jahre kooperativ. Der Betreibervertrag endet am 31.12.2018. Wir müssen dann den weiteren Betrieb ausschreiben. DB Rent wird sich daran vermutlich beteiligen. Das StadtRad kostet Hamburg allerdings auch eine Menge Geld….
Pfaue: … im Jahr 2015 rund zwei Millionen Euro, das steigt in diesem Jahr wegen des Ausbaus in Bergedorf und Harburg noch etwas an.
Horch: Das ist auch ein Faktor, warum das System so erfolgreich ist. Wir bieten Tag und Nacht perfekten Service und exzellente Räder, derzeit für die Nutzer praktisch zum Nulltarif. Ich könnte mir vorstellen, dass wir bei der kommenden Neuausschreibung auch finanzielle Überlegungen anstellen, ohne die Attraktivität des Systems infrage zu stellen.

„Besserer Winterdienst“

WB: Auf Kritik stößt immer wieder der fehlende Winterdienst sowie der häufige Wechsel zwischen Radstreifen und Radwegen auf dem Gehsteig. Was sagen Sie dazu, Frau Pfaue?
Pfaue: Die Ausweitung des Winterdienstes ist Teil des „Bündnisses für Radverkehr“ und fällt in das Ressort der Umweltbehörde gemeinsam mit der Stadtreinigung Hamburg. Mein Ziel ist, den Winterdienst schrittweise auszuweiten. Durch die Infrastrukturmaßnahmen soll natürlich auch erreicht werden, dass das Radfahren auf längeren Strecken komfortabler wird. Hamburg ist allerdings eine gewachsene Stadt und die Straßenräume sind eng. Deshalb wird sich die Verkehrsführung stets nach den örtlichen Gegebenheiten richten müssen.

WB: Viele Radfahrer wären schon zufrieden, wenn die alten Wege repariert würden. Rücken Sanierungspläne in den Hintergrund?
Pfaue: Es gibt zahllose Wege, die angepackt werden müssen. Häufig sind die alten Radwege zu schmal, und Konflikte mit Fußgängern stehen auf der Tagesordnung. Deshalb hat der Senat völlig zu Recht beschlossen, dass Radverkehr eine feste Größe in der Planung von Straßenbaumaßnahmen ist. Bei Grundinstandsetzungen und Sanierungsmaßnahmen werden auch stets Verbesserungen für den Radverkehr umgesetzt. Beispiel Grindelallee: Nach dem Umbau ist dort eine hervorragende Lösung für alle Verkehrsteilnehmer gefunden worden, mit einer Radverkehrsführung nach dem Stand der Technik. Geradlinig, der Autoverkehr hat Radfahrer im Blick, und es gibt keine Nutzungskonflikte mit Fußgängern. Ich bin mir sicher, dass auch der Einzelhandel profitiert.

WB: Wie bedeutsam ist der Radverkehr für die lokale Wirtschaft?
Horch: Er ist ein wichtiger Faktor, denken Sie nur an Ausstattung und Kleidung durch Fachgeschäfte oder die Erweiterung der Transportmöglichkeiten: Von zentralen Lagerstätten aus wird die Weiterverteilung mit Elektrokarren und Fahrrädern organisiert. Das reduziert den Anlieferverkehr.
Pfaue: Erhebungen bei Supermärkten in der Fuhlsbüttler Straße, der Dehnhaide und der Osterstraße zeigen, dass die Radfahrer bei der Kundschaft einen größeren Anteil haben als Kfz-Fahrer. Höher als man denkt. Auch Pflegedienste setzten immer öfter aufs Rad, weil sie mit dem Auto Probleme bei der Parkplatzsuche haben.

Für mehr Miteinander

WB: Die verschiedenen Verkehrsteilnehmer kommen sich in Hamburg oft in die Quere. Wie wollen Sie das ändern?
Horch: Das „Bündnis für Radverkehr“ wird dafür werben, dass wir in Hamburg ein besseres und entspannteres Miteinander im Straßenverkehr entwickeln. Manchmal gibt es derzeit ein geradezu militantes Aufeinanderprallen. Verkehrsteilnehmer ändern ihr Verhalten, je nachdem, ob sie auf dem Fahrrad sitzen oder im Auto. Wichtig ist ein gemeinsames Verständnis für die Situation.

WB: Müssen sich Radfahrer auf stärkere Kontrollen einrichten?
Horch: Ja, alle müssen die Regeln einhalten und sollten auch damit rechnen, dass dies immer wieder kontrolliert wird.
Pfaue: Wenn Radfahrer als Verkehrsteilnehmer akzeptiert werden wollen, dann müssen sie auch die Regeln einhalten. In gegenseitiger Rücksichtnahme.

280 Kilometer für Velo-Netz

Das Bündnis für den Radverkehr fasst auf 16 Seiten das Ziel und die Umsetzung der Entwicklung Hamburgs zur Fahrradstadt zusammen. Es soll zwischen dem Senat und den sieben Bezirken geschlossen werden. Geplant sind „eine – möglichst auch für Pedelecs (Rad mit Elektroantriebunterstützung) und Lastenfahrräder – gut ausgebaute und ganzjährig sicher befahrbare Radverkehrsinfrastruktur sowie vielfältige Service- und Informationsangebote“. Im Entwurf wird der Ausbau des Veloroutennetzes (siehe Grafik) bis zum Jahr 2020 festgeschrieben. Derzeit gelten 80 der 280 Kilometer als fertiggestellt. Bis 2025 soll die Zahl der Bike-and-Ride-Abstellplätze auf 28.000 erhöht werden. Eine Kommunikationskampagne soll den Bürgern (mehr) Freude am Fahrrad vermitteln.
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1 Kommentar
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J. Stender aus Wandsbek | 14.05.2016 | 13:34  
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