Lösung für „Rasbüttel“ gesucht

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An diesem Kreisel treffen sich die Raser im Barsbüttler Gewerbegebiet Foto: mbk

Illegale Rennstrecke „verbauen“? Schäden bisher überschaubar

Von Martin Kranz-Badri
Barsbüttel
Seit mehreren Jahren treffen sich illegale Rennfahrer am Wochenende am Hamburger Stadtrand und ab und zu auch in der Rahlstedter Straße zwischen dem Kreisverkehr und dem Knotenpunkt Höffner/Bauhaus. Die Rennen mit zirka 100 Autos ziehen laut Gemeindeverwaltung 200 bis 300 Zuschauern an und sind extrem gefährlich. Einerseits weil sie nachts stattfinden und andererseits weil die Zuschauermenge sehr nah am Geschehen steht. Daher kommt es immer wieder zu Blechschäden und Verletzungen. An anderen Orten verloren die Hobbyrennfahrer auch schon die Kontrolle und rasten in die Menge. 2009 war ein 22-jähriger Barsbüttler in Wandsbek als Fahrer bei einem illegalen Autorennen gestorben. Jetzt will die Gemeinde Barsbüttel den Straßenrennen einen baulichen Riegel vorschieben: mit 24 massiven Betonpollern. Am vergangenen Donnerstagabend wurde das Thema im Planungsausschuss der Gemeinde heiß diskutiert.

Stetige Überwachung nicht möglich


Die Luft in der Aula der Erich Kästner Gemeinschaftsschule, in der die Gemeindevertreter tagen, ist staubtrocken. Im Sommer 2015 sei die Polizei Barsbüttel wegen der Cruiser-Problematik an die Verwaltung herangetreten, heißt es. Die dortigen Rennen hätten im Sommer 2015 auch verstärkt an Wochentagen und nicht mehr nur freitags stattgefunden. Ein stetiges Überwachen und Auflösen der Veranstaltung durch die Polizei, so war es schon in der Vorlage vom September nachzulesen, sei aus Sicht der Polizei Barsbüttel kaum möglich. Bauliche Maßnahmen seien hingegen wirksam, wie im Reinbeker Gewerbegebiet inzwischen nachgewiesen. Begründet wird dieser zwischen Polizei und Stormarner Verkehrsaufsicht bereits abgesprochene drastische bauliche Schritt mit der Rolle der Gemeinde als Straßenbaulastträger und dem gesellschaftlichen Auftrag, Gefahren abzuwenden. Die Polizei rechnet bei ansteigenden Temperaturen erfahrungsgemäß mit einem deutlichen Anstieg der Rennen, daher drängt die Zeit. Zu beachten ist aber auch, dass die Rahlstedter Straße als Haupterschließungsstraße für die Barsbütteler Gewerbegebiete einen hohen LKW- und Busverkehrsanteil habe. Daher scheiden weniger aufwendige Varianten wie Aufpflasterungen oder kurze Verschwenkungen aus Sicht der Gemeindeverwaltung aus. Die bisher entstandenen Schäden halten sich jedenfalls noch in Grenzen. Im vergangenen Jahr wurden eine Straßenlaterne stark beschädigt, Leitpfosten herausgerissen und Seitengräben verschüttet. Zudem klagte die Firma Möbel-Höffner über wiederholte Sachbeschädigung und Müllablagerung auf dem Betriebsgelände. Die Kosten für die Betonpoller lägen bei grob geschätzten 30.000 Euro. Also weit über dem bisherigen Schaden. Der Tagesordnungspunkt wird im Gegensatz zum geringen Schaden aber ungleich dramatischer anmoderiert. Die Fachdienstleiterin Städtebauliche Planung Rita Dux drängt: „Es muss etwas geschehen, damit dort nicht noch jemand zu Tode kommt.“ Der Schuldige für die überdimensionierte zweispurige Straße wird einhellig im damaligen Wunsch der hamburgischen Verkehrsbehörde gesehen, die Rahlstedter Straße Richtung Rahlstedt irgendwann verlängern zu können. Ein Plan, der längst aufgegeben wurde.

Antrag auf Vertagung geht durch


Der erste Redebeitrag markiert bereits die Richtung der Gemeinderatsmehrheit. Man möchte vertagen, um alle anderen Lösungsmöglichkeiten offiziell geklärt zu haben. Es brauche detailliertere Informationen über bisher entstandene Schäden bei Möbel-Höffner, die genaue Anzahl von bisherigen Autorennen, eine rechtliche Einschätzung des schleswig-holsteinischen Innenministeriums, ob tatsächlich die Gemeinde bei Personenschäden haftbar gemacht werden könne. Man könne den Schwarzen Peter der Polizei nicht an die Gemeinde schieben. Heinrich Dippel (SPD) spitzt es zu: „Wenn auf der Autobahn Raser fahren, wird daraus auch keine Spielstraße gebaut.“ Der Antrag der Wählerinitiative Bürger für Barsbüttel (BfB) dreht das Argument der Verwaltung um: „Die Gemeinde ist nicht Erfüllungsgehilfe einer personell unterbesetzten Polizei.“ Zudem berge die vorgeschlagene bauliche Lösung der Einspurigkeit mit Fahrbahnverschwenkung neue Gefahren.
Rainer Eickenrodt (Fraktionsvorsitzender BfB) begründet die im BfB-Antrag geforderte Vertagung und Klärung: „Wir hatten die Verwaltung im September letzten Jahres aufgefordert, eine Stellungnahme des schleswig-holsteinischen Innenministeriums einzuholen, was bisher aber noch nicht erfolgt ist. Auch ist nicht über das Rechtsamt des Kreises geprüft worden, ob Barsbüttel als Gemeinde überhaupt in irgendeiner Haftung für die Unterbindung vorsätzlich verkehrswidrigen Verhaltens einzelner Verkehrsteilnehmer steht, wenn dadurch in einem reinen Gewerbegebiet Sensationszuschauer gefährdet werden könnten.“
Am Ende geht die Abstimmung mit sieben zu drei Stimmen bei einer Enthaltung für den Antrag der BfB einer Rücküberweisung in die Fraktionen aus. Der Ausschuss tagt ohne mich weiter. Gedanke auf dem Weg zum Auto: Soll es übernächstes Wochenende nicht wärmer werden und beginnt dann die Cruiser-Saison? Ich schaue mich nach der Sitzung vor Ort noch einmal um, komme über die A1 Ausfahrt Barsbüttel angerauscht, direkt hinter der Ampel beginnt mit dem Ortsschild Tempo 50. Doch die zweispurige, von einer Mittelgrasnarbe und Bäumen geteilte Strecke lädt zum Beschleunigen ein. Keine 500 Meter bis zum Kreisel. Straßenlaternen säumen die Straße wie in einem Videospiel. Hier im Gewerbegebiet ist längst keiner mehr unterwegs. Es reizt, den Motor aufheulen zu lassen. Beim Gedanken an die Straße an der Erich Kästner Gemeinschaftsschule weiß ich wieder, wie die Verwaltung sich die Straße hier vorstellt: 30er-Zone mit versetzt angelegten Parkplätzen. Dort bin ich gar nicht auf dumme Gedanken gekommen, sondern im Slalom durchgeschlichen.
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