Menschen ohne Obdach

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Rolf Brauer fand in Jenfeld Hilfe und eine Unterkunft für den Winter. Hinter ihm liegt ein bewegtes Leben, vor ihm liegen Hoffnung und Pläne für die Zukunft. Foto: mt
 
Ein Radio ist ein seltener Luxus von Rolf Brauer. Fotos: mt

Winternotprogramm in Jenfeld - Not und Hoffnung unter einem Dach

Von Marco Thielcke
Jenfeld. Die Stimmung kann hier schnell umschlagen. Den Flur im Erdgeschoss von Haus drei teilen sich rund 28 Menschen. In dem Haus selbst finden über 50 Hamburger Wohnungs- und Obdachlose ein Quartier für den Winter. In der Regel bleibt es ruhig. Doch mit Alkohol braucht es keinen Anlass und dauert nur wenige Augenblicke. Claudia Fenn (48), Sozialarbeiterin und Leiterin der Winternotunterkunft in Jenfeld ist dann oft mittendrin. Mutig stellt sie sich zwischen die aggressiven Unruhestifter und schafft es oft die Stimmung wieder abzukühlen. „Das ist manchmal schon etwas brenzlig“, sagt Fenn und denkt an die vergangenen Monate. Zusammen mit einer Mitarbeiterin, die ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Einrichtung von fördern und wohnen, eine Anstalt des öffentlichen Rechts, in Jenfeld macht, ist sie für 130 Obdachlose Ansprechpartner. Am 15. April endet das Winternotprogramm der Stadt Hamburg. Mit 420 zusätzlichen Schlafplätzen ist es das größte Programm seiner Art in der Hansestadt. Das besondere für die Bewohner in Jenfeld ist, dass sie auf eine Vermittlung in eine der 60 Unterkünfte des städtischen Unternehmens hoffen dürfen. Auch darum kümmert sich Fenn.
Rolf Brauer (58) geht Ärger in Wohnheimen lieber aus dem Weg. Seit November lebt er in der Wohnunterkunft in Jenfeld, auf rund 15 Quadratmetern.
Mit dem Zimmer, welches Fenn ihm vermittelte, ist er zufrieden. „Im Pik As war ich mit 14 Männern auf einem Zimmer, das konnte nicht lange gut gehen“, erinnert sich Brauer mit Schrecken zurück. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett und ein Spint gehört zur Standardausstattung im Haus drei. Brauer leistet sich noch etwas Luxus und teilt sich mit seinen Nachbarn einen Fernseher und ein Radio.
Der 58-Jährige ist vor ein paar Jahren, nach einer langen Reise in Hamburg gelandet, in der JVA Fuhlsbüttel. Als er frei kam, blieb er. „Hamburg ist eine schöne Stadt, mir gefällt es hier“, sagt Brauer. Seine Reise begann 1973 in Magdeburg. Mit einem Schlauchboot wollte er, die Gewerkschaftskasse unterm Arm, über die Ostsee nach Dänemark flüchten. Kurz vor der Grenze verließ ihn das Glück. „Ich hatte es fast geschafft“, erinnert sich Brauer.
Doch er wurde aufgegriffen, zurückgebracht und eingesperrt. Auf Republikflucht stand in der DDR eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren, die Brauer in einem der Gefängnisse der Staatssicherheit absaß. Glück nennt er es, dass er 1978 von der BRD freigekauft worden ist. In Westdeutschland konnte er nie richtig Fuß fassen. Mit seinem Wissen als gelernter Informatiker kann er heute, wie damals nur wenig anfangen. Die Zeit rast an ihm vorbei. Autos haben es ihm angetan. Wenn er früher am Stadtpark ein Auto fand, in dem der Schlüssel steckte - „Ich fahr halt gern rum.“ Die Vergangenheit hat er heute hinter sich gelassen. Kleine Schritte möchte er in Zukunft machen. In einem Supermarkt die Regale auffüllen oder eine kleine Pförtnerstelle wünscht er sich. Wo er nach dem 15. April hingeht, das weiß er noch nicht. Ins Pik As möchte er nicht zurück. Die Bewohner von Haus drei sind froh über das Notprogramm und die Einrichtung am Elfsaal. Doch ein Wiedersehen im kommendem Winter wird es nicht geben, denn der Bebauungsplan für das Gelände ist schon weit fortgeschritten. Wohnraum soll hier geschaffen werden. Wohnungsnot gegen Winternot. Zwei Hamburger Probleme kreuzen sich in Jenfeld. (mt)
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