Nichts für Verklemmte: Zu Gast bei einer Schaufenster-WG in Hamburg

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Franz Stegmann trinkt seinen Kaffee am Morgen am (Schau)fenster Foto: mdt

Ehemaliges Ladenlokal ist jetzt Hamms bekannteste Wohngemeinschaft

Von Marco Dittmer
Hamburg WG-Bewohner gesucht: Chemiestudent im neunten Semester sucht für eine Verhaltensstudie lebendige, aufgeschlossene Mitbewohner für Wohngemeinschaft in heller Drei-Zimmer-Wohnung mit großen Fenstern in Hamm.

So ungefähr hätte Bens Wohnungsanzeige im vergangenen Jahr aussehen können, als er für seine neubezogene Wohnung WG-Partner suchte. Er fand Zofia und Franz. Was „helle Wohnung“ und „große Fenster“ wirklich bedeuten sollten, hätten die beiden auch erst bei der Besichtigung erfahren. Denn Bens neue Bleibe war zuvor ein Computerservice, davor ein Baubüro und ganz früher eine Färberei. Immer ein Geschäft aber nie eine Wohnung.

Franz war der erste
Lichtblick nach vielen
Bewerbern, die einfach
nicht hierher passten.
Ben Szostack, Hauptmieter

Die Fenster von zwei WG-Zimmern grenzen direkt an den Fußgängerweg einer belebten Straße in Hamm, sind fast bodentief und Teil einer ganzen Ladenpassage (der Straßenname ist der Redaktion bekannt). Nichtsahnende Passanten kommen hier an einem Kiosk vorbei, sehen dann bunte Frisur-Empfehlungen eines Hammer Friseurs, gefolgt von einer Urnen-Komposition im Schaufenster eines Bestattungsunternehmens, dann grüßt Franz morgens mit einem Becher Kaffee die Vorbeigehenden, hier kommen die ersten ins Stocken. Wenn sie im nächsten Fenster Ben auf seinem Sofa über seiner Bachelorarbeit grübeln sehen, bleiben die Letzten stehen und schauen genauer hin. Hier blicken Passanten durch ein Schaufenster mitten in eine WG. Was aussieht wie ein Uni-Experiment in Verhaltensforschung ist seit einem Jahr der ganz normale Alltag der Hammer Wohngemeinschaft.

„Verklemmt darf man wirklich nicht sein“, sagt Ben. Aber keiner der drei Bewohner ist hier verklemmt. Bei einem Besuch sitzen Ben, Franz und Zofia im „Whiskey Zimmer“, einem Gemeinschaftszimmer mit Ledercouch, Ledersessel und einem Tisch aus einer Euro-Palette. Die Truppe wirkt vertraut, so als wenn sie sich schon seit Jahren kennen würden, wurde aber erst im vergangenen Frühjahr zusammengewürfelt. Franz hatte seine alte Wohnung schon gekündigt als er bei Ben auf der Matte stand, wollte aber trotzdem nicht auf die Tränendrüse drücken und verheimlichte seine prekäre Situation. Das Zimmer hat der 22-Jährige trotzdem bekommen. „Franz war der erste Lichtblick nach vielen Bewerbern, die einfach nicht hierher passten“, sagt Ben, der Hauptmieter.
Zofia sagte sogar zwei Besichtigungstermine ab, beim dritten tauchte sie verspätet auf, bekam aber auch einen Teil der 80 Quadratmeter großen Wohnung. „Auch ein Lichtblick“, sagt Ben. Zusammen beleben sie einen Stadtteil, dem in Zukunft viel zugetraut und der stadtentwicklungstechnisch in den kommenden Jahren zunehmend in den Fokus von jungen Familien auf Wohnungssuche rücken wird. Nach nur einem Jahr sind sie im Stadtteil bekannter und beliebter als so mancher Alteingesessener, was wohl die Konsequenz der transparenten Lebensweise ist. Viele Nachbarn kennen sie beim Namen. Weil immer mehr Einzelhändler in lokalen Ladenpassagen schließen müssen, bleiben viele Geschäfte leer. „Wir prüfen Planungsrecht, Brandschutz, und Belichtung. Es ist ansonsten jedem selbst überlassen, ob er sich in die Fenster hineingucken lassen möchte oder nicht“, sagt Sorina Weiland vom Bezirksamt Mitte. Zu Verwechslungen können solche Wohnung trotzdem führen. „Bei unserer Silvesterparty klopfte ein Pärchen an und fragte, ob das hier ein neuer Club oder eine Bar sei“, sagt Ben.

Wie so oft, sorgt eine Frau in der WG für die nötige Ordnung. Zofia, die 23-jährige Architekturstudentin aus Polen, entwarf den WG-Putzplan, der so einfach wie auch entlarvend ist. Auf einfachen Wäscheklammer stehen die Aufgaben im Haushalt. Wurde eine Aufgabe erledigt, wird sie im Uhrzeigersinn an den nächsten Bewohner weitergereicht. Derjenige, der viele Klammern hat, hat schon länger nichts mehr gemacht. Wegen seiner Verletzung am rechten Arm, sammeln sich gerade einige Klammern bei Franz. „Die hat er vorher aber auch schon gehabt“, sagt Zofia und lacht. (mdt)
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6 Kommentare
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peter walter aus Billstedt | 30.01.2016 | 00:32  
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Elke Noack aus Rahlstedt | 30.01.2016 | 12:10  
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peter walter aus Billstedt | 30.01.2016 | 17:18  
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Elke Noack aus Rahlstedt | 30.01.2016 | 19:55  
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peter walter aus Billstedt | 31.01.2016 | 02:33  
1.240
Elke Noack aus Rahlstedt | 31.01.2016 | 09:33  
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