„Nie wieder Faschismus!“

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Blick auf die Gedenkstätte an der Ahrensburger Straße Foto: Je
 
Natalija Radschenko bei der Gedenkveranstaltung im Bürgersaal Foto: je

Natalija Radschenko erzählte über ihre Schreckenszeit im KZ Wandsbek

Von Martin Jenssen
Wandsbek
Sie ist 92 Jahre alt und geht leicht gebeugt. Sie ist klein, kaum 1,60 Meter groß – und dennoch ein Frau von ungeheurer Größe: Natalija Radschenko. Als Zeitzeugin hat sie die beschwerliche Reise aus Weißrussland nach Hamburg unternommen, um an der Gedenkveranstaltung der Bezirksversammlung für die Opfer des KZ Außenlagers Wandsbek teilzunehmen. In dem KZ musste Natalija Radschenko fast ein Jahr unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Den rund 150 Teilnehmern an der Gedenkfeier erzählte Natalija Radschenko in beeindruckender Weise ihre Lebensgeschichte. Im Jahre 1943 war sie in Nikolajew, ihrer Heimatstadt in der südlichen Ukraine, von der deutschen Wehrmacht festgenommen und als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt worden. Ihre Fluchtversuche scheiterten. So musste sie zunächst in einem Straflager in Wuppertal und dann für die Kruppwerke arbeiten. Im Sommer 1944 kam sie nach Wandsbek in das Außenlager der Drägerwerke. Sie war eine von über 500 Zwangsarbeiterinnen, die dort Gasmasken produzieren mussten.
Die Bedingungen waren entsetzlich. „Wir mussten jeden Tag zwölf Stunden arbeiten“, berichtet Natalija Radschenko. „Furchtbarer Hunger war unser ständiger Begleiter. Es gab jeden Tag dünne Steckrübensuppe, ein kleines Stück Brot und ein Häppchen Margarine. Zu trinken gab es eine undurchsichtige Brühe, bei der man nicht wusste, um was es sich handelte.“

Ihre Freundin wurde gehängt


Ihr kamen schreckliche Gedanken. Natalija Radschenko: „Hätte man mir damals den Vorschlag gemacht: Heute kannst du dich satt essen und morgen wirst du erhängt; ich wäre einverstanden gewesen. In solch einem Zustand befand ich mich.“Auf dem Lagerhof mussten die Frauen zusehen, wie Radschenkos Freundin Maria nach einem Fluchtversuch erhängt wurde. Die Zeitzeugin: „Ich konnte das nicht ansehen. Um nicht dabei sein zu müssen, ging ich zu der Umzäunung des Lagers. Der Zaun stand unter Strom. Noch bevor ich den Zaun erreicht hatte, stürzte ich zu Boden. Nachdem ich mich wieder aufgerappelt hatte, war die Hinrichtung vorüber.“ Nach der Befreiung schickte sie einen Brief nach Nikolajew und erhielt die Antwort, dass ihr Vater, ein Offizier, bei Stalingrad gefallen sei, ihre Mutter aber noch lebe. Sie kehrte zurück in die Ukraine und begann zu studieren. Über 40 Jahre arbeitete sie nach dem Studium als Geologin. Heute lebt sie in Minsk (Weißrussland) bei ihrem Sohn. Ihr versöhnliches Schlusswort: „Ich habe eine gute Beziehung zu den einfachen Menschen in Deutschland. Einfache Menschen waren es, die mir damals ein wenig geholfen haben. Aber bitte, bitte: nie wieder Faschismus!“ Der Saal erhob sich mit großen Applaus zu Ehren der alten Dame, die in Wandsbek so Schreckliches erlebte. Vor der Rede von Natalija Radschenko hatte Stefan Romey, Autor des Buches „Ein KZ in Wandsbek“, eine geschichtliche Darstellung über das Geschehen in dem Lager gegeben. Im Anschluss an die eindrucksvolle Feier im Bürgersaal folgte ein Besuch der Gedenkstätte für die Opfer an der Ahrensburger Straße 162.
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