Rettung für Berufsförderungswerk?

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Nach schwerem Unfall wird Tischler Andreas Neumann (34) zum Mediengestalter umgeschult
 
Eingangsbereich des BFW an der August-Krogmann-Straße Fotos: Jenssen

Geschäftsbetrieb kann trotz Insolvenz weiterlaufen. 1880 Rehabilitanden und 300 Mitarbeiter dürfen hoffen

Von Martin Jenssen
Farmsen-Berne. Er hat Tischler gelernt. Nach einem tragischen Unfall ist es Andreas Neumann aber nicht mehr möglich, schwere Bretter zu schleppen, Türen oder Fenster einzubauen. Doch zum Glück ist das Berufsleben für ihn nicht vorbei. Durch das Berufsförderungswerk (BFW) Hamburg hat er eine zweite Chance bekommen. In den hellen, gut ausgestatteten Schulungsräumen an der August-Krogmann-Straße wird Andreas Neumann zum Mediengestalter umgeschult.
„Durch diese Ausbildung eröffnen sich für mich neue Perspektiven“, sagt der 34-jährige Hamburger. Er freut sich auf berufliche Aufgaben in einer Werbeagentur oder einem großen Betrieb.
Die Ausbildungszeit von Andreas Neumann dauert jedoch noch gut 19 Monate, bis Januar 2015. Ob er dann seine Abschlussprüfung in Hamburg ablegen kann, stand noch bis Ende vergangener Woche in den Sternen. Das BFW hatte einen Insolvenzantrag gestellt.
Nun aber kann der junge Mann wieder hoffen, denn das Gericht hat einem „Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung“ zugestimmt. Damit könne der Geschäftsbetrieb weiterlaufen, die Gehälter der rund 300 Mitarbeiter könnten vorerst weiter gezahlt und neue Teilnehmer aufgenommen werden. Rückblick: Mitte Mai muss das Berufsförderungswerk die Insolvenz anmelden. Es fehlt Geld, viel Geld. Das BFW hat Schulden, die sich auf knapp 20 Millionen Euro belaufen. Die Gehälter der Ausbilder und Mitarbeiter können nicht gezahlt werden.
Nicht nur die Arbeitsplätze der 308 Vollzeitmitarbeiter stehen auf dem Spiel, auch die Umschulung der 1880 Teilnehmer ist bedroht. Nicht alle der teilweise schwer behinderten Rehabilitanden können ohne weiteres an einen anderen Standort versetzt werden.
In Farmsen-Berne werden Fachkräfte für den kaufmännischen Bereich, für die Metall- und Elektroindustrie und Medienberufe ausgebildet. Fachkräfte, die in Norddeutschland dringend benötigt werden und die durch die fundierte Ausbildung, die sie beim BFW bekommen, hervorragende Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Einzige Einrichtung im norddeutschen Raum

Das Berufsförderungswerk n der August-Krogmann-Straße ist die einzige Einrichtung dieser Art im norddeutschen Raum, zuständig für Hamburg, Schleswig-Holstein, das nördliche Niedersachsen und das westliche Mecklenburg. Die Standorte der nächstgelegenen Berufsförderungswerke sind weit weg, in Stralsund, Goslar, Hameln und Bremen. Aus diesem Grund appellieren der Betriebsrat des BFW und die Gewerkschaft Ver.di an die Stadt Hamburg, die Eigentümer des BFW ist, alles zu unternehmen, um das Förderungswerk in Farmsen-Berne zu halten.
In die finanzielle Bredouille geriet die Einrichtung, weil die Auslastungszahlen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen sind. Die Jobcenter, Berufsgenossenschaften und Rentenversicherung, die früher für eine gute Belegung sorgten, sparen. Gab es vor acht Jahren noch 750 Neuanmeldungen pro Halbjahr, ist die Zahl auf unter 200 gesunken. Die Einnahmen für das BFW gingen dadurch stark zurück. Ein Rettungsplan für das BFW, der bereits bestand, wurde durch die Berufsgenossenschaften boykottiert. Als Gläubiger des Berufsförderungswerks hätten die Genossenschaften auf 35 Prozent ihrer Forderungen verzichten müssen. Es hätte die Rettung für das BFW bedeutet. Für die Berufsgenossenschaften war dieser Verzicht aus rechtlichen Gründen nicht möglich.
Dennoch sind sich Betriebsrat und Ver.di sicher, dass Rettungschancen bestehen. Das riesige Grundstück des BFW, dicht beim U-Bahnhof Farmsen gelegen, könnte geteilt, eine Hälfte mit Wohnungen bebaut werden. Ein Käufer für das Grundstück steht bereit. Er würde zwölf Millionen Euro dafür zahlen. Gleichzeitig müsste die Zahl der BFW-Mitarbeiter von 308 auf rund 140 reduziert werden. Pläne, die der Insolvenzverwalter prüfen muss, die aber einen Lösungsansatz bieten.
Nun eröffnet das „Schutzschirmverfahren zumindest die Chance, den Sanierungplan doch noch umzusetzen. Ist also die Rettung des BFW in Sicht? Der Erhalt des BFW ermöglicht es Menschen wie Andreas Neumann und Reiko Thef, die nach schweren Unfällen aus der beruflichen Laufbahn geworfen wurden, wieder Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen.
Reiko Thef (32), der vor zwei Jahren von der mecklenburgischen Seenplatte nach Hamburg kam, ist nach einem Unfall vom Rollstuhl bedroht. Beim Berufsförderungswerk wurde der Garten- und Landschaftsbauer auf Industriemechaniker umgeschult. In wenigen Tagen hat er seine Prüfung. Danach kann er bei der Hamburger Hochbahn arbeiten. Auch für die Jobvermittlung hat das BFW gesorgt.
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