Rückbau: Erben beklagen mangelnde Pietät

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Birgit und Jens Gehring vor der Genossenschaftswohnung: auch die Rollläden mussten abgebaut werden Foto: tel

Nach 52 Jahren Mietzeit stirbt die Bewohnerin. Genossenschaft pocht auf Vertrag und setzt der Tochter zu

Von Michael Hertel
Rahlstedt
„Mit der Pietät ist es da nicht so weit her“, sagt Rentner Jens Gehring (75) und meint den Eigentümer der Wohnung seiner Schwiegermutter, die Hamburg-Rahlstedter Baugenossenschaft („Harabau“). Gerda Jacobsen war am
1. Juli 1964 in die Dreizimmerwohnung am ruhigen Pogwischrund (Rahlstedt) eingezogen. Nach einem bösen Sturz mit anschließender Operation Ende Mai dieses Jahres konnte sie sich nur noch im Rollstuhl bewegen und musste ihre geliebte, aber nicht rollstuhlgerechte Wohnung unter Tränen kündigen. Noch vor Ablauf des Mietvertrages am 30. September verstarb Gerda Jacobsen. Zur Trauer kam für Tochter Birgit (63) und ihren Mann Jens Gehring nun noch der Kampf mit der Harabau hinzu. Von der Vorstellung, eine besenreine Übergabe würde ausreichen, musste sich das Ehepaar schnell verabschieden. Nach einer Besichtigung flatterte ihnen Ende September ein Endabnahmeprotokoll der Baugenossenschaft ins Haus, in dem quasi jeder Farbklecks detailliert aufgeführt wurde. Da wurde in nüchternem Amtsdeutsch vom abschließbaren Fenstergriff, über Rollläden und Markise, bis zur modernen Heizung alles moniert, was in den letzten 52 Jahren durch die Mieterin – womöglich sogar wertsteigernd – in die Wohnung eingebaut wurde. Weil die Erben der Aufforderung nicht nachkamen, ließ der Vermieter Rollläden, Briefkasten und mehr entfernen. Juristisch ist die Sache klar: Im Mietvertrag war „Rückbau“ vereinbart. Was dem Ehepaar Gehring so zusetzt, ist die mangelnde Pietät, die der Vermieter an den Tag legte: Weil Gehring als nachfolgender Erbe des gekündigten Vertrags das Endabnahmeprotokoll nicht unterschreiben wollte, steht auf jeder Seite des Protokolls vom 30. September im Unterschriftfeld des Mieters lapidar: „Unterschrift Gerda Jacobsen – verweigert“. Auf den Vorgang angesprochen, erklärte Harabau-Geschäftsführer Hans-Jürgen Teudt gegenüber dem Wochenblatt: Nein, man wolle keineswegs den Zustand von 1964 wieder haben. Doch bei der Heizung beispielsweise (1964 gab es dort noch Kachelöfen) habe die Mieterin eine Anlage eingebaut, die mit dem Standard in der Siedlung nicht kompatibel sei. Teudt: „Im Mietvertrag ist eindeutig eine Rückbauverpflichtung enthalten. Es tut uns Leid, aber wir müssen alle gleich behandeln.“ Diese Auffassung wird vom Mieterverein zu Hamburg bestätigt: „Entscheidend ist, was im Mietvertrag vereinbart wurde. Der Vermieter kann dann auf den Rückbau bestehen.“ Der Mieterverein rät: „Alle baulichen Veränderungen sollte der Mieter vorher mit dem Vermieter abstimmen und zwar schriftlich.“ Noch ist der Vorgang nicht abgeschlossen, haben die Erben von Gerda Jacobsen die Rechnung nicht erhalten. Doch Jens Gehring ist schon bedient: „Die Genossenschaft mag im Recht sein. Aber die Art und Weise haben wir als pietätlos und schikanös empfunden.“
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