"Ruhe in Frieden, du alter Penner!"

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Harry Rowohlt verstarb am 15. Juni 2015 nach langer schwerer Krankheit Foto: Joachim Becker/wb

Zum Tode von Harry Rowohlt

Von Waltraut Haas

Eppendorf. Hamburg trauert um Harry Rowohlt. Am 15. Juni starb der geniale Schauspieler, Autor, Rezitator und vielfach ausgezeichnete Übersetzer nach schleichender schwerer Krankheit –daheim im Kreise seiner Liebsten an der Eppendorfer Landstraße

. Im vergangenen März war er 70 Jahre alt geworden.
Ob er in letzter Zeit krank gewesen sei? „Kein einziges Mal“, antwortete Harry Rowohlt schon vor Jahren mit seiner kantig-sonoren Stimme und setzt wie beiläufig hinzu: „mal abgesehen von meiner chronischen Polyneuropathie.“ Das sei jedoch eine „empfehlenswerte Krankheit“, denn sie bereite keine Schmerzen, man spüre eben – nichts. Um deren Auswirkungen zu verlangsamen, verzichtete er schon seit längerem auf seinen geliebten Single Malt Whisky – und arbeitete weiter. „Seit ich nicht mehr saufe, habe ich viel Zeit, und weil ich überhaupt keine Erfahrung mit ‚Freizeitbeschäftigung‘ habe, fällt mir nix anderes ein, als zu arbeiten.“ erklärte er einmal. Und: Er sei eben „zu alt für Ruhestand“. Seine Lieblingstugend: „Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.“ Und er dachte so viel, sprach es freiweg aus und schrieb es auch auf.

Als „Urgestein“ in der „Lindenstraße“ ab 1995 musste er wenig an sich verändern. Langhaarig mit Rauschebart spielte er in der Rolle des intellektuellen Penners „Harry“ sein Alter Ego. Mit 193 Auftritten eroberte er bald Kultstatus in der Endlos-Serie. Wie sehr ihn seine Fans jetzt vermissen, lässt sich aus einer Vielzahl berührender Kondolenz-Mails ablesen. „Harry, du warst skurril, originell, kantig, klug, hintersinnig, derb, unempfindlich, sensibel. Du warst der Beste.“ so einer seiner Bewunderer für viele.

Ob als Schauspieler in der Rolle des bärtig-unfrisierten Obdachlosen oder als herausragender Vorleser in vollen Sälen: Harry Rowohlts große Fangemeinde muss sich jetzt mit seinen auf Youtube dokumentierten Auftritten trösten. Worin er auch die Anekdote zum besten gibt, als ihm – ob seines verwegenen Aussehens – der Zutritt zu seiner eigenen Lesung verwehrt wurde.

Mit Harry Rowohlt ging zugleich der „wichtigste deutsche Übersetzer“: Gut 120 englische Werke namhafter Autoren übertrug er ins Deutsche, so akribisch und genial, dass er dafür mehrfach ausgezeichnet wurde. „Pu der Bär“ von Alan Milnes erlangte mit Rowohlts Übersetzung große Beliebtheit unter Kindern, der Bär wurde auch zu seinem persönlichen Maskottchen in „Pooh‘s Corner“: seiner ironisch-hintersinnigen Kolummne in der „Zeit“, in Buchform beim Verlag „Kein & Aber“. Er arbeitete „kongenial“: Noch während Frank McCourt „Joana’s Ashes“ verfasste, übersetzte Harry Rowohlt – in ständigem Kontakt mit dem Autor – schon einzelne Kapitel fast simultan, und erschuf so „Die Asche meiner Mutter“. Die deutsche Ausgabe erschien im gleichen Jahr wie das Original, wurde im Senkrechtstart zum Bestseller.

Geboren in den letzten Wochen vor Kriegsende im März 1945 in einem Luftschutzkeller in der Hochallee, wird der Sohn der Schauspielerin Maria Pierenkämper und des Verlagsgründers Ernst Rowohlt bald zum „Enfant terrible“, verkauft seine Anteile am Rowohlt Verlag. Sein Leben lang bleibt er sich treu, ein „Gegenentwurf“ zur High Society in Nadelstreifen. Der unermüdlich freischaffende Künstler lebte zuletzt zurückgezogen mit Ehefrau Ulla in Eppendorf.

Die Trauer um ihn hat so viele Facetten – seiner Person und seinem Multitalent gemäß. Über eines der Kondolenzschreiben würde er sich besonders freuen: „Ruhe in Frieden, du alter Penner! Du hast einen tollen Weg gemacht. Danke für Alles. Chapeau!“
Requiescat in pace – Rest in Peace –R.I.P. (wh)
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