Schulabschluss – und dann?

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Gifty (r.) und Nima beim Papierbrückenbau. Wie arbeiten sie im Team? Foto: Gehm
 
Denise möchte später Tierärztin werden Foto: Gehm

Mehrtägige Workshops im Bildungszentrum sollen Achtklässlern Klarheit über Fähigkeiten geben

Von Dagmar Gehm
Jenfeld
In zwei Jahren könnte es in Hamburg eine kleine Schwemme von Polizeianwärtern geben. Vorausgesetzt, eine Anzahl Achtklässler der Max-Schmeling Stadtteilschule in Jenfeld setzt den Berufswunsch um. Der 14-jährige Nima will Polizist werden, die 15-jährige Gifty auch. Sie sind nicht die einzigen in ihrer Klasse. Es sei denn, sie treffen eine andere Entscheidung, finden auf der dreitägigen, sogenannten Potenzialanalyse heraus, wo ihre Fähigkeiten tatsächlich liegen.
Seit Ende 2010 lässt die Bundesagentur für Arbeit in allen deutschen Bundesländern mit den Jugendlichen der Vorabgangsklassen eine Analyse der beruflichen Fähigkeiten durchführen. Seit 2013 finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Aktion über das Berufsorientierungsprogramm. 
In Hamburg werden sie vom Bildungszentrum Hamburg des Internationalen Bundes (IB) in Kooperation mit der Schulbehörde ausgestaltet. Über 10.000 Schülerinnen und Schüler von 30 Stadtteilschulen aus Hamburg und Schleswig-Holstein haben beim IB schon ihre wahren Stärken entdeckt. In der Regel setzt der IB in der achten Klasse an.
„Unser Ziel ist es, den Startschuss für die Berufsorientierung zu geben und einen Raum für die Jugendlichen, sich selbst kennenzulernen“, erklärt Ulrike Klante von der Schulkoordination BOP (Berufsorientierungsprogramm). In kleinen Gruppen sollen heute insgesamt 25 Schüler unter professioneller Beobachtung bestimmte Aufgaben bewältigen. „Die Schüler finden es toll, etwas über sich selbst zu erfahren, die Eltern sind dankbar für jede Rückmeldung aus einem unterschiedlichen Blickwinkel“, sagt Ulrike Klante. „Zwei Tage verbringen die Schüler bei uns, an einem weiteren Tag werden an der Schule Abschlussgespräche geführt.“

Teamarbeit gefragt


Auf dem Lehrplan steht jetzt Brückenbau. Die symbolische Aktion hat jedoch ihre technischen Tücken. Sechs Gruppen sollen aus Papier je eine Brücke bauen, unter der ein Spielzeugauto hinauf, hinunter und hindurch fahren kann und die so stabil ist, dass sie das Auto oben trägt. Die Brücke darf bis zu 1,5 Millionen Euro kosten, jeder DIN-A4 Bogen, der dafür benutzt und zerschnitten werden darf, schlägt mit 500.000 Euro zu Buche. Teamarbeit ist gefragt, und wie bei jeder Teambildung der Erwachsenen kristallisiert sich schnell heraus, wer die Führungsrolle übernimmt, wer kreative und architektonisch anspruchsvolle Einfälle hat und wer die Kontrolle über die Finanzen übernimmt.
Ausbilder Alexander Frantz, der schon vier Jahre beim IB ist, findet „Brückenbau ganz wichtig, weil man erkennt, wer strukturiert arbeiten kann. Wer lieber nichts riskiert aus Angst, etwas falsch zu machen, wer mutig ist, einfach mal etwas zu wagen.“ Während sich das Viererteam mit dem Brückenbau beschäftigt, macht er sich Notizen zu den einzelnen Teilnehmern: Ausdauer, Zielstrebigkeit, Leistungsmotivation, Kommunikationsfähigkeit, Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein. Manchmal gibt er leichte Hilfestellung: „Die Brücke besteht aus zu vielen Einzelteilen, Ihr müsst sie zu einem Ganzen zusammenkleben“.
Gifty, deren Eltern aus Ghana kommen und die im SC Concordia in Jenfeld Fußball spielt, übernimmt sofort die Gesamtplanung und verteilt Aufgaben. Tina aus China meint, man müsse das Fundament zu einer Ziehharmonika falten. Nima mit den afghanischen Wurzeln hält sich selbst für wenig kreativ und läuft erst beim Zusammenrechnen zur Hochform auf. Denise ist eher zurückhaltend, spricht sich leise mit Tina ab. Trotzdem meint Alexander, dass die Gruppe superschnell zusammengefunden hat. Später müssen sie sich selbst auf einem Fragebogen beurteilen: Ich habe ausreichend gearbeitet – ja/nein. Ich konnte mich gut durchsetzen – ja/nein. Ich konnte mit Kritik gut umgehen – ja/nein.
Außenwahrnehmung und Selbstwahrnehmung. Manchmal klaffen sie auseinander.
Zum Schluss präsentieren die einzelnen Teams ihre Brückenmodelle, um dann von den Coaches beurteilt zu werden. Diesmal gibt es ausnahmsweise zwei erste Preise: ein Entwurf punktete mit einem originellen Regendach, der zweite mit künstlerisch gestalteten Lampen. Team Nima, Nina, Gifty und Denise fallen in die Kategorie zweiter Preis.

Schulpraktika


Nach verschiedenen Übungen, wie dem Entwerfen eines Outfits für eine Modenschau oder der Ermittlung von Feinmotorik beim Serviettenfalten, sehen viele schon klarer. Die meisten Schüler können jetzt planvoller in die Schulpraktika gehen. Nima will noch immer Polizist werden, auch Denise bleibt bei ihrem Berufswunsch Tierärztin. Die übrigen, die vorher wenig Vorstellungen ihrer beruflichen Zukunft hatten, wissen jetzt zumindest, dass sie in einen kreativen Beruf gehen wollen, in eine Sparte, in der Feinmotorik gefragt ist oder „etwas mit Zahlen“ machen möchten. Manche haben Fähigkeiten entdeckt, von denen sie nichts wussten.
Ob sie nach Rücksprache mit ihren Eltern und Lehrern dieses Potenzial auch nutzen, wird die Zukunft zeigen. Einen Wegweiser haben sie heute zumindest bekommen.
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