Schutzgebiet verkleinert

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Das Thema ÜSG zog viele Berner ins Volkshaus Foto: tel
 
Experimentierfreudig: Frank Herbert (42,l.) und Thomas Müller (52) von der Bürgerinitiative zeigten, wie Wasser von versiegelten Flächen abläuft Foto: tel

Die ÜSG-Flutwelle fällt niedriger aus. Die Kritik der Anwohner aber bleibt

Von Michael Hertel
Berne
Das „Überschwemmungsgebiet Berner Au“ (ÜSG) wird voraussichtlich flächenmäßig kleiner ausfallen als zunächst berechnet. Das ist das wichtigste Ergebnis einer Informationsveranstaltung am vergangenen Mittwoch. Mit rund 300 Bürgern war das Volkshaus Berne fast bis auf den letzten Platz besetzt. Die beteiligten Behörden traten mit einer großen Mannschaft hochrangiger Beamten und Fachleuten an, unter ihnen der Staatsrat der Umweltbehörde, Michael Pollmann, und Wandsbeks Bezirksamtsleiter Thomas Ritzenhoff als Gastgeber. Durch verfeinerte Messmethoden, dem Nachgehen von Hinweisen Betroffener (bei den Behörden gingen mehr als 400 Stellungnahmen von Bürgern ein) und den Einsatz einer brandneuen Software aus Holland reduziert sich die Größe des Überschwemmungsgebiets von ursprünglich 43 Hektar auf nunmehr 32 ha. Die Zahl der im ÜSG liegenden Wohngebäude sinkt von 115 auf 77. Insgesamt fielen durch die Nachberechnung 64 Grundstücke vorerst aus dem ÜSG heraus, acht Grundstücke (vor allem im Bereich der Straße Kleine Wiese und dem Sportplatz des TuS Berne) wurden neu aufgenommen. Auch das Grundstück von Thomas Müller (52), einem der Sprecher der Bürgerinitiative „Kein Überschwemmungsgebiet Berner Au“, fällt größtenteils aus dem Bereich heraus. „Das ändert nichts an meinem Engagement gegen das ÜSG. Grundstücke, die heute außerhalb des Gebietes liegen, können durch veränderte Bedingungen jederzeit in die ÜSG-Fläche aufgenommen werden, zumal diese alle sechs Jahre neu berechnet wird.“
Ausführlich erläutert wurde den Bürgern die Berechnungsmethodik. Auch die rechtlichen und praktischen Auswirkungen wurden angesprochen und sind in einem von der Umweltbehörde neu herausgegebenen Leitfaden für Anwohner nachzulesen. Viele Anwesenden ließen sich dadurch allerdings nicht beruhigen. Eines der Gegenargumente: Durch die ÜSG-Ausweisung verliert mein Grundstück an Wert. Noch schwerer wiegen allerdings Vorwürfe, die Stadt halte sich angesichts einer verfehlten Abwasserpolitik an Bürgern schadlos, anstatt sie aktiv vor möglichen Hochwassern zu schützen. Das Thema ÜSG wird die Behörden und Berne noch auf Jahre beschäftigen. Zunächst wird die nachberechnete Fläche durch Veröffentlichung im Amtlichen Anzeiger vorläufig gesichert. Dann aber müssen noch neun weitere Überschwemmungsgebiete in Hamburg berechnet werden, bevor man das Ganze in eine Rechtsverordnung gießen will.

Kommentar: Bach oder Siel?


Ist die 7,7 Kilometer lange Berner Au ein natürliches Fließgewässer oder eine Art offenes Großsiel für ein Regenwasser-Einzugsgebiet von 22 Quadratkilometern im Nordosten Hamburgs? Diese Fragestellung könnte noch höchste deutsche Gerichte, ja sogar Juristen auf europäischer Ebene beschäftigen. Die Vertreter der Bürgerinitiative gegen das ÜSG behaupten: Die Berner Au existiert nur, weil die Stadt dort mit einem verfehlten Abwassermanagement bis zu 80 Regenwassersiele angeschlossen hat. Und anstatt die Bürger vor der theoretisch berechneten Flutwelle eines alle 100 Jahre eintretenden Hochwassers zu schützen, lässt sie die Anwohner der Berner Au bildlich gesehen im Regen stehen. Wer ein Grundstück innerhalb des potenziellen Überflutungsgebietes besitzt, verliert per Rechtsverordnung einen Teil seiner Verfügungsgewalt. An- und Ausbauten ab einer bestimmten Größe sind dann nur noch mit entsprechenden Genehmigungen der zuständigen Wasserbehörde und womöglich verbunden mit kostspieligen zusätzlichen Auflagen zu realisieren. Die Bürger sind wütend, zumal die Stadt selbst nicht mit gutem Beispiel voran geht. So werden die Kapazitäten in der Regenentwässerung (Rückhaltebecken) seit langem nicht mehr angepasst, die künstlich angelegten Teiche auch nicht mehr entschlammt. Bei der Veranstaltung im Volkshaus kam heraus, dass die Durchlässe der Berner Au unter Straßen und Wegen längst nicht die in der ÜSG-Regelung zugrunde gelegte Dimensionierung des viel beschworenen Jahrhunderthochwassers aufweisen. Aber wer weiß: Sollte die Berner Au doch nur ein großes Siel sein, dann fällt dort für die Stadt die Verpflichtung zur ÜSG-Ausweisung weg, und die Karten werden neu gemischt. (Michael Hertel)
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