Sie weiß, wie Täter ticken

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Claudia Brockmann an der Brücke zum Rosengarten auf dem Friedhof Ohlsdorf. Ruhe im Grünen und Radsport sind ihr Ausgleich zur Arbeit bei der Polizei Foto: sta
 
„Warum Menschen töten“ (208 Seiten, 14.99 Euro, Ullstein Extra)

Polizeipsychologin Claudia Brockmann aus Alsterdorf hat ein Buch über ihre Arbeit geschrieben

Von Silvia Stammer
Winterhude/Alsterdorf. Der Sonntagabend ist auch bei Claudia Brockmann in Alsterdorf „Tatort“-Zeit. Doch die actionreichen Ausgaben mit Til Schweiger oder Klamauk aus Münster interessieren sie nicht, viel eher „Ermittlungshypothesen und Kopfarbeit“.

Kein Wunder: Claudia Brockmann ist Polizeipsychologin. Über ihre 26 Jahre Praxis in der Hamburger Polizei hat sie jetzt ein Buch geschrieben: „Warum Menschen töten“.

„Auch Lügen sind Informationen“

Anhand von fünf Fällen, die sie besonders berührten und die Schlagzeilen machten, schildert die 53-Jährige, wie sie den Ermittlern bei der Überführung von Mördern, der Suche nach Flüchtigen oder Erpressern zur Seite steht. In den Schilderungen sind Orte verfremdet und Namen verändert, wegen der Persönlichkeitsrechte von Opfern und Tätern, die nach dem Gesetz ein Recht auf Resozialisierung haben.
Doch egal, ob anonymisiert wie bei einem entflohenen Verbrecher, der 1995 Stadt wochenlang in Atem hielt, oder dem Schicksal, das einen Namen hat wie bei Hilal, dem seit 1999 verschwundenen Mädchen aus Lurup: Der Leser bekommt ungewöhnliche Einblicke in die Polizei-Arbeit.
Claudia Brockmann fasst gegenüber dem Wochenblatt ihre Herangehensweise zusammen: „Ich versuche, anhand dessen, was wir über Täter und Täterverhalten wissen, mich in sein Verhalten hineinzudenken, seine künftigen Schritte zu prognostizieren.“ Oder anders gesagt: „Zu wissen: wie tickt der Täter?“
Es ist ein faktenorientiertes Buch, geschrieben in mitfühlendem, aber nüchternem Ton - das Geschehene ist eindringlich genug. Das schwarze Cover mit dem markigen Titel und einem „T“, aus dem das Blut tropft, war vermutlich ein Zugeständnis an den Verlag. Co-Autor Bernd Volland schafft es, die ruhige, dunkle Stimme von Claudia Brockmann fast hörbar zu machen, wenn geschildert wird, wie die sechsjährige Denise gefesselt und geknebelt tot in einer Kiste entdeckt wird und wie sich später der Hauptverdächtige, ein 18-Jähriger Nachbarsjunge, in Widersprüche verstrickt.
Im Vordergrund steht die Analyse jenseits des Schreckens: „Auch Lügen sind Informationen. (…) Sie zeigen, dass der Lügner etwas verbergen will. (...) Welchen Eindruck will er von sich und der Tat vermitteln? Und welchen verhindern?“, heißt es. Die Schlüsse aus der Biografie und dem Verbrechen ziehen am Ende die Gerichte.

Der Fall Dagobert

Polizeipsychologen seien keine „Profiler“ wie aus dem Fernsehen, die „Eingebungen“ hätten, betont Claudia Brockmann. Überlegungen folgen der Spurenlage, „Drosselmarken“ am Hals, Schmutz, DNA. Dahinter tun sich menschliche Abgründe auf, Gewaltphantasien, die so oft im Geheimen gedacht wurden, bis sie Realität wurden. Ihr Alltag im Präsidium in Winterhude sei von Büroarbeit geprägt, von Fallberatung, Vernehmungsseminaren und Erpresserbriefen, deren Ernsthaftigkeit zu prüfen sei, erzählt die Psychologin. Ein Mann, der von Juni 1992 die Polizei fast zwei Jahre lang an der Nase herumführt, beansprucht sie jedoch ganz besonders, auch wenn sie ihn nie persönlich kennenlernt: Kaufhaus-Erpresse Dagobert. Gescheiterte Geldübergaben mit Abwurfvorrichtungen an Zügen, die nicht auslösen, Löcher in Sandkisten, durch die Geldsäcke ins Siel fallen: Die Öffentlichkeit hegt trotz mehrerer Bombenexplosionen mehr oder weniger unverhohlen Bewunderung für den „trickreichen“ Verbrecher, der Polizeiapparat knarzt unter Erfolglosigkeit. Ein Technik-Freak „ungelenk im sozialen Umgang“, skizziert die Polizeipsychologin den zunächst noch Unbekannten. Heute angesprochen auf den Mann, der nach Verbüßen seiner Strafe ins TV-Dschungelcamp ging, sagt Claudia Brockmann: „Was ich damals eingeschätzt habe, finde ich heute wieder.“

Aus der Reserve gelockt

Einen entflohenen Frauenmörder, der als hochgefährlich und unberechenbar gilt, lockte die Hamburger Polizei mit psychologischer Hilfe aus der Reserve. „Über Kommunikation die Festnahme zu erreichen“ - diese Strategie ist aufgegangen, als „Markus Ebert“, wie der Mann im Buch heißt, sich mehr als zwei Monate nach seiner Flucht stellt. Er hatte sich in einer Wohnung in der Nähe der Hamburger Straße auf der Uhlenhorst versteckt, doch als er die medial inszenierten Bilder der Verhaftung seiner engsten Helferin sieht, gibt er auf. Bei der Polizei hatte man gewusst, wie der Täter tickt.

Zur Person:
Claudia Brockmann (53) studierte Psychologie in Kiel, mit Schwerpunkt forensische Psychologie. Ihre Diplomarbeit schrieb sich über die Zuverlässigkeit von Zeugenaussagen. Sie arbeitet seit 1987 bei der Hamburger Polizei, seit 2005 leitet sie die Kriminalpsychologische Einsatz- und Ermittlungsunterstützung beim Landeskriminalamt.
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