So sieht Inklusion aus

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So soll das Wohnhaus für Behinderte und Nichtbehinderte einmal aussehen Animation:Architekturbüro Dohse
 
Hier sollen ab Jahresende 140 behinderte und nichtbehinderte Menschen wohnen Foto: rg

Erstes Richtfest für Wohngebäude auf der Jenfelder Au. Behinderte und Nichtbehinderte sollen in guter Nachbarschaft leben

Von Rainer Glitz
Hamburg. Der langgezogene Rotklinkerbau an der Wilsonsstraße ist eingerüstet, Stapel mit Dämmplätten sind zu sehen. Über eine provisorische Holztreppe kommt man in den Rohbau, in dem die Leitungen auf dem Boden liegen. Hier entstehen 71 Wohnungen für 140 Menschen mit und ohne Behinderung.

Man habe immer mal wieder Zweifel gehabt, sagte Uwe Riez beim Richtfest. „Die Zusammenarbeit war aber sehr gut, wir hatten nicht einen Tag ernste Schwierigkeiten“, so der Vorstand der Hamburger Blindenstiftung. Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Hamburger Lebenshilfe-Werk für Menschen mit geistiger Behinderung und der Baugenossenschaft Wohnungsverein Hamburg von 1902.

Von überregionaler Bedeutung

„Inklusion heißt Zugehörigkeit und ist das Gegenteil von Ausgrenzung“, lobte Dorothee Stapelfeldt, Hamburgs Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen. Das Projekt sei ein wichtiger Baustein für eine Stadt, die Inklusion ernst nehme. Die Jenfelder Au insgesamt sei ein gelungenes Beispiel für die Nutzung ehemaliger Militärflächen und von „überregionaler Bedeutung“, so Stapelfeldt. Nach dem traditionellen Richtspruch feierte die SPD-Politikerin noch mit den rund 150 Gästen. In dem Neubau mit 4.000 Quadratmeter Wohnraum sind 19 barrierefreie Ein- und Zweizimmerwohnungen für blinde und sehbehinderte Menschen vorgesehen. 22 Appartements werden an Menschen mit geistiger Behinderung vermietet, die selbständig leben und eine individuelle ambulante Unterstützung in Anspruch nehmen wollen.

30 Wohnungen für Nichtbehinderte

30 Wohnungen sind für Nichtbehinderte vorgesehen. Die Miete ist dank öffentlicher Förderung niedrig. Das Inklusionsprojekt ist es, dass alle Mieter in guter Partnerschaft miteinander leben, Kontakte aufbauen und sich gegenseitig unterstützen. Es wird einen Treffpunkt geben, den auch Nachbarn und Institutionen aus Jenfeld nutzen können.
Die sichtbaren Fortschritte für das Inklusions-Wohnprojekt können nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Stadtteil grundsätzlich Kritik an der schleppenden Bautätigkeit und dem Marketing geübt wird. Das wurde bei einem Rundgang über die Jenfelder Au sowie bei der Stadtteilkonferenz deutlich.
Etwa 40 interessierte Bürger waren bei der letzten Baustellenbesichtigung dabei. Ihr Eindruck: Die künftigen Wasserflächen sind im Werden, der Betriebshof von HamburgWasser hat zumindest schon einen ersten Rohbau zu bieten und das Heizhaus ist in Betrieb. Ansonsten prägen nach wie vor riesige Schutt- und Kieshaufen die 35 Hektar große Fläche der Jenfelder Au. 1999 verließ die Bundeswehr das Kasernengelände, 2006 wurde der städtebauliche Wettbewerb gestartet, es folgten ein Bebauungsplan und die Sondierung und Sanierung des Bodens.
Kritik aus dem Stadtteil gab es daran, dass ganze 40 Wohnungen auf der Jenfelder Au öffentlich gefördert werden. Die Ansiedlung von Firmen auf dem Gewerbeteil des Quartiers sei unbefriedigend. So warte eine Autowerkstatt aus der Charlottenburger Straße seit drei Jahren auf eine verbindliche Zusage, wobei die alten Räume bereits gekündigt seien. Auch der Plan, im alten Mannschaftsheim eine Kita mit 150 Plätzen zu schaffen, stieß angesichts der vielen bestehenden Einrichtungen in Jenfeld auf Unverständnis.
„Wir haben 430.000 Kubikmeter Erde bewegt und 2,4 Tonnen Kampfmittel gefunden“, erläuterte jetzt Heike Heuer vom Landesbetrieb Immobilien und Grundvermögen (LIB) vor der Jenfelder Stadtteilkonferenz. Ähnlich langwierig sei die Erschließung des Geländes. „Sie glauben, es passiert nichts“, so Heuer. Doch es würden Leitungen und Kabel verlegt sowie Baustraßen erstellt – das sei nicht immer von außen erkennbar. Im westlichen Teil des Geländes sei noch in diesem Monat die sogenannte Hochbaureife erreicht, die Verhandlungen mit Investoren seien im Gange. Die LIB nutze alle gängigen Wege des Marketings. Es gebe allerdings ein grundsätzliches Problem: „Wir locken niemand aus dem Bereich westlich der Alster nach Jenfeld“, erklärte Heuer. Die Erfahrung zeige, dass Menschen dort Häuser kauften, wo sie schon vorher gewohnt haben. Im Bereich Jenfeld sei die Kaufkraft aber gering, und die im Bebauungsplan vorgeschriebenen reihenhausähnlichen Stadthäuser relativ teuer. Abhilfe schaffen könnten sogenannte Hybridhäuser: Wohnungen mit einer kleineren Fläche hinter den Stadthausfassaden.
Heike Heuer bekam etwas mit auf den Weg: Die LIB solle das gute Konzept der Jenfelder Au mutiger vermarkten. Und zwar nicht im JEN, sondern in der Europapassage.
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